Staatsoper

David Bösch: „Oper beeinflusst das Lebensgefühl“

David Bösch inszeniert Otto Nicolais komisch-fantastische Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ an der Staatsoper, sein Operndebüt in Berlin

Ein Regisseur, der Humor sehr ernst nimmt: David Bösch probt an der Staatsoper Unter den Linden Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“.

Ein Regisseur, der Humor sehr ernst nimmt: David Bösch probt an der Staatsoper Unter den Linden Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“.

Foto: jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Berlin. Regisseur David Bösch bereitet gerade Otto Nicolais heitere Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ für die Premiere am Donnerstag vor. „Das Stück hat eine große Bedeutung für die Staatsoper Unter den Linden“, sagt der 41-Jährige, „weil hier 1849 die Uraufführung stattfand. Solche Verbindungen hat ein Opernhaus nicht so häufig.“ Ansonsten ist ihm aus der lange zurückliegenden Haustradition vor allem eines erwähnenswert. „Ich weiß, dass der Komponist zwei Monate nach der Uraufführung, die er selber dirigiert hatte, verstorben ist. Er war erst 39. Ich hoffe mal, dass ich verschont bleibe.“

Und während David Bösch das sagt, verzieht er keine Miene. Das ist sein Humor. Im Gespräch wirkt der Regisseur mit der ungebändigten Frisur ansonsten sehr nachdenklich mit einem Hauch Melancholie. Er wird Bemerkungen machen, die erst einmal sacken müssen. „Das Lachen findet höchst verschieden statt, je nachdem, wer wann und wie lacht“, sagt er, „wohingegen das Weinen immer ziemlich ähnlich ist.“ Über seinen eigenen Arbeitsprozess sagt er: „Die Vergangenheit, die in einem abgespeichert ist, trifft auf das Werk. Und auf die Künstler, mit denen man es macht. Ich bin immer sehr angewiesen auf meine Partner.“ Und dann folgt gleich wieder eine Anekdote, in der er eigene Zweifel mit einem Augenzwinkern preisgibt.

Als junger Schauspielregisseur hatte er den erfahrenen Regisseur Jürgen Flimm, der zuletzt auch Intendant der Staatsoper war, besucht und um Rat gefragt. Man hatte David Bösch angeboten, Donizettis Oper „Der Liebestrank“ zu inszenieren. „Was, wenn ich das nicht kann?, fragte ich Flimm. Er meinte, ich müsse mir das schon genau überlegen, denn wenn ich einmal Oper mache, will ich nur noch Oper machen.“ Daran müsse er öfter denken, sagt Bösch. Wenn man den ganzen Tag Opern höre, beeinflusse es das Lebensgefühl. „Außerdem ist es sehr verführerisch, über die Musik in die Abgründe der menschlichen Seele eintauchen zu können.“

Es gibt eine beachtliche Liste von Inszenierungen in Wien

Flimms Nachfolger Matthias Schulz hat David Bösch jetzt an die Staatsoper verpflichtet, es ist sein Berlin-Debüt als Opernregisseur. Dem gingen aber rund 25 Operninszenierungen und sein guter Ruf, auch ein Händchen fürs Komödiantische zu haben, voraus. Sein Berliner Theaterdebüt fand bereits zehn Jahre zuvor am Deutschen Theater mit Grillparzers Trilogie „Das Goldene Vließ“ statt. Bösch ist an allen großen deutschsprachigen Bühne zu Hause, es gibt eine beachtliche Liste von Inszenierungen am Burg-Theater. Er lebt auch in Wien.

Über Berlin redet er gerne, aber auf unschwärmerische Weise. Er beschreibt lieber, wie ihn die Stadt geprägt hat. „An Berlin habe ich tatsächlich bleibende Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend. Als die Mauer gefallen ist, haben meine Eltern uns Kinder eingepackt, und wir sind von Bielefeld nach Berlin gefahren.“ Mit 16 Jahren kam er nach Hohenschönhausen, um an einem großen Schachturnier teilzunehmen. Erstmals habe er allein in einem Hochhaus-Apartment gewohnt und die Stadt erkundet. Nach dem Abitur studierten viele seiner Freunde in Berlin, und natürlich feierte man hier Silvester. „Während die anderen ihren Rausch ausschliefen“, erinnert sich Bösch, „habe ich in einem Hinterhofkino am Neujahrstag um 13 Uhr Mittags einen Vampirfilm gesehen. So etwas geht nur in Berlin.“

Nicolais „Lustige Weiber von Windsor“ ist eine Spieloper, es gibt also gesprochene Dialoge. Auf die Frage, ob die für ihn als Theaterregisseur eine Steilvorlage sind, reagiert Bösch zurückhaltend. „Man muss sie verdichten, kürzen, prägnanter machen. Bei der großartigen Sängerbesetzung hier haben wir die Dialoge auch noch in den Proben entwickelt, aus den Situationen heraus geschaut, wie man sie noch moderner und auch komischer auf den Punkt bringen kann.“ Aber die Differenz zwischen musikalischen Szenen und gesprochenen Dialogen sei immer da. Auch im Schauspiel. „Wenn Musik endet und das Sprechen beginnt, wird es immer brüchig, weil Musik ganz andere Emotionen berührt und meistens auch intensiver ist. Auf der anderen Seite ist es doch wunderschön, wenn jemand nach der Musik in die Stille hineinspricht.“

Mit Freiheit und Einsamkeit kennt sich der Regisseur aus

Die Opernkomödie kommt in Schwung, weil der alte Landadelige Falstaff schamlos verheirateten Frauen nachstellt. „Es ist eine Figur, die sich bewusst entschieden hat, einen anderen Lebensweg zu gehen“, sagt Bösch wohlwollend. „Falstaff möchte lieber mit einer Wachtel im Mund sterben als 30 Jahre lang nur Erbsensuppe gegessen zu haben. Seine bewusst anarchische Entscheidung finde ich nachvollziehbar. Auch wenn ich nicht so lebe und gestern erst Kartoffelsuppe gegessen habe.“ Für den Regisseur ist Falstaff „der Lauteste, Lustigste und Letzte in der Kneipe, aber wir wissen nicht, was er macht, wenn die anderen nach Hause zu ihren Familien gegangen sind. Wenn die Freiheit in Einsamkeit umschlägt.“ Mit der Differenz von Freiheit und Einsamkeit kenne man sich als fahrender Regisseur gut aus, fügt Bösch noch hinzu.