Maxim Gorki Theater

Der Aufstand der Frauen in „Anna Karenina oder Arme Leute“

Männer als schlotternde Jammerlappen: Oliver Frljić verschränkt auf der Bühne des Gorki Tolstoi und Dostojewski.

Der Boden ist mit sich kreuzenden Bahngleisen bedeckt: Szene aus „Anna Karenina oder Arme Leute“.

Der Boden ist mit sich kreuzenden Bahngleisen bedeckt: Szene aus „Anna Karenina oder Arme Leute“.

Foto: Ute Langkafel, MAIFOTo

Über den berühmten Romananfang, nach dem alle glücklichen Familien einander ähneln, jede unglückliche aber auf ihre eigene Art unglücklich sei, hatte man fast vergessen, dass Leo Tolstoi seiner „Anna Karenina“ ja auch ein Motto vorangestellt hatte. Das lautet: „Die Rache ist mein, ich will vergelten.“ In Oliver Frljićs Bühnenadaption von Tolstois großem Ehebruch-Epos, das er auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters mit Dostojewskis Debütroman „Arme Leute“ kombiniert, wird die Rache gewaltig sein. Außerdem ganz anders, als zu erwarten war. Und sie kommt spät.

Zunächst einmal beeindruckt in „Anna Karenina oder Arme Leute“, so der Titel des Abends, vor allem das Bühnenbild von Igor Pauška: Vier mit Bohlen verstrebte Bahngleise, die sich kreuzen, führen direkt nach vorne in den Zuschauerraum. Auf hölzernen Draisinen rollen die Protagonisten heran. Die Näherin Warwara (Anastasia Gubareva) und ihre beiden Verehrer Makar (Emre Aksizoğlu) und Bykow (Mehmet Yilmaz) aus „Arme Leute“ auf dem linken Gleis. Der Fürst Oblonski (Falilou Seck) und seine Familie aus „Anna Karenina“ auf dem anderen. Die einen tragen die groben Stoffe des Proletariats, die anderen goldene Anzüge und spitzenverzierte Kleider.

Die Zwänge der Aristokratie

Die einen verteilen das Brot oder treten es mit Füßen, die anderen schnappen nach den Krumen. In kurzen Szenensplittern erzählen Warwara und der einfache Makar von ihrer unmöglichen Liebe, ebenso das „Anna Karenina“-Personal: die von ihrem Gatten betrogene Fürstin Oblonski (Abak Safei-Rad), ihre Schwester Kitty (Hanh Mai Thi Tran), die vom Gutsbesitzer Lewin (Jonas Dassler) begehrt wird, und Anna Karenina (Lea Draeger), die sich, obgleich verheiratet, in eine Affäre mit dem Grafen Wronski (Taner Şahintürk) stürzt. Die romantische Liebe wird hier, unabhängig von der sozialen Klasse, von den Verhältnissen torpediert, ganz gleich, ob es sich um die gesellschaftliche Zwänge der Aristokratie oder die bittere Armut der einfachen Bevölkerung handelt. Das alles wird zwar sauber miteinander verschränkt und einigermaßen solide erzählt, aber ist das wirklich alles, was uns Frljić dazu zu sagen hat?

Ist es nicht. Nach der Pause fährt er zum revolutionären Showdown auf: Das goldgerahmte Zarenporträt wird ersetzt durch eins von Lenin, später von Putin. Warwara verteilt Pistolen unter den Damen und ruft zur Revolution. Wobei ihr der Befreiungsschlag der Frauen wichtiger ist als der der Klassen. Die Adels-Männer sind nur schlotternde Jammerlappen in Unterhosen, die bei den ballernden Frauen vergebens um Gnade winseln. Zugegeben, Oliver Frljićs krachende Volte, mit der er sein Personal über historische Gleise in unsere Zeit schubst, kommt zwar etwas abrupt und lehrstückhaft daher, ist aber als beherzte Fortschreibung des Originalstoffes unter sich verändernden gesellschaftlichen Vorzeichen dennoch durchaus anregend.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Kartentelefon 20 221 115. Nächste Termine: 20.09. und 27.09., 19.30 Uhr.