Theater

Hoeullebecq im BE: Viel Blabla, aber durchaus lustig

Robert Borgmann bringt Michel Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ auf die Bühne. Scheitert aber doch an seiner Vorlage.

Alles ist in Bewegung, alles ist Experiment. Nichts ist, wie es scheint in dieser sehr stilisierten Houellebecq-Adaption.

Alles ist in Bewegung, alles ist Experiment. Nichts ist, wie es scheint in dieser sehr stilisierten Houellebecq-Adaption.

Foto: JR/Berliner Ensemble

Nach eigenem Bekunden ist es ein ruhiges und freudloses Leben, das Daniel 24 führt. Einziger Gesprächspartner ist sein Hund, ein Corgi namens Fox. Aber eigentlich zieht Daniel 24 nur eine leere Leine hinter sich her in dieser Versuchsanordnung. In der geht es zwar immer wieder um Bilder, doch muss man ziemlich viel imaginieren, um die meisten vor dem inneren Auge zu sehen.

Daniel 24 indes monologisiert erst mal ausschweifend auf der weiten und ziemlich leeren Bühne über seinen Lebenszweck. Als 24. Inkarnation rekapituliert er den Lebensbericht von Daniel 1 und gibt wiederum einen Bericht an Daniel 25 weiter. Der taucht nach dem Tod von Daniel 24 binnen Nanosekunden in der autarken Hightech-Station auf. Ein biochemisch optimierter Klon von Daniel 1.

Eine typisch sexgierige Houellebecq-Figur

Frankreichs Erfolgsautor Michel Houellebecq hat sich in seinem 2005 erschienenen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ an seinen üblichen Themen abgearbeitet: Der Niedergang der westlichen Gesellschaft, die Angst vor dem Alter, die zunehmende Unmöglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen. Nun hat Regisseur Robert Borgmann die Science-Fiction-Prosa im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht.

Im Mittelpunkt steht Daniel 1 (Peter Moltzen), eine typisch Houellebecq’sche Figur. Ein geld- und sexgieriger Starkomiker. Er lebt auf der Überholspur. Doch an der Liebe scheitert er. Erst gibt ihm die schöne Isabelle (Constanze Becker) Liebe ohne Sex. Dann die blutjunge Esther (Cynthia Micas) Sex ohne Liebe. Wie der Roman, spielt auch die Aufführung auf zwei Zeitebenen.

In der Zukunft, auf einer fast zerstörten Erde, leben wenige Neo-Menschen abgeschieden als Klone und wehren an den Zäunen ihrer Hightech-Stationen barbarische Wilde ab. Die Neo-Menschen kennen keine Emotionen. Einige, wie Marie 23 sowie Daniel 24 und 25, haben aber ein schwaches Echo von Gefühlen.

Die Zukunft ist blau, die Gegenwart rosarot

Während die Zukunft in Neonblau getaucht ist, wärmen kitschige Rosarot-Töne Daniels Gegenwart. Szenen aus seinem Leben reihen sich aneinander. Erzählen den Roman fragmentarisch, wenngleich nicht immer schlüssig. Vor der Bühne hebt und senkt sich der Schriftzug „L’éternité“, auf Deutsch Ewigkeit. Alles ist in Bewegung. Nichts ist, wie es scheint. Alles ist Experiment.

Auch eine gigantische Blumenplastik schwebt in der Bühnenmitte auf und ab. Ihr Schöpfer Vincent (Gerrit Jansen) bezeichnet sie als soziale Skulptur. Darüber streitet er im Zuschauerraum mit Daniel 24, ergeht sich in einem überfrachteten Kunstdiskurs.

Viel Blabla um nichts. Aber durchaus lustig. Ohnehin wird reichlich geredet. Wolfgang Michael als alter Prophet hat einen geradezu irrwitzig langen Monolog über die Menschheit. „Viel Text“, scherzt er. Der Inhalt führt sich selbst ad absurdum. Wie so oft an diesem Abend.

Borgmann klebt nicht an der Vorlage, versucht sie eher in Bilder und Stimmungen zu übersetzen. Mit einem grandiosen Ensemble, das den Abend durchaus sehenswert macht. Am extrem geschwätzigen Roman und seinem mageren Inhalt scheitert die Inszenierung jedoch. Kein Wunder: Das in Aussicht gestellte ewige Leben von Daniel 1 entpuppt sich in unzähligen Klon-Generationen ja auch als Mogelpackung.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel. 28 40 81 55. Nächste Termine: 19. und 26.10., 13. und 14.11., 19.30 Uhr; 20. und 27.10., 18 Uhr.