Kleinkunst

Sven Ratzke kommt einfach nicht von David Bowie los

Nach „Starman“ bereitet der niederländische Entertainer nun sein zweites Bowie-Programm vor: Dabei ist „Where we are now“ ganz anders.

Ganz in Rot: Sven Ratzke feiert mit seinem neuen Programm am 14. Oktober Weltpremiere in der Bar jeder Vernunft.

Ganz in Rot: Sven Ratzke feiert mit seinem neuen Programm am 14. Oktober Weltpremiere in der Bar jeder Vernunft.

Foto: Bar jeder Vernunft / Hanneke Wetzer

Plötzlich gab es diesen Moment nicht mehr, an dem David Bowie hereinkommen könnte. „Die Idee war, dass er sich die Show im April anschaut“, erinnert sich Sven Ratzke.

Doch dann starb der Popstar am 10. Januar 2016. Mitten in Ratzkes „Starman“-Tour. „Das war auf einmal auch eine Art Trost-Programm für Bowie-Fans. Angedacht war es allerdings nicht so“, sagt Ratzke.

In „Starman“ hat er das verrückte Bowie-Universum aus den 70er-Jahren mit dem ebenfalls surrealen Ratzke-Kosmos verwebt. Bowie schrieb damals bekanntlich als „Thin White Duke“, „Major Tom“ und „Ziggy Stardust“ Popgeschichte.

Spiel mit der Androgynität

Der deutsch-niederländische Entertainer Sven Ratzke ist jedoch nicht einfach eine Inkarnation Bowies. Er ist vielmehr ein Showman von ganz besonderem Kaliber. In seinen aberwitzigen Geschichten verliert man sich nur zu gerne. Außerdem versteht er es wie weiland David Bowie, mit seiner Androgynität zu spielen.

Mit „Starman“ war Ratzke auf einmal weltweit in aller Munde. „Wir hatten eine Riesentour“, seufzt er. Denn er wollte auf dem Höhepunkt der Show aufhören, sich Neuem zuwenden. Einfach nur Geld mit Musik verdienen ist nicht sein Ding. Darin ähnelt er Bowie.

Also hat Ratzke erst mal was anderes gemacht. Die fulminante Personalityshow „Homme fatale“. Doch Bowie ließ ihn nicht los. Nun traut er sich wieder an ihn ran. Diesmal aber nicht an das Pop-Chamäleon der 70er-Jahre.

Neue Themen wie Abschied und das Schwinden der Zeit

„Ich habe mir noch mal die letzten beiden Alben angehört, ,The Next Day’ und ,Blackstar’. Mich mit anderen Seiten von Bowie beschäftigt“, so Ratzke. „Ich habe mich Themen gewidmet, die in ,Starman’ keinen Platz hatten. Mit Abschied und dem Schwinden der Lebenszeit.“

Dabei herausgekommen ist das zweite Bowie-Programm „Where Are We Now“, benannt nach einem Bowie-Lieblingssong von Ratzke. Anders als in „Starman“ werden die Songs dabei nicht von einer Band, sondern nur von Christian Pabst am Flügel begleitet.

„,Where Are We Now’ ist kein Knallbonbon. Es lebt von den stilleren Momenten. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich der Abend so entwickelt, dass ich ihn immer mal wieder ins Repertoire nehmen kann. So wie Dominique Horwitz es mit „Brel“ macht“, verrät Sven Ratzke.-

Heimat in Amsterdam, Wohnung in Prenzlauer Berg

Wie gewohnt feiert der 41-Jährige mit seinem neuen Programm Weltpremiere in Berlin. Am 14. Oktober in der Bar jeder Vernunft, deren intime Atmosphäre für ihn genau der passende Rahmen ist. Ratzke wohnt überwiegend in Amsterdam, in den Niederlanden ist er seit langem ein großer Star. Er hat aber auch eine Wohnung in Prenzlauer Berg.

Geboren 1977, schrieb und inszenierte er schon als Schüler Theaterstücke an seiner Waldorfschule. Mit 16 tourte er mit dem populären Theaterzirkus „De Parade“ durch die Niederlande. Und gleich bei seinem ersten eigenen Programm „Lieder von Huren und armen Mädchen“ hat es beim Publikum gefunkt.

2004 schließlich kam Ratzke mit dem Programm „I Shot The DJ“ nach Berlin. Da hatte er sich schon von seinem Image als Chansonnier gelöst und bewies, was für ein begnadeter Entertainer er ist. Seither hat er einen Koffer in der Stadt.

200 Tage im Jahr mit neuer Show unterwegs

Künstlerisch war es für Sven Ratzke anfangs nicht leicht, hier Fuß zu fassen. Das Publikum brauchte einige Zeit, um ihn schätzen und lieben zu lernen. Spätestens nach der Furore um „Starman“ spielt Ratzke weltweit.

Seine neue Show führt ihn rund um den Globus, nach New York, Sydney, London und natürlich in Amsterdam. Gut und gerne 200 Tage im Jahr wird er mit „Where Are We Now“ unterwegs sein. Und legendäre Songs performen wie „Space Oddity“ und „Let’s Dance“. Natürlich auch „Lazarus“ vom letzten Album „Blackstar“.

„Der Song ist Bowies Testament. Damit muss man vorsichtig umgehen. Es fühlt sich für mich aber organisch an, ihm eine Stimme zu geben“, verrät Ratzke und fügt hinzu: „Man sollte kein Fan sein, wenn man etwas verbiegen möchte. Dazu muss man kritisch sein. Andererseits muss man sich auch in die Lieder verlieben. Sie sollen ja zu etwas Eigenem werden. So kreiert man quasi einen neuen Song. Covern ist was für Amateure.“

Bowie hielt Ratzke für komplett verrückt

Dafür hat David Bowie ihm höchstpersönlich die Genehmigung erteilt. Ratzke schrieb an dessen Management und bat um Erlaubnis, die Songs nutzen zu dürfen. Prompt kam die Frage: „Wer bist Du? Schick doch mal was.“

Offenbar hat Sven Ratzke bei Bowie genau den richtigen Nerv getroffen. Dem gefiel, was er hörte und sah. Er hielt Ratzke allerdings auch für komplett verrückt. Daher fand er, der junge Kollege könne was mit seinen Songs machen.

Das war die Geburtsstunde von „Starman“. „Seine Weggefährten waren berührt davon. Sie verrieten mir, er hätte sich schlapp gelacht. Er hatte ja diesen typisch britischen Sinn für Humor.“ Hört man die neuen Versionen der Bowie-Klassiker, hat man das Gefühl, die Stimme des Popstars sei nie weg gewesen. Sven Ratzke weiß: „Es ist das Größte für einen Künstler, dass er nach dem Tod noch da ist.“

Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Tel. 883 15 82, 14. Termin: 29.10., 20 Uhr.