Akademie-Präsidentin

„Noch nie eine solche Courage erlebt“

Akademie-Präsidentin Jeanine Meerapfel spricht über ihre Filme und ihre Sorgen über den neuen Antisemitismus.

Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste

Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

Jeanine Meerapfel empfängt in ihrem gläsernen Büro mit Blick auf den Pariser Platz. Seit 2015 ist sie Präsidentin der Akademie der Künste. Die Filmemacherin, Jahrgang 1943, war in Argentinien als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten aufgewachsen. 1964 kam sie zum Filmstudium nach Deutschland, 1981 folgte ihr Spielfilmdebüt mit „Malou“. Jetzt ergeht es ihr, wie sich im Gespräch herausstellt, wie all ihren Amtsvorgängern. Die eigene künstlerische Arbeit tritt etwas hinter die des Akademiechefs zurück.

Frau Meerapfel, was sind derzeit die Themen, die innerhalb Ihrer Akademie am leidenschaftlichsten diskutiert werden?

Jeanine Meerapfel Europa ist das Thema, was uns am meisten beschäftigt. Es gibt den starken Wunsch der Mitglieder, sich noch stärker dafür zu engagieren. 2020 werden wir Europa als großes Schwerpunktthema haben. Wir bereiten eine große Ausstellung vor, in der es um die Baukunst in der europäischen Stadt gehen wird. Darüber hinaus organisieren wir eine Konferenz, die ich bislang eine Allianz der Akademien nenne. Vertreter europäischer Kunst- und Kulturakademien sind dazu eingeladen. Wir wollen uns gegenseitig solidarisch erklären und das Modell eines aufgeklärten Europas weiter betreiben.

Was ist Ihnen daran besonders wichtig, geht es um Kunst- und Pressefreiheit, um den Umgang mit Migranten oder um moralische Leitlinien?

Es geht darum, wie wir Nationalismen und Rassismus überwinden. Dazu wollen wir eine kulturpolitische Allianz für Künstler in Europa schaffen. Es ist nötig, dass wir jetzt eine Bestandsaufnahme machen. Auch, weil einige Länder in schreckliche Nationalismen und rassistische Haltungen verfallen sind. Wir hoffen, am Ende der Konferenz ein öffentliches Manifest zu haben.

Verstehen Sie sich selbst als europäische Künstlerin, obwohl Sie eigentlich erst als Erwachsene aus Buenos Aires nach Deutschland gekommen sind?

Ich fühle mich als Europäerin, auch, weil ich hier familiäre Wurzeln habe. Aber vor allem ist es meine Art zu denken, ich bin im Europa der Aufklärung zuhause. Wir leben im Moment in einer Welt mit schweren Konflikten, die nicht mehr national beantwortet werden können.

In Ihrem Film „La Amiga“ haben Sie die argentinische Militärdiktatur thematisiert. Was ist Ihre persönliche Erinnerung daran?

Ich war während die Diktatur nicht mehr in Argentinien, aber meine Familie und meine Freunde waren da. Als ich die Mütter der Plaza de Mayo, die Mütter der verschwundenen Kinder, kennenlernte, war das ein Aha-Erlebnis in meinem Leben. Ich hatte noch nie eine solche Courage erlebt. Die Frauen waren auf den Platz gegangen und hatten nach ihren Söhnen und Töchtern geschrien. Das Symbol der Frauen waren die weißen Tücher auf ihren Köpfen. Als sie sich anfingen zu treffen, fragte eine, woran man sich erkennen könne. Eine andere meinte, dass man die Babywindeln der Kinder tragen sollte. Ich habe darüber in meinem Film erzählt.

1984 haben Sie „Die Kümmeltürkin geht“, einen Dokumentarfilm über den alltäglichen Rassismus in Deutschland gedreht. Das Thema ist nach wie vor aktuell.

Sicherlich ist es ein universelles Thema, wie wir mit Menschen umgehen, die wir als fremd erachten. Die Art, wie damals die Türken behandelt wurden, war furchtbar. Heute gibt es andere schreckliche Formen. Ich finde, das Deutschland aus der Geschichte heraus die Verpflichtung hat, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Ängste, die von den Rechten provoziert werden, dass Deutschland muslimisch wird, dass zu viele Andersdenkende kommen, ich finde diese Ängste übertrieben.

Warum kommt plötzlich der Antisemitismus in Deutschland wieder hervor?

Viel zu lange hat man nicht genügend aufgeklärt. Viel zu lange hat man weggeschaut, als sich die Rechten stärkten. Erst die NPD, jetzt die AfD. Man hat auch nicht reagiert, als die NSU neun Jahre lang Menschen umgebracht hat. Das erklärt nicht den jetzigen Antisemitismus, aber es sind Zeichen, dass man Entwicklungen verschlafen hat. Wir machen als Akademie sehr viel darüber. Wir haben kürzlich einen „Heimatabend“ gemacht, um heraus zu finden, was Heimat ist und wo der Antisemitismus herkommt. Wir als Kulturinstitution dürfen die Augen nicht zumachen, wenn hier auf Demos die Israelfahne verbrannt wird oder Kinder in den Schulen gemobbt werden, weil sie jüdisch sind. Da können wir doch nicht einfach wegschauen. In Deutschland, bitteschön.

Gibt es unter Ihren mehr als 400 Mitgliedern auch Stimmen, die sich lieber künstlerisch nationaler positionieren wollen?

Das wäre katastrophal und ist glücklicherweise nicht der Fall. Wir werden nicht zulassen, dass sich hier wieder antidemokratische Formen einschleichen. Das ist klar, sonst wäre ich hier nicht Präsidentin. Ich kann natürlich nicht für jedes einzelne Mitglied sprechen. Wir haben unsere Künstler einmal gefragt, was die Aufgabe der Kunst im 21. Jahrhundert ist? Einige haben gesagt: aufklären. Andere sagten einfach nur: Kunst. Einer hat gesagt: Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht.

Sie sorgen sich sehr?

Natürlich sorge ich mich. Die Vorstellung, dass man die Koffer nicht zu weit weg haben sollte, ist schon da. Aber wir als Akademie sorgen uns nicht nur, sondern wir tun was. Ich spreche gerne über unser Jugendvermittlungsprogramm, wenn wir in Orte gehen, wo die Kultur nicht wirklich hinkommt. Ein Architekt von uns entwickelte beispielsweise mit Kindern das Projekt, wie sie sich ihre Stadt vorstellen würden. Es ist eine integrative und zugleich aufklärerische Arbeit mit jüngeren Menschen. 2020 machen wir das Projekt Reisebilder.

Digitale Welten und künstliche Intelligenz sind Themen, denen sich die Akademie widmet. Tatsächlich sind Kinder und Jugendliche heute viel mehr von digitalen Denkweisen beeinflusst als wir glauben. Will die Akademie die Entwicklung mit beeinflussen?

Steuern können wir das nicht, aber begleiten. Kürzlich fand ein Akademie-Gespräch zu diesem Thema bei uns statt. Es geht um die Frage, wie weit wird künstliche Intelligenz auch die Kunst übernehmen? Ich habe zusammen mit dem Musiker Floros Floridis einen audiovisuellen Essay darüber gedreht. Es geht einerseits um die Gefahren der Kolonialisierung durch künstliche Intelligenz, andererseits um die Chancen.

Was ist Ihre Position?

Es ist absolut notwendig, dass ethische Maßstäbe in das Internet eingebracht werden. Hasstiraden auf Facebook sind nicht mehr hinnehmbar. Es geht nicht, dass persönliche Daten der Menschen zum Handelsgut verkommen. Es ist auch gefährlich, dass dadurch Wahlen beeinflusst werden. Jair Bolsonaro ist in Brasilien nur deshalb zum Präsidenten gewählt worden, weil das Volk über Facebook und Twitter agitiert und Lügen über die anderen Kandidaten verbreitet wurden. Jetzt hat er ganze Teile des Regenwaldes zur Rodung freigegeben. Während wir hier um den Klimaschutz ringen. Das Positive an den neuen Technologien ist, dass das frei zugängliche Wissen unser Leben extrem bereichert hat.

Wie ist Ihr Eindruck bei den Künstlern der Akademie. Wollen Sie sich den digitalen Technologien eher unterwerfen oder dagegen ankämpfen?

Soweit ich das sehe, gibt es da einen großen Widerstand. Die Künstler der Akademie stellen Technologien, die zur Verdummung führen können, sehr stark in Frage. Es geht letztlich darum, wozu neue Technologien benutzt werden.

Irgendwann sitzen Sie in einem selbstfahrenden Auto, das Sie entspannt durch die Stadt fährt. Ist das für Sie eine Horrorvorstellung oder eine gute Vision?

Alle Dinge, die unser Leben leichter machen, finde ich angenehm. Ich finde es auch schön, dass wir so einfach über Kontinente hinweg kommunizieren können. Ich kann meinen Bruder jederzeit kostenlos in Argentinien anrufen. Aber das ist ein naiver Blick auf die Geräte, die viel mehr machen können – zum Beispiel Daten abzapfen.