Roman

Wie man dem Westen den Osten verkauft

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Roland Brockmann,
Weltzeituhr, Alexanderplatz: Das ist der Osten, so stellen wir ihn uns vor. Doch wie war die DDR unter der Oberfläche?

Weltzeituhr, Alexanderplatz: Das ist der Osten, so stellen wir ihn uns vor. Doch wie war die DDR unter der Oberfläche?

Foto: Monika Skolimowska / dpa

In „Wie Frau Krause die DDR erfand“ erzählt Kathrin Aehnlich eine Satire über den Osten oder besser: wie der Westen ihn gerne sehen möchte.

Frau Krause kommt Jahrzehnte nach Mauerfall aus der Provinz in die deutsche Hauptstadt. Auf dem Alexanderplatz entdeckt sie letzte DDR-Insignien sozialistischen Fortschritts. Welche sind das: Ein Springbrunnen? Eine Weltzeituhr? Ein Turm, der in Metern so hoch ist wie das Jahr Tage hat?

Ok, einfach. Oder? Aber wussten Sie, dass die DDR-Weltzeituhr von einem umgebauten Trabant-Getriebe bewegt wird und die Kugellager heimlich aus dem Westen besorgt werden mussten? Isabella Krause weiß das. Eigentlich wollte sich die erfolglose Schauspielerin in Berlin als Darstellerin bewerben. Ihre Bewerbung klappt nicht, aber als man beim Fotoshooting feststellt, dass sie aus dem Osten kommt, rekrutieren die Produzenten sie kurzerhand als TV-Scout in Sachen Ostmentalität: Für eine Fernsehserie soll sie zehn Ostbürger finden, die authentisch aus ihrem Leben erzählen: Wie war es wirklich? Die Inhalte von „Wild Ost“ stehen schon fest. Allein es fehlen die passenden Protagonisten.

Stasi und Mangelwirtschaft sollen es sein

Konflikte also sind vorprogrammiert: Denn die von Frau Krause aufgespürten „authentischen“ Erfahrungswelten wollen einfach nicht dem Ost-Bild des Filmautors entsprechen – als Münchner „Wessi“ ist der auf Staatssicherheit, Mangelwirtschaft und Parteiendiktatur fokussiert. In seiner westdeutschen Serienvision von „Wild Ost“ ist kein Platz für muntere Tanzschulabende, stolze Stahlwerker oder ganz normale Familien.

Was Autorin Kathrin Aehnlich, Jahrgang 1957, als charmante Satire passend zum 29. Jahrestag der deutschen Einheit erzählt, trifft mit Humor den Nerv der aktuellen Debatte um die Befindlichkeiten in den neuen Bundesländern, aber auch den Wandel der Medienwelt, die immer mehr auf Scripted Reality, also auf Pseudo-Dokumentationen, setzt statt auf echte Recherche der Ist-Zustände.

Der Redakteur im Roman will nur Klischees

Wie nah an der Realität hingegen der Roman „Wie Frau Krause die DDR erfand“ liegt, zeigte ja nicht zuletzt der Fall Relotius: Der ehemalige Spiegel-Reporter Class Relotius hatte sich Reportagen in großen Teilen ausgedacht. Erst nachdem er damit vor ziemlich genau einem Jahr aufgeflogen war, gab er schließlich selber zu, in vielen Fällen „Kurzgeschichten und Fiktion“ geschrieben zu haben – ausgerechnet beim Spiegel, dessen Gründer, Rudolf Augstein, einst das Motto ausgegeben hatte: „Sagen, was ist“.

Ähnlich wenig Skrupel wie damals Class Relotius hat auch Kathrin Aehnlichs fiktiver Redakteur bei „Wild Ost“. Denn, von wegen, so war es wirklich! „Die Zuschauer erwarten ein bestimmtes Bild von uns, und das müssen wir liefern,“ erklärt der Redakteur der Serie beim ersten Dreh. Was Frau Krause als DDR-repräsentativ empfindet, interessiert ihn dagegen kaum.

Und Isabellas romantischen Erinnerungen an die elterliche „Tanzschule Kaiser“ (in der inzwischen ein Rechtsanwalt residiert) schon mal gar nicht: „Die endlosen Tanzabende und Ballnächte, oft bis in die Morgenstunden hinein. War das nicht ‘der wilde Osten’, nach dem das Fernsehen suchte“, fragt sich Frau Krause noch etwas naiv. Nein, befindet der Redakteur: „Das ist doch nicht die DDR, die wir abbilden wollen. Wir brauchen Konflikte!“ Mindestens aber Frauen in Männerberufen, Stasi-Verfolgte oder wenigstens ehemalige Kindergartenkinder, die damals nicht durften, wann sie wollten, sondern mussten, wenn sie sollten.

Dabei geht es grundsätzlich weniger um eine (politisch) tendenziöse Berichterstattung und mehr um die Tendenz der Medien zum Geschichtenerzählen, bei der die Macht der Narration die Wahrheitsfindung verdrängt. Seriöse Journalisten reden dann gerne von modernem Storytelling.

Das ahnt natürlich auch Isabella Krause, allein sie braucht das Geld. Und so ergibt sie sich den geforderten Klischees, sucht zwanghaft nach Schicksalen, lädt das TV-Team in ihr Heimatdorf Minkewitz, wo 6000 Menschen beim Abriss des alten Kohlekraftwerk ihre Jobs verloren haben und das neue Werk weitgehend automatisch läuft.

Erst als auch das nicht ins Drehbuch von Wild Ost passt, erinnert Isabella sich, dass sie ja Schauspielerin ist, und gaukelt am Ende Biografien vor, die es so nie gab – erfindet die DDR passend fürs TV-Format: Allen voran mit dem Wessi und Theaterkollegen Karl, dem sie dafür eigens Sächsisch beibringt. Die doofen Fernsehmacher aus dem Westen fallen darauf rein und bei der Premiere alle sich in die Arme.

Kathrin Aehnlich hat eine kleine Komödie mit kleinen Seitenhieben und klugen Beobachtungen geschrieben. Die Realität kennen wir aus den Medien – oder eben auch nicht.

Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand. Verlag Antje Kunstmann, 180 Seiten, 18 Euro.