Museum Berggruen

Pablo Picasso und Thomas Scheibitz: Kubisten im Dialog

Harlekins und Spieler: Eine Ausstellung im Museum Berggruen stellt Werke von Pablo Picasso und Thomas Scheibitz gegenüber

Gemälde von Scheibitz (links) und Picasso (rechts) im Museum Berggruen.

Gemälde von Scheibitz (links) und Picasso (rechts) im Museum Berggruen.

Foto: © Thomas Scheibitz / Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

Pablo Picasso (1881–1973) wurde auch der „große Pan“ genannt. Er war die überragende Künstlerfigur des 20. Jahrhunderts. In Paris bewegte sich der Spanier in linksliberalen, antiklerikalen und anarchistischen Künstlerkreisen und schuf 1937 das Antikriegsbild „Guernica“. Gleichzeitig war er Ironiker, ließ sich mit großer weißer Unterhose fotografieren.

Thomas Scheibitz, 1968 in der Nähe von Dresden geboren, konfrontiert Betrachter mit einer Mischung aus Ernst und Albernheit. Mit Neo Rauch und Matthias Weischer verbindet den Maler und Bildhauer das Studium an ostdeutschen Kunstakademien und eine begeisterte Sammlerschaft insbesondere in den USA. In einer Sonderschau der Nationalgalerie werden nun Werke des modernen Klassikers und des postmodernen Zitatekünstlers gegenübergestellt – umfangreich, schlüssig und erhellend.

„Eine sehr ähnliche künstlerische Haltung“

Eine These der etwa 45 Werke umfassenden Präsentation „Pablo Picasso x Thomas Scheibitz. Zeichen Bühne Lexikon“ lautet, die beiden Künstler hätten ihre Werke aus einer verwandten Attitüde heraus geschaffen, „einer sehr ähnlichen künstlerischen Haltung“. „Von allen großen Ismen des 20. Jahrhunderts“, erklärt Scheibitz, „ist der Kubismus am radikalsten, am prägendsten geblieben.“

Im Erdgeschoss des Haupttraktes des Museums Berggruen wird das „Betriebsgeheimnis“ offengelegt. Scheibitz arbeitet mit einem überschaubaren Set an Formen und Farben, die er in einer Art Hexenkessel extrahiert und neu zusammenbraut. In den darüber liegenden Etagen lässt sich als loses kuratorisches Schema die Fokussierung auf Collagen/Montagen, bühnenhafte Arrangements oder auch das Kompositionsprinzip der Variation und Wiederholung erkennen.

Der Künstlervergleich ist nicht willkürlich. Mit einer Fülle von Referenzen bis hin zu direkten Zitaten bezieht sich Scheibitz auf Picasso. Etwa greift er das Motiv der Kreuz-As-Spielkarte von Picassos Stillleben auf. Das As steht unter anderem für Reichtum. Dieses zuvorderst anzustreben, wird gerade Malern gern unterstellt.

Die Versuchsanordnung des Vergleichens geht besonders bei Zeichnungen und Skizzen auf. Hier kann man als Betrachter sogar ins Schwimmen geraten und sich fragen: Ist das von Picasso oder von Scheibitz? Ein Höhepunkt ist die Gegenüberstellung von Picassos „Sitzendem Harlekin“ (1905) mit Scheibitz „Spieler“ aus diesem Jahr: eine aus kegelartigen Elementen komponierte abstrakte Schöpfung.

In beiden Werken steht die Behandlung eines künstlerischen Problems im Zentrum: Die Erzeugung eines Equilibriums. Scheibitz hat den Schwierigkeitsgrad gesteigert, indem er runde und kantige Formen, stumpfe Farben und schreiende Akzente von Neonreklame und industriegenormten Textmarkern ausbalanciert.

Eine passende Überleitung bildet im Anschluss Picassos delirierendes Absinthglas aus bemalter Bronze, das Scheibitz mit bemaltem Edelstahl toppt: eine Kugel auf Augenhöhe der Betrachter mit dem Titel „Goldilocks Zone“ (2008), ein Ausdruck für die Ökosphäre. Oder ein Selbstporträt von 2014: Vor graubrauner Fläche stellt sich der Künstler als eine Mischung aus Vogelhaus, verwittertem Briefkasten und Camera obscura dar. Die Ausstellung legt den Fokus auf Ähnlichkeiten. Unterschiede liegen darin, dass Picassos lustvollen Kürzeln erotischer Weiblichkeit bei Scheibitz spannungsarmer Unisex gegenübersteht. Ein verbindendes Moment ist das Festhalten an den klassischen Medien Malerei und Skulptur.

Scheibitz könnte Picassos Urenkel sein. Der Künstler, der Deutschland im Jahr 2005 auf der Venedig-Biennale vertreten hat, möchte nach eigenen Angaben ein „offenes Areal“ schaffen. Betrachter sollen selber Sinnbezüge herstellen. Das in alle erdenklichen Richtungen offene Werk kann als Platzhalter für eine Empfindung gestiegener Freiheit, aber auch gewachsener Orientierungslosigkeit betrachtet werden. Andererseits hat sich der Künstler auf einen wiedererkennbaren Stil als Markenzeichen festgelegt, während für Picasso Kubismus nur eine Phase unter mehreren war. So gesehen erscheint Picasso freier.

Museum Berggruen, Schloßstraße 1a, (am Schloss Charlottenburg). Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sbd. und So. 11–18 Uhr. Bis 2. Februar 2020.