Theater

Das Berliner Ensemble hat eine neue Spielstätte

Am Schiffbauerdamm eröffnet an diesem Wochenende das Neue Haus mit Karen Breeces Stück „Mütter und Söhne“

Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, vor dem Neuen Haus.

Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, vor dem Neuen Haus.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Es hat nur etwas länger als ein Jahr gedauert, und wie das immer so ist, mussten in den letzten Tagen Nachtschichten eingelegt werden. Am heutigen Freitagabend eröffnet das Berliner Ensemble mit der Premiere von Karen Breeces „Mütter und Söhne“ mit dem Neuen Haus eine neue Spielstätte auf dem Gelände des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm. Die Zeiten der provisorischen Aufführungsorte im Kleinen Haus im Querflügel sind damit vorbei, dort verbleiben die Kantine, eine Probebühne und Verwaltungsbüros. Bespielt werden stattdessen gegenüber dem altehrwürdigen Großen Haus ein kleinerer Werkstattraum und ein Theatersaal, der bis zu 185 Zuschauern Platz bieten kann.

Intendant Oliver Reese hat sich bereits vor vier Jahren dafür eingesetzt. „Ich habe damals in den ersten Gesprächen mit dem Senat gesagt: Das Berliner Ensemble braucht eine zweite Spielstätte“, erzählt er bei einem Rundgang über die Baustelle, während Handwerker überall noch letzte Hand anlegen. „Das Deutsche Theater hat seine Kammerspiele, die Schaubühne hat sowieso drei Säle, das Gorki hat sein Studio, das Hamburger Schauspielhaus hat den Malersaal, die Münchener Kammerspiele haben den Werkraum und das Blaue Haus. Jedes Haus braucht so etwas. Erst recht, wenn es mein Auftrag ist, auch viel Gegenwart zu spielen. Das kann man nicht immer vor 700 Leuten tun, das muss man auch einmal vor 200 Leuten tun.“

Die Treppen sind jetzt außen angebracht

Für etwa sechs Millionen Euro ist das Haus nicht nur vollständig und energetisch effizient saniert, sondern vom Berliner Architekten Norbert Möhring quasi neu erfunden worden. Das Treppenhaus wurde aus dem Inneren an die Außenseite verlegt – ab dem Sommer des kommenden Jahres auch verglast. Auf diese Weise wurde Platz für ein Foyer mit angrenzender Garderobe geschaffen, von wo aus man per Fahrstuhl oder Treppe zum Werkraum und zum Vorführungssaal gelangen kann. Unter dem Dach wird ein neues Tonstudio eingerichtet. Wenn man sich so umsieht, fragt man sich unwillkürlich, warum das alles eigentlich nicht schon unter Reeses Vorgänger Claus Peymann in die Wege geleitet worden ist. Er führte das Berliner Ensemble schließlich 18 Jahre lang, von 1999 bis 2017. Zwar fanden damals (auf Grundlage einer 18 Jahre laufenden, „temporären“ Genehmigung) im Gebäude der Alten Probebühne auch Veranstaltungen statt, Lesungen des Berliner Literaturfestivals etwa. Aber es gab weder Barrierefreiheit noch eine befriedigende Belüftung, moderne Beleuchtungsmöglichkeiten oder die Möglichkeit aufwendigerer Inszenierungen. Wer zur Toilette wollte, musste entweder in die Kantine oder ins Große Haus ausweichen. Peymann ließ dem Haus zwar einen froschgrünen Anstrich verpassen, aber innen bröckelten die Wände.

Helene Weigel nannte den Bau „ein Monster“

Die Alte Probebühne war bis dahin immer ein ungeliebtes Kind gewesen. Auf dem Fundament einer im Krieg zerstörten Volksschule entstand im Innenhof des Theaters 1952 zunächst ein flacheres Gebäude, das später aufgestockt werden sollte. Es war ein für die Zeit typischer, ambitionslos-zweckgebundener Verwaltungsbau, in dem sich zwischenzeitlich auch einmal eine Sauna, ein Schachclub, Räume für Tischtennisturniere und eine Parteizentrale befanden. Das ungebrauchte Inventar des Theaters stapelte sich schnell in allen Ecken. „Ihr könnt gern hier proben“, schrieb Intendantin Helene Weigel einmal an den Regisseur Wolfgang Langhoff, „aber ich warne Dich gleich: Es ist ein Monster.“ Papierdünne Wände erschwerten den Schauspielern die Arbeit an den Stücken.

Damit soll es jetzt ein Ende haben, auch wenn Regisseurin Karen Breece und ihr Team in den letzten Tagen während der Bauarbeiten stoisch einiges ertragen haben. Oliver Reese gewährt trotzdem einen kurzen Blick in den neuen Theatersaal, wo sich Corinna Kirchhoff inmitten eines Bühnenbilds aus unzähligen Stühlen gerade mit der Regisseurin bespricht. Die Atmosphäre im nachtdunklen Raum erinnert an die Schaubühne, allerdings streckt sich der Saal auf seinen 285 Quadratmetern viel weiter nach hinten, was eine steilere Terrassierung der Sitzreihen ermöglicht. Die Podesterie dafür ist aus dem Kleinen Haus übernommen, allerdings mit neuen Stühlen ausgestattet worden. Hinten öffnet ein Handwerker eine Tür, Tageslicht fällt herein, jemand ruft aufstöhnend „Tür zu!“. Wir nutzen die Gelegenheit, um ebenfalls diskret zu verschwinden.

Neues Haus am Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. „Mütter und Söhne“ am 20.9. (Premiere ausverkauft) und 21.9., 20 Uhr. Im Neuen Haus bezahlen Besucher bis Ende September nach Ende der Vorstellung einen Preis nach eigenem Ermessen.