Show

Pollesch und Hinrichs: Fremdgehen auf der Showbühne

René Pollesch und Fabian Hinrichs standen für die Volksbühne. Jetzt toben sie sich im Friedrichstadtpalast aus.

Fabian Hinrichs sticht mit güldenem Glitzerganzkörperanzug hervor und versucht sich in die Choreografie der Tänzer einzureihen. Was natürlich nicht ganz gelingt.

Fabian Hinrichs sticht mit güldenem Glitzerganzkörperanzug hervor und versucht sich in die Choreografie der Tänzer einzureihen. Was natürlich nicht ganz gelingt.

Foto: William Minke / dpa

Hier, wo Abend für Abend in gigantischen Superlativ-Shows der große Vergnügungsrausch zelebriert wird, steht nun also Fabian Hinrichs. Ganz allein auf der größten Bühne der Welt. Hinrichs fragt: „Was ist denn Tiefe?“ Dann läuft er vom vorderen Bühnenrand bis nach hinten, 37 Meter sind das, und sagt: „Das ist Tiefe. Und wenn man sich öfter sieht. Also wirklich sieht.“

Fabian Hinrichs hatte man jüngst ja eher nicht mehr so oft gesehen auf Berliner Bühnen. Zumindest nicht in Kombination mit Regisseur René Pollesch, der viele Jahre an der Volksbühne inszenierte und sie ab 2021 als Intendant übernehmen wird. Dort haben die zwei ein paar tolle gemeinsame Abende hingelegt und einen allertollsten, der „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ hieß.

Einsamkeit, Vereinzelung, Verlorenheit

Am Mittwoch enterte das Duo vor 1400 Premierengästen jetzt den Friedrichstadt-Palast. Gemeinsam mit 27 Tanzfachkräften der palasteigenen Compagnie. Sie alle haben sichtlich Spaß dabei. Obwohl das Grundthema gar nicht mal so spaßig ist.

Es geht in „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“, so der Titel, vor allem um Einsamkeit, Vereinzelung, Verlorenheit. Nicht nur in diesem großen leeren Raum mit all seinen technischen Möglichkeiten, sondern auch in der Welt mit all ihren emotionalen Möglichkeiten und mindestens ebenso vielen möglichen Enttäuschungen.

Der Urlaubsfreund, ein Stallhase

Im goldenen Glitzer-Trikot tigert Fabian Hinrichs dabei rastlos über die Bühne, leicht humpelnd nach einem Probenunfall, und gibt pseudo-private Einblicke in eine eher unvergnügliche Kindheit. Erzählt vom seinem Urlaubsfreund, dem Stallhasen, der, etwas vorhersehbar, auf dem Teller landet, vom rabiaten Vater und einem Zuhause, das es nicht gab.

Am ehesten vielleicht noch bei den Kumpels, mit denen man mit 17 zu fünft im alten Passat saß, geraucht hat und Musik gehört. Heute hat man sich nichts mehr zu sagen. Übrig geblieben ist aus dieser Zeit die Frage: „Wohin mit dem Verschwinden von Menschen?“

Knallbuntes Kollektiv

Auf der Bühne immerhin sind inzwischen ein paar Menschen dazugekommen, die Tänzerinnen und Tänzer in ihren bunten Trikots und Overalls. Hinrichs versucht sich einzureihen in ihre Choreographien. Klappt wie zu erwarten nur mittelmäßig.

Das knallbunte Kollektiv ist keine Alternative für den nach echter Nähe suchenden melancholisch Vereinzelten, für einen, dem es nicht gelingt, irgendwo dabei zu sein und teilzuhaben. Allerhöchstens noch teilzuhaben an den vom Kapitalismus geforderten Verwertungslogiken, aber das ist ja auch nicht gerade eine Verheißung und schon gar kein Zuhause. Andererseits, eventuell wäre man dann sogar ein bisschen weniger allein.

Diesmal geizt Pollesch mit seinen Exkursen

Nur ganz wenige dieser diskursiven Exkurse, mit den Polleschs Arbeiten oft getränkt sind, gestattet er sich dieses Mal, im Vergleich kommt dieser Abend mit einer fast rührenden Direktheit daher. Fabian Hinrichs ist dafür natürlich die beste aller denkbaren Besetzungen.

Wie er in schlaksiger Unaufgeregtheit die Szenen und die Themen mehr durchstolpert als durchschreitet, scheinbar bedächtig formuliert, als würde sei das alles zwar schon lange in seinem Kopf, würde sich aber erst in diesem Moment darin zusammenbauen und -brauen. Als könne er die Dringlichkeit, mit der das raus muss, dann doch gar nicht mehr kontrollieren.

Manches wirkt noch unfertig

Zwar hat der Text durchaus Schwächen, man hat von Pollesch schon deutlich geschmeidiger Komponiertes gesehen, die Dramaturgie hat hier und da sogar echte Hänger, manches wirkt (noch) unfertig, trotzdem entwickelt der Abend auch einen einnehmenden Charme. Das liegt, neben Fabian Hinrichs, an der grundsympathischen Art, wie Hinrichs und Pollesch sich diesen besonderen Ort aneignen.

Ähnliches ist Pollesch schon am Deutschen Theater gelungen, wo er derzeit übergangsweise als Regisseur engagiert ist und in seiner Einstandsinszenierung „Cry Baby“ das Haus mit allerlei Anspielungen und dekorativen Zitaten leicht spöttelnd zwar, aber doch sehr herzlich umarmte.

Spektakuläre Lasershow

Auch seine Alliance mit dem Amüsiertempel an der Friedrichstraße ist so eine liebevoll ironische Umarmung geworden, das passt. In der leicht misstrauischen Distanz ebenso wie in der Begeisterung, für ein bisschen Show und Glitter war Pollesch ja auch an der Volksbühne immer schon zu haben.

Und hier im Palast erst recht: Es gibt einen spektakulären Lasershow-Moment, bunte Lichtstreifen durchschneiden Raum, später schiebt sich eine selbstfahrende Showtreppe auf die Bühne. Man formiert sich (mit Männern und mit Hinrichs in der Mitte) zur legendären Girl-Reihe und wirft die Beine in die Luft, es gibt eine üppige Tanzeinlage zu Ravels „Boléro“.

Nix mit Las-Vegas-Feeling

Dazwischen aber eben immer auch wieder: Grelles Putzlicht, futsch ist der Glamour, wenn der Mensch wieder auf sich selbst zurückgeworfen ist, nix ist mit Las-Vegas-Feeling, wenn man im Supermarkt vor lauter Einsamkeit seine Telefonnummer verteilt. Das ist in den gut 70 Minuten, die der Abend dauert, sehr gut austariert.

Zum Finale darf’s dann auch gerne etwas mehr sein: Vor einem glitzernden Sternenhimmel hängt Fabian Hinrichs und funkelt golden. Die Tanztruppe trägt auf dem Kopf die hübschen leuchtenden Sichel-Helme aus der aktuellen „Vivid“-Show und wuchtig braust aus der Soundanlage dazu Céline Dions „All by Myself“ auf. Bei so viel Schönheit kann selbst der Einsamste ja gar nicht anders, als dann doch versöhnlich festzustellen: „Es gibt ein Licht, das niemals ausgeht.“

Friedrichstadt-Palast, Friedrichstraße 107, Karten: 23 26 23 26. Nächste Termine: 23.10. und 06.11. (beide Vorstellungen ausverkauft), 27.11., 11.12., 15.01.