Heimathafen Neukölln

„Der Morphinist“ zeigt den Alptraum der Drogensucht

Ein Abend voller Rausch und Entzug: Inka Löwendorf hat Hans Falladas berühmte Erzählung für die Bühne adaptiert

Der Hase namens Murkel wird, nun ja, abgemurkst: Szene aus „Der Morphinist“.

Der Hase namens Murkel wird, nun ja, abgemurkst: Szene aus „Der Morphinist“.

Foto: Verena Eidel/Heimathafen

Das Blockflötenspiel malträtiert die Ohren, zersetzt den Geist. Es ist die Titelmelodie von „Pippi Langstrumpf“. Schief intoniert von der kleinen Jutta. Einerseits bedeuten die naiven Töne Familienidyll, andererseits echte Pein. Hans Fallada lässt sie von seiner Frau Suse unterbinden, damit er schreiben kann. Das einzige, was ihm lebenswert erscheint. Alles andere ist ihm so verhasst, dass er sich betäubt. Mit 80 Spritzen Morphium am Tag. Ein genialer Schriftsteller und Vollzeit-Junkie zugleich.

Hans Fallada (1893-1947) wurde immerhin 53 Jahre alt. Erstaunlich. In realiter lag seine Tagesration bei 150 Zigaretten, zwei Flaschen Cognac, diversen Ampullen Morphium, „Benzin“ genannt. Der Droge widmete er die Geschichte: „Ein sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein“. Inka Löwendorf hat die Talfahrt des Höchstbegabten frei adaptiert und in der Studiobühne des Heimathafens Neukölln inszeniert.

Von Anfang an wird klar, dass die Jagd nach dem flüchtigen Glück im Morphium-High alles andere als glücklich macht. Löwendorf hat ihren Fallada gründlich studiert. Erzählt die Vita des Schriftstellers, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß, in Rückblenden. Zeigt, wie er, der Sohn eines Justizbeamten aus bürgerlichem Haus, in die Sucht abglitt.

Umrahmt von einem schwarzen Flittervorhang an den Wänden, dominiert eine über zwei Meter hohe Rampe die Spielfläche. Symbolisiert die andauernde Schräglage von Falladas Leben. Egal, ob beruflicher Erfolg oder Drogen-Seligkeit, der Absturz ist quasi immer nur eine kleine Rutschpartie entfernt. Alexander Ebeert gibt den Schriftsteller mit dem bewegten Leben. Er wurde des Totschlags angeklagt und in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen, arbeitete in der Landwirtschaft, saß wegen Unterschlagung im Knast. War Lokalredakteur, später Verlagsangestellter. Und immer wieder auf Entzug.

Das Stück zeigt Fallada über weite Strecken in der heftigsten Phase seines Lebens, als er mit der jungen Ulla verzweifelt nach der nächsten Dosis Morphium gierend durch Berlin irrt. Inka Löwendorf gibt die Süchtige, wie auch Falladas Ehefrau und den jungen Schriftsteller. Der liebäugelt schon als Teenager mit dem Tod. Die ungestillte Sehnsucht bringt aber auch seine psychopathischen Züge zum Vorschein. Wie in der Szene mit Murkel, dem weißen Hasen, den er erwürgt. Später dann erschießt er im Duell seinen besten Freund, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtet. In der Hoffnung auf ein schnelles Ableben.

In vielen der Szenen, die sich wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild zusammenfügen, können die Schauspieler überzeugen. Man bekommt einen guten Einblick in Falladas Biographie. Die Bilder der Sucht indes, die beide in silbernen Catsuits durchleben, schielen zu sehr nach Pointen statt der Tragödie ihren Lauf zu lassen. In den Momenten am Abgrund hätte man sich mehr Trainspotting statt lustigem Volkstheater gewünscht.

Heimathafen, Karl-Marx-Str. 141, Neukölln. Tel. 56 82 13 33, nächste Vorführungen: 27., 28.9. um 19.30 Uhr, Tickets 18,60, ermäßigt ab 9.80 Euro.