Berlinische Galerie

Bettina Pousttchi bringt ganze Leitplanken zum Tanzen

Was die Stunde geschlagen hat: Die Berlinische Galerie zeigt Werke der deutsch-iranischen Künstlerin Bettina Pousttchi.

Bettina Pousttchi ist von 2008 bis 2016 international gereist und hat öffentliche Uhren fotografiert, deren Zeiger auf kurz vor zwei standen.

Bettina Pousttchi ist von 2008 bis 2016 international gereist und hat öffentliche Uhren fotografiert, deren Zeiger auf kurz vor zwei standen.

Foto: Berlinische Galerie, Foto: © Norbert Miguletz

Bettina Pousttchi erlebte vor zehn Jahren mit „Echo“ ihren Durchbruch: eine digital verfremdete Darstellung des ehemaligen Palastes der Republik als Fassadenbild für die Temporäre Kunsthalle am Berliner Schlossplatz. Das Phantombild des ausradierten Monuments der DDR-Ära machte Eindruck. Pousttchi wurde als Nachwuchsstar der deutschen Kunst gehandelt. Die Berlinische Galerie bietet jetzt unter der Überschrift „In Recent Years“ einen konzentrierten Einblick in das jüngere Schaffen der Künstlerin, die ihr Atelier von Köln nach Berlin verlegt hat.

Einen Schwerpunkt bilden Metallarbeiten. Bunte Kürzel aus tonnenschwerem Material wirken gewichtig und leicht zugleich. Die Titel der in diesem Jahr entstandenen Serie gibt Aufschluss: „A1“, „A2“, „A3“, „A4“ und „A5“. Die Künstlerin dekliniert also das Autobahnnetz durch. Die Skulpturen sind in die Horizontale strebende, verbogene und farbig lackierte Leitplanken. Assoziationen von Massencarambollagen stellen sich ein, aber auch von einem witzigen Tanz von Metallschrott.

Fahrradbügel im inneren Ringen

Herkuleskräfte scheinen nötig, um derartige Skulpturen herzustellen. Wie darf man sich den Schaffensprozess vorstellen? Bekommt die deutsch-iranische Künstlerin tonnenschwere Metallteile ins Atelier geliefert, hämmert dann und schweißt, und schickt lackierte Fertigteile per Schwertransporter in Galerien und Museen? Nein, von der zierlichen Künstlerin, die die ausdrucksvollen Augen mit schwarzem Kajal konturiert, kommen die Entwürfe, die Fertigung der Metallskulpturen erledigt eine Werkstatt in Lichtenrade.

Auf diese Weise sind auch „Jakob“, „Olga“ und „Arnold“ entstanden, Ready-mades, die in einem früheren Leben Straßenpfosten oder Baumschutzbügel waren. „Felix“ ist eine Collage aus verkeilten Fahrradbügeln. Felix scheint in einem inneren Ringen gefangen zu sein. Die Bügel haben sich aus den Verankerungen gelöst, was ihm einen anarchischen Anstrich verleiht. Der chromblitzende Edelstahl aber weist Felix als Produkt eines Luxusmarktes aus. Er ist ein potenzieller Sammlerfetisch.

Außer anarchischen Skulpturen ist konzeptuelle Fotografie zu sehen. „Berlin Window“ besiedelt die Außenhaut der Berlinischen Galerie: ein netzartiges, an orientalische Muster erinnerndes Motiv. Es ist jedoch von deutschen Fachwerkkonstruktionen abgeleitet. Kulturelle Zuordnungen werden im wahren Sinn des Wortes durchkreuzt.

Teil der Ausstellung ist auch die Serie „Weltzeituhr“. Die Künstlerin ist von 2008 bis 2016 international gereist und hat öffentliche Uhren fotografiert, deren Zeiger auf kurz vor zwei standen. Berlin ist mit der Rathausuhr vertreten, deren lateinisches Ziffernblatt ein florales Motiv schmückt. Die Serie zeigt an, wie weit die „Kolonisierung“ durch arabische und lateinische Ziffern reicht und wo sich alternative Zeichensysteme entwickeln und halten konnten.

Zudem wirft die Arbeit Fragen nach globaler Gleichzeitigkeit auf. Die Behauptung einer solchen liegt nicht zuletzt der sogenannten globalen Kunst („Global Art“) zugrunde, der Pousttchis Werke zuzurechnen sind. Der in jüngerer Zeit oft zitierte Ästhetikprofessor Peter Osborne hält eine homogen gedachte, globale Gegenwart für eine Fiktion, die tatsächliche Machtgefälle überdeckt.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, Kreuzberg. Mi.–Mo. 10–18 Uhr. Bis zum 6. April 2020. Fotoinstallation „Panorama“, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3. Bis 10. Mai 2020, Mi.-So. 12-18 Uhr.