Nachruf

Jessye Norman gestorben - Ihre Karriere begann in Berlin

Sie war einer der ersten schwarzen Opernstars: Die US-amerikanische Sopranistin Jessye Norman ist mit 74 Jahren in New York gestorben.

Die amerikanische Opernsängerin Jessye Norman ist am frühen Montagmorgen in New York im Alter von 74 Jahren gestorben.

Die amerikanische Opernsängerin Jessye Norman ist am frühen Montagmorgen in New York im Alter von 74 Jahren gestorben.

Foto: DOMINIC FAVRE / dpa

New York/Berlin. Jessye Norman war eine Legende, nicht nur, weil sie als eine der ersten schwarzen Frauen die Opernbühnen weltweit eroberte. Ihre Stimme war einmalig, ihr Repertoire vielseitig. Viermal gewann sie den Grammy, 15 Mal war sie dafür nominiert. Sie sang bei den Amtseinführungen von zwei US-Präsidenten (Ronald Reagan und Bill Clinton) und bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 1996 in Atlanta.

Am frühen Montagmorgen ist Jessye Norman mit 74 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus an einem septischen Schock und multiplem Organversagen verstorben. Es war die Folge von Komplikationen nach einer Rückenmarksverletzung, die sie sich 2015 zugezogen hatte.

Jessye Norman - Aufgewachsen in Zeiten der Rassentrennung

Aufgewachsen war die am 15. September 1945 in Augusta geborene Jessye Norman in einer Zeit, als im US-Bundesstaat Georgia die Rassentrennung noch alltäglich war. Sie war die Tochter einer Lehrerin und eines Versicherungsagenten, die Eltern engagierten sich in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und waren zugleich Amateurmusiker. Mit einem Stipendium konnte sie Musik an der Howard University, einer afroamerikanischen Privatuniversität, in Washington studieren. 1967 schloss die Sopranistin das Studium mit einem Bachelor ab.

Ihre Laufbahn begann an der Deutschen Oper in Berlin, und die Geschichte dahinter offenbart, wie zufällig große Sängerkarrieren starten können. Die junge Jessye Norman sollte ein Konzert im Berliner Amerikahaus geben, nachdem sie 1968 den ersten Preis beim internationalen Musikwettbewerb der ARD in München gewonnen hatte.

Klaus Geitel, langjähriger Musikkritiker der Berliner Morgenpost, hatte aus München den Tipp bekommen, sich unbedingt die Sängerin anzuhören. Er rief seinerseits Egon Seefehlner, den stellvertretenden Intendanten der Deutschen Oper, an. Beide gingen in das Konzert und trafen auf eine kolossale Sängererscheinung, die ihre Lieder auch in tadellosem Deutsch vortrug. Nach dem sechsten Lied meinte Seefehlner, er werde sie engagieren.

Als Elisabeth in Wagners „Tannhäuser“, wahrlich keine leichte Partie, gab sie am 12. Dezember 1969 ihr Operndebüt an der Bismarckstraße. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. „Ihren ersten Auftritt am Haus, zugleich ihr Rollendebüt als Elisabeth, musste sie ohne eine einzige Bühnenprobe absolvieren“, heißt es im Nachruf der Deutschen Oper, „und darüber hinaus wurde die Tochter einer amerikanischen Bürgerrechtlerin auch noch weiß geschminkt.“ Was in den heutigen Zeiten der politischen Korrektheit kaum noch vorstellbar ist. Bereits in der zweiten Pause der Aufführung bekam sie das Angebot, fest ins Ensemble des Hauses zu kommen. Sie soll das Angebot überrascht angenommen haben.

Offiziell begann ihr dreijähriger Ensemblevertrag mit der Spielzeit 1970/71. Neben der Elisabeth sang sie die Gräfin in Mozarts „Hochzeit des Figaro“, alte Schwarzweiß-Fotos zeigen sie an der Seite von Dietrich Fischer-Dieskau. Es waren die Zeiten, in den die Sänger noch wie festgewurzelt auf der Bühne standen und auf den Dirigenten blickten. Regisseure waren zweitrangig. Jessye Norman sang an der Charlottenburger Oper auch die Donna Elvira in Mozarts „Don Giovanni“, die zweite Norn in Wagners „Götterdämmerung“ und die Titelpartie von Verdis „Aida“. „Wir sind stolz darauf, dass diese Jahrhundertsängerin ihre Karriere auf der Opernbühne bei uns begonnen hat“, sagte Dietmar Schwarz, amtierender Intendant der Deutschen Oper.

Eine Reihe von Berliner Institutionen erinnern jetzt an ihre Zusammenarbeit mit der Sängerin. Bei den Berliner Philharmonikern ist Jessye Norman mehrfach aufgetreten, seit sie im Februar 1983 unter Riccardo Muti mit Berlioz’ „La Mort de Cléopâtre“ debütierte. Ein Höhepunkt war das Silvesterkonzert 1987, als sie unter Leitung von Herbert von Karajan den Liebestod der Isolde sang. Der Philharmonische Chor Berlin erinnerte an das Jahr 1988, als der Chor mit der „Legende“ Norman auf der Bühne stand.

Viele haben vor allem Jessye Normans „Amazing Grace“ im Ohr

„Wir sind sehr traurig, vom Tod der großartigen Jessye Norman zu erfahren“, twitterte die Komische Oper und verweist auf einen Liederabend, den die Sängerin 1981 dort gegeben hatte. Auch in der DDR genoss die Sängerin hohe Bekanntheit, bei der staatlichen Plattenfirma Eterna erschien etwa ihre Strauss-Aufnahme mit dem Leipziger Gewandhausorchester unter Kurt Masur. Der Opernstar war in der Fernsehsendung „Theo Adam lädt ein“ präsentiert worden.

Schon als Kind habe sie Opern im Radio gehört, schrieb Jessye Norman in ihrer Autobiografie. „Ich erinnere mich, dass ich gedacht habe, dass Operngeschichten nicht anders als andere Geschichten sind: Mann trifft Frau, sie verlieben sich, sie können aus irgendeinem Grund nicht zusammen sein und meistens geht es nicht gut aus“, resümierte die Sängerin. „Für mich waren das Erwachsenen-Versionen von Geschichten, die ich schon kannte.“ Als Interpretin von Opern Richard Wagners war sie berühmt geworden. Zu ihrem großen Repertoire gehörten aber auch Werke von Francis Poulenc, Leos Janáček, Béla Bartók, Giuseppe Verdi, Richard Strauss oder Arnold Schönberg. Auch als Jazzsängerin wurde sie geschätzt. Viele werden vor allem ihr „Amazing Grace“ im Ohr haben.

Ihre ersten Auftritte in den USA hatte sie ab 1972 in Los Angeles und 1973 im Lincoln Center in New York. Die Met, an der sie in rund 80 Aufführungen mitwirkte, teilte am Dienstag mit, man trauere um Norman, „eine der großen Sopranistinnen des vergangenen halben Jahrhunderts.“ In ihren Berliner Anfangsjahren an der Deutschen Oper hatte sie insgesamt 24 Vorstellungen gesungen, die letzte fand im Januar 1974 statt. „Auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Ensemble betonte sie immer wieder“, sagte Dietmar Schwarz, „wie wichtig diese Zeit für sie gewesen war.“