Portrait

Geigerin Marina Grauman: Vermittlerin am ersten Pult

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Mario-Felix Vogt
Die russische Violinistin Marina Grauman greift nach den Sternen, vor dem Zeiss-Großplanetarium.

Die russische Violinistin Marina Grauman greift nach den Sternen, vor dem Zeiss-Großplanetarium.

Foto: David Heerde

Geigerin Marina Grauman wurde mit 24 Jahren als Konzertmeisterin des Deutschen Symphonie-Orchesters verpflichtet. Ein Treffen

Berlin. Auf einem Münzwurf basiert Marina Graumans Geigenkarriere: „Mein Vater spielt Geige, und meine Mutter ist Pianistin“, erzählt sie. „Sie konnten sich lange nicht entscheiden, welches Instrument ich lernen soll. Schließlich warfen sie eine Münze, und mein Vater gewann. So habe ich Geigenunterricht bekommen.“ Das Üben zuhause sei für sie nicht immer ganz einfach gewesen, erinnert sich die 25-jährige Musikerin, „denn es gab dort immer zwei Paar Ohren, die viel besser wussten als ich, wie es denn klingen sollte.“

Wie in Russland üblich, zielte die Ausbildung von Marina Grauman auf eine Karriere als Berufsmusikerin ab. In der Pubertät gab es allerdings eine Phase, in der sich Zweifel auftaten, ob eine Geigerkarriere wirklich das Richtige für sie wäre. „Damals plante ich Psychologie zu studieren. Ich bin allerdings sehr froh, dass das nicht zustande gekommen ist, denn ich wäre sicherlich eine ganz schlechte Psychologin geworden“, sagt sie und lacht.

So blieb sie bei der Violine und studierte an der Spezialmusikschule des Sankt-Petersburger Konservatoriums in der Klasse von Savely Schalman. Dort schloss sie mit Auszeichnung ab, anschließend kam sie nach Berlin und nahm ein Meisterstudium an der Hanns-Eisler-Musikhochschule bei Ulf Wallin auf. Ein bestimmtes Idol unter den großen Geigern hat die junge Musikerin nicht: „Für mich sind alle Geiger, die gut spielen, Vorbilder“, erklärt sie. „Jeder hat seine guten Seiten, man kann von jedem etwas lernen.“

Wer möchte nicht gerne nach den Sternen greifen? Dass ihre Wahl gerade auf das von Robin Ticciati geleitete Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) fiel, hat mehrere Gründe: „Es war eines der ersten Orchester, die ich gehört habe, als ich nach Deutschland kam. Ich war absolut fasziniert von dem hohen Spielniveau, leider gibt es das in dieser Form in Russland nicht mehr.“

Das Orchester setzt auf junge Musiker in Führungspositionen

Darüber hinaus zeichne sich das DSO gegenüber vielen anderen Klangkörpern durch seine moderne und offene Programmgestaltung aus. „Mit seinem Repertoire wendet sich das Orchester auch an junge Menschen“, sagt sie. Und auch bei der Besetzung von Stellen im Orchester sei ein jugendliches Alter nicht hinderlich: „Ich war erst 24, als ich das Probespiel für die Konzertmeister-Stelle bekommen habe“, erklärt sie. „Mein Kollege Bora Demir am 1. Horn wurde sogar schon mit 18 Jahren eingestellt. Das ist wirklich unglaublich mutig, solche Führungspositionen an so junge Leute zu vergeben. Ich finde es toll, dass das DSO jungen Menschen so ein Vertrauen entgegenbringt.“

In der Saison 2018/2019 war die Geigerin Stipendiatin der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker, deren 1. Konzertmeister Noah Bendix-Balgley war ihr Dozent. Die Karajan-Akademie bezeichnet sie als eine „schöne Erfahrung“: „So habe ich ein weiteres Berliner Spitzenorchester von innen kennen gelernt.“

Jetzt sitzt die junge Musikerin am ersten Pult des DSO. Das Publikum wird sie in den Konzerten links vorn gleich neben dem Dirigentenpult entdecken können. In der Hierarchie eines Orchesters folgt der 1. Konzertmeister gleich nach dem Dirigenten. Die Position bringt für Marina Grauman einige Besonderheiten mit sich. So muss sie zunächst einmal weniger Dienste spielen als ihre Kollegen aus der Tutti-Gruppe. Dafür hat sie jedoch andere Verpflichtungen, etwa jene, die Soloviolinstellen in Orchesterstücken auszuführen. Zudem muss ein Konzertmeister die Gruppe der 1. Violinen führen. Überhaupt muss sie das große Orchester immer im Blick und vor allem im Ohr haben.

Eine weitere Aufgabe besteht darin, die Stricharten, Artikulation und Fingersätze für verschiedene Instrumente in Abstimmung mit dem Dirigenten festzulegen. Zusätzlich gehört es auch zum Job eines Konzertmeisters, zwischen den vielen Orchestermitgliedern und den Dirigenten die musikalische Absprachen oder auch auftauchende Missverständnisse zu vermitteln.

Viele Geiger spielen Instrumente, die über 150 oder 200 Jahre alt sind, vorzugsweise aus Italien kommen und nicht selten ein Vermögen kosten. Marina Grauman hingegen hat sich für ein Instrument des Stuttgarter Geigenbauers Stefan-Peter Greiner entschieden, dem es gelungen ist, durch Lackanalysen und Computertomographien von Stradivari-Violinen Instrumente zu bauen, die klanglich den italienischen Meistergeigen nahekommen. „Meine Geige ist ein kraftvolles Instrument, mit dem ich sehr gut klarkomme“, sagt sie.

Die Geigerin spielt gern Kammermusik mit Kollegen

Eine reine Solistenkarriere hat Marina Grauman nie angestrebt: „Ganz alleine auf die Bühne zu gehen war einfach nicht mein Ding, erklärt sie. „Zusammen mit Kollegen etwas zu leisten, war für mich immer leichter.“ Da war es für sie naheliegend, Kammermusik zu spielen. So bildet sie mit der Pianistin Vita Kan und dem Cellisten Marius Urba das international konzertierende Marvin-Klaviertrio, das unter anderem mit dem Grand Prix der Melbourne International Chamber Music Competition und dem dritten Preis des ARD-Musikwettbewerbs ausgezeichnet wurde. Wenn die russische Geigerin doch noch einmal als Solistin auftreten sollte, gäbe es für sie nur ein Stück: „Das erste Violinkonzert von Schostakowitsch: Das ist einfach ein fantastisches Werk.“