Ausstellung

Was sagt eine Sammlung über den Sammler aus?

Im „me collectors room“ werden Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Gerhard Richter und Jonas Burgert gezeigt.

Auf seinen „48 Porträts“ hielt Gerhard Richter herausragende intellektuelle und künstlerische Persönlichkeiten fest.

Auf seinen „48 Porträts“ hielt Gerhard Richter herausragende intellektuelle und künstlerische Persönlichkeiten fest.

Foto: Reto Klar / FUNKE FotoServices

Es geht um Anthropologie. Das moderne Menschenbild zieht sich als roter Faden durch die höchst subjektive Zusammenstellung von Werken dreier Künstler aus unterschiedlichen Generationen im me collectors room: Ernst Ludwig Kirchner, Gerhard Richter und, weniger bekannt, Jonas Burgert. Ein weiteres verbindendes Moment ist die Sammlerpersönlichkeit Thomas Olbricht. Die Ausstellung „Kirchner, Richter, Burgert“ spiegelt Sammelschwerpunkte und verrät persönliche Vorlieben und Obsessionen.

Ein Fokus liegt auf Grafiken des Expressionisten Kirchner, dem ein Raum gewidmet ist. Olbricht interessiert sich für typische Motive: Berliner Straßenszenen, anonyme Figuren, etwa auf dem Blatt „Passantenknäuel und Elektrische“ von 1914, oder auch intime Porträts und Aktbilder. Letztere sind im Studio oder im Sommer an den Moritzburger Teichen nahe Dresden entstanden. Dazu gehören auch Darstellungen des Kindes „Fränzi“ in Mischtechnik (Aquarell, Kreide, Gouache), die Kirchner in jüngerer Zeit den Pädophilieverdacht eingebracht haben.

Kirchners Werke aus dem frühen 20. Jahrhundert stehen in der Olbricht-Sammlung in Dialog mit Bildern von Gerhard Richter. Richter ist ebenfalls ein Raum gewidmet. Seine Ausbildung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden komplettierte dieser nach der Flucht Anfang der 1960er-Jahre in Düsseldorf. Richters Blick auf Menschen ist massenmedial vermittelt, z.B. bei Porträts von Ulrike Meinhof. Selbst Motive aus dem Familienalbum haben bei Richter etwas Überpersönliches, Allgemeines (z.B. Onkel Rudi als Vertreter der NS-Zeit).

Thomas Olbricht kann mittlerweile berichten, dass er das komplette Editionswerk von Gerhard Richter sein Eigentum nennt. Wandfüllend ist die Serie „48 Porträts“ mit intellektuellen und künstlerischen Persönlichkeiten, die die Moderne geprägt haben. Die Original-Serie hängt im Museum Ludwig in Köln. 1972 war Richter mit diesem fotorealistischen Werk im Deutschen Pavillon der Venedig Biennale vertreten. Alice Schwarzer monierte, dass ausschließlich weiße Männer Teil der Serie berühmter Persönlichkeiten sind.

Eines der meist reproduzierten Motive der Kunst ist Richters Darstellung seiner 1966 geborenen Tochter Betty als Rückenansicht im rot-geblümten Bademantel. Olbricht besitzt „Betty“ als Offsetdruck, der dem gemalten Bild nahekommt. Das gilt auch für eine Reproduktion von „Ema (Akt auf der Treppe)“, ein 1966 entstandener Kommentar auf Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“ von 1912.

Neben allseits gefeierten Ikonen moderner und zeitgenössischer Kunst interessieren den Sammler Werke von Ausnahmefiguren, die Gegenentwürfe zu herrschenden Geschmacksnormen darstellen. Hierher gehört Jonas Burgert, der 1969 in Berlin-West geboren wurde und in den 1990ern an der Universität der Künste studierte.

Burgerts Spezialität sind surreale, emblematische Kompositionen, die so verdichtet erscheinen wie schwere Träume, die aufwühlen, aber keine Verständnis-Schlüssel enthalten. Der Künstler breitet Schutthalden des Unbewussten vor dem Betrachter aus, Seelenreste, klebrige Erinnerungen, Fetzen der Realität. Wiederkehrende Elemente sind Bänder, Masken, zwergenhafte Figuren, sonderbares Getier und fragmentierte Körper. Die Palette reicht von Aschgrau bis zu schreienden Neontönen.

Die halb in Auflösung begriffenen Figuren Burgerts erinnern an spätmittelalterliche Fetzentödlein aus Wunderkammern. Tatsächlich ist eine Besonderheit der Sammlung Olbricht die Verbindung von Wunderkammer und zeitgenössischem Kunstmuseum. Was verrät die Präsentation der drei Künstler über die Sammlerpsychologie? Aus der Zusammenstellung lassen sich Leidenschaft und Kalkül herauslesen, aber auch die Sorge, wirklich das bestmögliche Blatt eines Motivs zu ergattern. Für leidenschaftliche Sammler können kleine Differenzen große Unterschiede ausmachen.

Der amerikanische Historiker und Anthropologe James Clifford hat festgestellt, dass das Ideal des Selbst als Besitzer und die Idee von Sammlungen (von Kunst, Wissen, Erinnerungen, Erfahrungen) als Spiegel der Identität keine universellen Vorstellungen sind. Vielmehr sei es eine im 17. Jahrhundert aufgekommene Art und Weise des sammelnden Umgangs mit Dingen, über die Wert und Bedeutung erzeugt wird. Über Objekte wird Identität geformt, strukturiert und abgesichert. Nirgends wird „possessiver Individualismus“ (Crawford B. Macpherson) deutlicher als in privaten Sammlermuseen.

Me collectors room Berlin/Stiftung Olbricht, Auguststraße 68, Mi.-Mo. 12-18 Uhr. Bis 3. November 2019.