Museum

Berlins „Akropolis“: Von der Ruine zum Weltkulturerbe

Vor zehn Jahren wurde das Neue Museum wieder eröffnet. Ein Rückblick auf die wechselvolle Geschichte des Hauses.

In neuem Glanz: Das Neue Museum auf der Museumsinsel.

In neuem Glanz: Das Neue Museum auf der Museumsinsel.

Foto: imago stock

So schnell geht es bei einem Berliner Bauprojekt nicht alle Tage: Nachdem Arbeiter im Jahre 1841 das Fundament des Neuen Museums ins schwammige Erdreich der Spreeinsel gelegt hatten und dazu erstmals eine Dampfmaschine zum Einsatz gekommen war, ging der innovative, aus Eisengerüsten gefertigte Bau der späteren „Berliner Akropolis“ so rasant voran, dass der Zulieferer Borsig zeitweise sogar in Lieferschwierigkeiten geriet.

Schon 1850 konnte ein erster Teil der Sammlungen dem Publikum präsentiert werden, 1924 wurde hier auch das wohl berühmteste Kunstwerk Berlins erstmals gezeigt: die Büste der Nofretete.

Alt-Berliner und solche, die kurz vor der Jahrtausendwende nach Berlin zogen, erinnern sich: Ende der 1990er-Jahre war das Neue Museum ein trauriger Trümmerhaufen. Die Nofretete war in den Westen umgezogen, in den Stülerbau gegenüber dem Schloss Charlottenburg. Jahrelang verschwand das Neue Museum hinter Gerüsten, während die Öffentlichkeit sich emsig über die Art der für 2009 geplanten Restaurierung beharkte.

Die Vorgabe des 1999 beschlossenen „Masterplans Museumsinsel“ der Stiftung Preußischer Kulturbesitz lautete: „enthistorisierende Rekonstruktion“. Also bitte bloß keine komplette Wiederherstellung, die so tut, als wäre König Friedrich Wilhelm IV. noch an der Macht.

Kritik und Lob für David Chipperfields Rekonstruktion

Sehr zum Missfallen der „Gesellschaft Historisches Berlin“. Die ätzte nach der Eröffnung vor zehn Jahren, es handle sich bei David Chipperfields Rekonstruktion um eine „wohldemolierte Ersatz-Antike als edle Trümmerkulisse für die wirklich musealen antiken Bruchstücke“.

„Die Zeit“ hingegen sah eine stimmige Versinnbildlichung des durch die Sammlung vorgegebenen Grabkammer-Motivs und dichtete entzückt: „Die Ruinenhaftigkeit des Bauwerks zeugt einerseits von der Vergänglichkeit alles Irdischen; andererseits wird hier alles Vergängliche unvergänglich. So tröstet das Museum über die Endlichkeit hinweg – gerade indem es seine Wunden herzeigt, verheißt es das Überzeitliche“.

Schon früher wäre das Neue Museum beinahe nachgebildet worden. Die Berliner Morgenpost schrieb 2004: „Wäre die Wende nicht gekommen, dann hätte es auch keinen ästhetisch-ideologischen Streit gegeben“: Die DDR war es, die originalgetreu rekonstruieren wollte, alle Pläne waren schon fertig. Doch die Mauer fiel, und aus der Fortführung von DDR-Ideen durch Berliner Konservative wurde nichts.

Ursprünglich ein Erweiterungsbau für das Alte Museum

Aber was war das überhaupt, um dessen Restaurierung so gestritten wurde? Das zweite Museum auf der Museumsinsel sollte im Grunde „nur“ ein Erweiterungsbau sein. Dieser war nötig geworden, weil in Karl Friedrich Schinkels Altem Museum Platz fehlte für die wachsenden Sammlungen.

Der von König Friedrich Wilhelm IV. in Auftrag gegebene und von Friedrich August Stüler im klassizistischen Stil entworfene Bau sollte die Sammlung der Gipsabgüsse, das Ägyptische Museum, die Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung (damals noch „Museum der vaterländischen Altertümer“), die Ethnografische Sammlung und das Kupferstichkabinett beherbergen.

Alles an und in diesem auch technologiegeschichtlich bahnbrechenden Haus sollte vom Fortschritt künden. Nicht nur die kostbaren Exponate aus aller Welt, schon das Gebäude selbst sollte vom steten Voranschreiten unserer Spezies und dem Universalanspruch eines solchen Menschenbildes erzählen, von den Niederungen früher Zivilisationen über die Antike bis hinauf zu Preußen als krönendem Abschluss.

„Geschichte der Menschheit“ im Treppenhaus

So war das Neue Museum auch ein politischer Akt der Selbstvergewisserung. Für dieses Gesamtkunstwerk hatte Stüler die einzelnen Räume für die Exponate geradezu maßgeschneidert, was sich wegen mangelnder Flexibilität schon bald als problematisch erwies. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg hing man Decken ab und „neutralisierte“ einige Wände.

Besonders gestaunt hatten die Besucher über Wilhelm von Kaulbachs Gemäldezyklus „Geschichte der Menschheit“ im imposanten Treppenhaus: sechs direkt auf die Wand gemalte historische und mythische Schlüsselszenen, von der Zerstörung des Turms zu Babel über die großen Denker des Altertums um Homer und die Kreuzfahrer in Jerusalem bis zur Reformation.

Was für ein einleuchtender Weg, immerzu nach oben! Als im Zweiten Weltkrieg die Bomben fielen, ging auch die „Geschichte der Menschheit“ Stück für Stück in Flammen auf.

James-Simon-Galerie neuer Publikumsliebling

Mehr als 70 Jahre lang versank das Haus in einen Ruinen-Dämmerschlaf. Nicht nur Bomben, auch teils unnötige Abrissarbeiten aus DDR-Zeiten hatten der Substanz zugesetzt. Seit 1999 gehört das ganze Ensemble auf der Museumsinsel zum Weltkulturerbe der Unesco, das erforderte denkmalschützerisches Feingefühl.

Architekten wie Frank O. Gehry bewarben sich mit wuchtigen Entwürfen, doch den Zuschlag bekam schließlich der zurückhaltendere Brite Chipperfield. Mit einer schlichteren Fassade und sichtbar gebliebenen Spuren der Vergangenheit zu neuem Leben erweckt, öffnete sich der Bau am 16. Oktober 2009 wieder dem Publikum.

Weder plumpe Rekonstruktion noch Auslöschung des Alten

Das Neue Museum verdankt seine Existenz letztlich dem Beginn bildungsbürgerlichen Nachdenkens über das, was eine Gesellschaft den nachfolgenden Generationen an Kunst und Wissen hinterlassen möchte. Bisher erwies sich Chipperfields auf den ersten Blick spröder, aber überraschend sinnlicher Entwurf als Glücksgriff.

Und mit der Eröffnung der ebenfalls von ihm gestalteten James-Simon-Galerie diesen Sommer gewann die Museumsinsel einen weiteren Publikumsliebling hinzu, filigran und monumental zugleich, eine lichte Fortschreibung alter Kollonaden, weder plumpe Rekonstruktion noch Auslöschung des Alten.

Neues Museum, Am Kupfergraben 4, Mitte. Tel.: 02664 24242.. Tägl. 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr.