Interview

Heike Makatsch: „Ich bin ganz froh über meine Spielweise“

Die Schauspielerin über das Filmmusical „Ich war noch niemals in New York“, über ihre Lieblingsmusik – und die eigenen Sangeskünste.

Sie verbiegt sich nicht, um einem „Bild“ von ihr zu entsprechen, und sagt dafür lieber Projekte ab: Schauspielerin Heike Makatsch

Sie verbiegt sich nicht, um einem „Bild“ von ihr zu entsprechen, und sagt dafür lieber Projekte ab: Schauspielerin Heike Makatsch

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Heike Makatsch ist nicht unbedingt die erste Wahl für eine Musical-Verfilmung. Und Udo Jürgens ist nicht unbedingt der Musikgeschmack der Schauspielerin. Und doch wollte sie unbedingt mitmachen, als sie hörte, dass das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ verfilmt wurde. Der Film kommt nun am 17. Oktober ins Kino. Wir trafen die 48-Jährige im Hotel de Rome, wo sie über ihre Lieblingsmusik, ihre eigene Versuche als Sängerin und ihre Anfänge bei Viva sprach.

Berliner Morgenpost: Warum gibt es eigentlich so wenige deutsche Filmmusicals?

Heike Makatsch: Ich weiß nicht. Ein Musical schüttelt man nicht so einfach aus dem Ärmel. Und so ein großartiges Liedgut, wie das, an dem wir uns bedienen konnten, gibt es auch nicht an allen Ecken. Ein Musical kann auch schnell abrutschen. Da muss schon einiges zusammenkommen, damit es so etwas wie einen Kultstatus erreichen kann. Musicals bergen ja auch Gefahren: des Kitsches, des Schmalzes, des Bombastes. Bis dahin, dass man sich fragt, wieso fängt der denn jetzt so unvermittelt an zu singen? Und wo positioniert man das Ganze? Im Hier und Heute? Regisseur Philipp Stölzl hat dafür eine Kunstwelt erschaffen. Genau das braucht es wahrscheinlich. Aber auch die muss man erst mal glaubwürdig vermitteln.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Was war denn Ihre erste spontane Idee, als Sie das Angebot bekamen? In einem Musical haben Sie ja noch nie mitgespielt.

Ich war sofort begeistert. Ich wollte gleich wissen, wie viele Kolleginnen noch gecastet werden. Ob ich da Chancen habe. Denn ich liebe Musicals. Ich liebe „Grease“, die „Rocky Horror Picture Show“. Oder jetzt „Rocketman“. Ich liebe diese überhöhte Form der Emotionalität. Ich mochte sofort die Dialoge, das Schnelle, den Screwball, ich mochte die Figur der Lisa in ihrer Verhärtung, die durch die Liebe doch noch mal aufweicht. Doch, mir war gleich klar, du willst das machen. Und mit der Einstellung bin ich dann auch ins Casting reingewalzt. Und hatte Glück gehabt.

Jetzt fragt Sie natürlich jeder: Wie ist denn Ihr Verhältnis zum Schlager im Allgemeinen? Und zu Udo Jürgens im Besonderen?

Naja, meine Generation konnte mit dem Schlager ja nicht so viel anfangen. Auch wenn immer wieder gesagt wird, Udo Jürgens ist kein Schlager, das ist Chanson. Ich muss trotzdem zugeben, was Udo Jürgens als Image mitgebracht hat, war tatsächlich gar nicht meins. Das hat mir den Weg zu seiner Musik auch bestimmt ein bisschen verbaut. Sicherlich lag das auch an seiner Intonation, dem Pathos und alldem. Nun wurde das ganze Ouevre für den Film neu arrangiert - und mit der frischen Produktion kann ich den Wert der Melodien, die uns ja alle eingeschrieben sind, und auch der Texte, die tatsächlich eine Tiefe haben, viel mehr erkennen.

Und hat das Ihre Einstellung zu Udo Jürgens nachträglich geändert?

Auf jeden Fall sind mein Respekt und meine Wertschätzung gestiegen. Ich sehe jetzt mehr den Künstler als den Schlagersänger.

Haben Sie jetzt Lieblingslieder von Jürgens? Vielleicht auch erst durch diese Arbeit?

Ja. Ein Lied wie „Illusionen“ kannte ich zum Beispiel gar nicht. Und wenn Uwe Ochsenknecht „Und immer immer wieder geht die Sonne auf“ singt und mit Katharina Thalbach über den Tresen tanzt, das ist so schön, da geht mir wirklich das Herz auf. „17 Jahr, blondes Haar“ höre ich sogar gern von Udo, es hat so einen flirrenden Sex-Appeal. Es gibt da schon einiges zu entdecken.

Was ist denn sonst eigentlich so Ihre Musik?

Ich höre seit 40 Jahren gefühlt immer das Gleiche. Das ist immer alte Musik, alter Soul und alter Beat und Pop aus den 60-ern, 70-ern. Diese megaproduzierten Sachen von heute, das kickt mich nicht so richtig. Ich kriege diese Musik schon mit, ich habe zu Hause ja eine Generation, die nachwächst und mich den LatinPop und R’n’B lieben gelehrt hat. Aber ich habe immer schon Sachen gehört, die älter waren, als ich. Auch als ich in den 80ern ins Teenie-Alter kam. Ich habe eben nicht a-ha gehört, sondern die Beatles oder die Kinks.

Schon in Ihrem ersten Film „Männerpension“ haben Sie gesungen, „Stand By Your Man“. Mussten Sie das eigentlich absichtlich so schräg singen…?

Nee, besser hab‘ ich’s nicht hingekriegt. (lacht) Nein, man muss schon verstehen, dass mein Gesang im Film immer aus den Figuren heraus funktioniert, somit also vom Schauspiel getragen wird und nicht von einer glasklaren Sängerstimme. Aber da ich Musik und Gesang liebe, bin ich sehr froh, dass ich durch meine Arbeit als Schauspielerin die Möglichkeit bekomme, diese Seite von mir auszuleben. Es sind andere Kriterien anzulegen, wenn ich aus der Figur heraus singe, als wenn ich das Leben einer Eins-A-Sängerin darstelle.

Obwohl Sie das im Hilde-Knef-Film „Hilde“ ja auch gemacht haben! Und dort auch sehr beeindruckend die Knef-Lieder interpretiert haben.

Da habe ich auch sehr viel Zeit und Energie investiert. Und ich hatte große Hilfe von vielen: eine tolle Gesangslehrerin, ein Produzent, der stundenlang mit mir die Aufnahmen immer wieder wiederholte, bis es stimmig war. Wir hatten ein riesiges Rundfunkorchester. Da kommt das alles zusammen, damit Film am Ende das sein kann, was ihn so groß und besonders macht – Illusion. Letztens habe ich das Hilde-Album zufälligerweise noch einmal gehört und war selbst erstaunt, wie gut es geworden ist.

Die Hilde-Lieder sind auch als Album erschienen, Sie haben auch schon Kinderlieder aufgenommen. Würde Sie das nicht reizen, auch einmal ein Album mit den eigenen Lieblingsliedern aufzunehmen?

Na, das habe ich ja mit den Kinderliedern gemacht. Alles Weitere verschiebe ich mal lieber aufs Altenteil, da kann ich dann noch mal in Ruhe darüber nachdenken. Ich finde es ganz gut, mich in diesem Metier nicht so aus dem Fenster zu lehnen. Ich bin schon ganz froh über all das, was mir da so alles an Spielwiese und Möglichkeiten geschenkt wurde.

Haben Sie zu viel Ehrfurcht vor Musikern? Musik war bei Ihrer Karriere ja von Anfang an dabei, als Sie als Moderatorin bei Viva begannen. Wie sind Sie da überhaupt hingekommen? Sie hatten ja eigentlich eine Schneider-Lehre gemacht.

Zu Beginn habe ich studiert. Meine Lehre habe ich erst begonnen, als ich merkte, dass ich meinen wilden Lebensstil ein bisschen bändigen musste. Währenddessen habe ich mich aus Spaß, weil es eine Ausschreibung gab, bei MTV beworben. Da kam ich sogar relativ weit, war dann aber bei den Testaufnahmen in London so aufgeregt, dass ich wie erstarrt war. Daraus wurde dann zwar nichts, aber Viva wurde dadurch auf mich aufmerksam und lud mich zu einem Casting ein. Ein deutscher Musiksender, von dem man noch nicht wusste, was jemals daraus werden könnte, das schüchterte mich nicht ein, da konnte ich viel entspannter auftreten. Und so nahm das alles seinen Lauf. Am Ende hat mich Detlev Buck als Schauspielerin entdeckt. Und dann hatte ich Glück, dass dieser Film, „Männerpension“, in einer Zeit, als deutsche Filme im Kino nicht so erfolgreich waren, sehr erfolgreich war.

Sie galten damals als Girlie der Nation. Hat Ihnen das solche Quereinstiege ermöglicht? Oder war das auch eine Bürde, eine Schublade, aus der man sich befreien musste?

Es war natürlich beides. Es wäre vermessen, mich darüber zu beschweren. Dadurch wurde mir eine Aufmerksamkeit zuteil, die mir vielleicht diese Rolle in „Männerpension“ erst möglich gemacht hat. Aber natürlich hatte ich dieses Attribut nicht selbst gewählt, irgendwann reichte es mir auch. Mich beschlich zusätzlich die Sorge, dass es mir der Stempel des ,Girlies’ erschwerte, mich weiter zu entwickeln. Ich habe damals viele Projekte abgesagt, die immer nur das Image untermauert hätten, dem ich entkommen wollte. So konnte ich mich da rauskämpfen. Irgendwann stellte sich dann auch eine Art Trotz ein, ich wollte einfach nicht dem entsprechen, was andere über mich stülpen wollten. Im Erfüllen eines Bildes, dem ich nichts abgewinnen konnte, weil es so fantasielos und künstlich hergestellt war, habe ich mich nicht wohl gefühlt. Tatsächlich hat sich da bis heute nichts geändert.

Verzeihen Sie, wenn ich da mit ollen Kamellen komme. Aber in „Ich war noch niemals in New York“ spielen Sie immerhin eine Fernsehmoderatorin, die merkt, dass sie ein falsches Leben lebt. Da fragt man sich schon, ob diese Parallele eine Rolle gespielt hat, als man Sie besetzte.

Die Figur der Lisa ist mir nicht fremd. Und auch des Wissen darüber, dass das Leben in der Öffentlichkeit Schattenseiten wie Einsamkeit oder Begegnungsarmut mit sich bringen kann. Das kann ich gut nachempfinden. Nicht, dass ich selbst darunter leiden würde. Ich habe im Gegensatz zu dieser Figur ja meine Familie und mein Umfeld. Aber das man abgeschnitten ist von zufälligen, lockeren und alltäglichen Begegnungen, das ist manchmal so. Da kann keiner etwas dafür, aber das entwickelt sich dahin. Da steht man manchmal allein da, ohne es zu wollen. Das kann ich nachvollziehen. Und das konnte ich in die Figur auch einbringen.

Könnte eine Heike Makatsch denn auch auf Kreuzfahrt gehen? Oder ginge das gar nicht, weil Sie ständig Leute angaffen und ansprechen würden?

Dieses Problem habe ich überhaupt nicht. Ich kann überall hingehen. Ich werde selten angesprochen. Ich habe auch nie das Gefühl, da bedrängt zu werden. Ich habe aber, das meinte ich ja eben, so gewisse Scheuklappen. Die dann dazu führen, diese Begegnungen gar nicht erst zuzulassen.

Die einzige Krux von „Ich war noch niemals in New York“ ist ja die, dass das Musical auf einem Kreuzschiff spielt. Die Dinger sind spätestens seit der Fridays-for-Future-Bewegung die ganz großen ökologischen No-Nos. Kommt der Film diesbezüglich zur falschen Zeit?

Glücklicherweise stand unser Kreuzfahrtschiff in einem Studio. Wir haben nicht einen Liter Benzin verbraucht oder ein Quäntchen Müll ins Meer gekippt.

Aber trotzdem wird natürlich die ganze Zeit die lustige Fun-Welt einer Kreuzfahrt imaginiert.

Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht. Weil wir doch so eine überhöhte Welt kreiert haben. Damit sollte ja eher die Situation einer Gefangenschaft, in der man sich nicht entkommen kann, symbolisiert werden. Wenn das jetzt wirklich dazu führen würde, dass alle sagen, sie müssten jetzt sofort auf so einen Dampfer, um sich selbst zu verwirklichen – dann haben wir wohl was falsch gemacht.