Literatur

Eine Reise zu den weißen Flecken auf der Landkarte

Knochentrocken und umwerfend schön: Katerina Poladjans Roman „Hier sind Löwen“

Katerina Poladjan stand mit „Hier sind Löwen“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Katerina Poladjan stand mit „Hier sind Löwen“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Foto: Foto: Andreas Labes

Die Frage ist ja immer, was passiert eigentlich in einem Buch? „In der Offenbarung hatte listig eine Raupe gewütet“, bemerkt die Erzählerin in Katerina Poladjans neuem Roman, als sie eine alte Bibel inspiziert. Helen heißt die Frau, sie ist Buchrestauratorin und beschreibt den problematischen Zustand der Illustrationen: „Jesus trieb die Dämonen aus, die Farbe seines Mantels war an einigen Stellen stark ausgebleicht. Das Gesicht des epileptischen Knaben war zerkratzt, vielleicht mit einem stumpfen Gegenstand“.

Die Handlung eines Buches und das, was in ihm geschieht, können zwei sehr unterschiedliche Dinge sein, die Vernichtung einer Druckseite oder die Vernichtung der Welt. „Hic sunt leones“, „Hier sind Löwen“: Mit diesen Worten beschrifteten einst die Römer auf ihren Landkarten die weißen Flecken außerhalb der Grenzen ihres Reiches. Dieser Satz gibt Poladjans Buch den Titel, er ist das Eingeständnis von Nichtkenntnis und zugleich die Warnung vor dem Fremden, Anderen.

Helen ist zwar Deutsche, trägt das Andere aber mit sich herum: Sie hat armenische Vorfahren und nimmt an einem deutsch-armenischen Austauschprogramm für Restauratoren teil. Ihre Mutter ist Künstlerin, zerstückelt Helens Puppen aus der Kindheit und fügt diese mit Fotos vom Völkermord an den Armeniern zu überbordenden Collagen. Ihrer distanzierten Tochter gibt sie ein altes Schwarzweißfoto mit: Das seien Vorfahren, vielleicht finde sie, Helen, ja noch lebende Verwandte.

Ein weiblicher Nerd geht auf Reisen

Was klingt wie die gefühlt 834. sentimentale Spurensuche in der jüngeren deutschen Literatur, entfaltet eine staubtrockene Poesie, ergreifend und kalt wie der Knochen, den Helen unweit des Berges Ararat finden und einstecken wird. Nicht, dass sie sich für ihre Wurzeln besonders interessierte: „Ich bin kein Baum“, stellt sie einmal klar. Nein, sie scheint einfach ein weiblicher Nerd zu sein, ihre Beziehung zuhause tritt auch auf der Stelle, warum also nicht wegfahren. In Jerewan soll sie eine alte armenische Familienbibel vor dem Verfall retten. Es ist Neuland für sie, denn in Armenien pflegte man Bücher offenbar anders zu binden als im Rest der Welt.

Dass Bücher einen Körper haben und eine Beschaffenheit, dass sie reisen, Heimat geben und an etwas erkranken können, klingt viel blumiger, als dieser Roman ist. Die in Berlin lebende, in Moskau geborene Autorin, die selbst armenische Vorfahren hat, zieht ihre nicht gerade neue Idee vom Buch über ein Buch mit solcher Gelassenheit und Lakonie durch, dass die Flecken, Risse und Lücken und das Grauen der europäischen Geschichte umso schärfer zum Vorschein kommen.

Die Abrisskanten der Geschichte

Die Gewalt sickert zunächst so leise durch das Erzählte, dass ein Rezensent ihr Buch tatsächlich mit Empfindsamkeits-Getue verwechselt hat. Vor allem zu Beginn muss man schon genau hinsehen, um nicht auf gewohnte Gefühlsprosa-Trigger hereinzufallen. Doch die Kargheit der Sätze hat hier nichts von jener parfümierten Schwermut, die sonst so oft für gediegene Ungekünsteltheit gehalten wird. Wie chirurgische Eingriffe sind Helens Handlungen, und genau so schält auch Poladjan sich mit ihren Sprachmessern durch die Geschichten: „Als Erstes trennte ich den Deckel vom Buchblock, dazu löste ich mit Hilfe von feuchten Kompressen den Spiegel von den Deckelinnenseiten, um an die verbliebenen Heftfäden zu gelangen, und schnitt sie vorsichtig durch“. Zum Geschehen im Buch, zu seinen Schichten, gehören auch zwei Namen, an den Rand gekritzelt: „Hrant will nicht aufwachen“, steht da, und: „Anahid“.

Es ist nun interessanterweise so, dass Helen nicht gerade darauf zu brennen scheint, zu erfahren, wer diese beiden waren. Stattdessen jubelt Poladjan uns die mögliche Geschichte der beiden einfach so unter. Stapelt sie, locker angeordnet, als Rückblende zwischen die Gegenwarts-Seiten. Und überlässt es uns zu entscheiden, ob der nach außen so nüchternen Helen hier die Fantasie durchgeht, ob es also eine Lüge ist oder eine Rekonstruktion.

Ein brüchiges Glück

Poladjan benutzt hier ganz ähnliche Techniken wie Helen, die zum Beispiel neues Material abreißt statt abschneidet, damit die Risskante sich weich mit dem alten Papier verbindet. Kurz nach der Schilderung einer Buch-Autopsie legt Poladjan Schicht für Schicht eines Bildes frei, von dem man zunächst meint, dass es gegenwärtig und real vor der Erzählerin liegt: „Hinter dem Fenster war das Meer, und am Meer war ein Gasthaus.“ Erst nach und nach wird klar, dass es sich um eine Rückblende handelt, dass wir hier plötzlich eintauchen in die Geschichte zweier Geschwister, der 14-jährigen Anahid und ihrem kleinen Bruder Hrant, die nach einem Massaker in ihrem Dorf fliehen und sich durchschlagen. Immer mit dabei: die kleine Familienbibel. Es könnte dieselbe sein, die Helen unterm Skalpell hat.

Ohne dozierenden Ton erzeugt Poladjan eine kristalline Poesie aus dem Befund, dass jedes Erzählen, jedes Erinnern ein Zerschneiden und Neufügen ist und ein Umkreisen von Unschärfen und sich entziehenden Horizonten. Wenn Helen ganz nah an der Wahrheit zu sein scheint, ersinnt Poladjan, statt in Pathos zu verfallen, kaurismäkihafte Szenen in einem Land der Gegenwart, das auch ganz schön nerven kann. Das größte Glück für den Menschen sei es, wenn sich ein Kreis schließe, heißt es einmal. Dieses Glück, zu dem auch eine angerissene Liebesgeschichte gehört, bleibt brüchig bis zum Schluss. Aber im letzten Satz, der noch einmal zurückschaut zum Mädchen Anahid, das vielleicht vor einem neuen Anfang steht, wird Vergangenheit als etwas vorstellbar, in das noch einzugreifen wäre, behutsam.

Katerina Poladjan: Hier sind Löwen. Roman. S. Fischer Verlag, 288 S., 22 €.