Konzert

Wenn das liebeskranke Herz der Dido aufhört zu schlagen

Das Orchester der Deutschen Oper würdigt in der Philharmonie Hector Berlioz. Schade nur, dass vorher Beethoven stört.

Singt die Dido in den "Trojanern" von Hector Berlioz: Die amerikanische Sopranistin Susan Graham (Archiv). 

Singt die Dido in den "Trojanern" von Hector Berlioz: Die amerikanische Sopranistin Susan Graham (Archiv). 

Foto: CTK Volfik / picture-alliance/ dpa

Zu einer der letzten Veranstaltungen des diesjährigen Musikfests begibt sich das Orchester der Deutschen Oper unter seinem Chef Donald Runnicles in die Philharmonie. Das ist kein Zufall. Immer noch wird hier mit zahlreichen hochkarätigen und sehr unterschiedlichen Interpretationen Hector Berlioz‘ hundertfünfzigstes Todesjahr gefeiert.

Tatsächlich durfte man mit dieser Konzentration auf einen hierzulande abseits der „Symphonie phantastique“ kaum bekannten Komponisten Ohrenöffendes erleben. Denn darin besteht kein Zweifel: Dass Berlioz mit seiner rhythmischen Raffinesse und seinen instrumentaltechnischen Kenntnissen, welche Vehikel für die Imagination unbekannter Klänge notwendig sind, ein Ahnvater der Moderne ist.

Beim großen West-Berliner Opernorchester wiederum kann man auf jeden Fall eine hohe Berlioz-Kompetenz voraussetzen: Schließlich hatte die Deutsche Oper bis vor kurzem als eines der wenigen Opernhäuser weltweit die größte, bedeutendste und sperrigste, aber um so seltener gespielte Oper des französischen Komponisten im Repertoire: „Les Troyens“ („Die Trojaner“), die er ab 1856 nach Vergils „Aeneis“ und einer Szene aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ komponierte.

Warum Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre hier gar nicht ins Programm passt

Weshalb allerdings zuallererst Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre aufs Programm muss, erschließt sich nicht ganz. Gewiss, Berlioz nannte zuallererst Beethoven als sein Vorbild, doch zum Aufwärmen für das Orchester scheint diese Musik nicht so recht zu taugen: Die kreisende Achtelbewegung der Mittelstimmen wirkt oft schlecht koordiniert, der gesamte Gestus ist ein wenig bauchig.

Und schließlich ist es irgendwie auch ein bisschen altbacken, ein Konzert mit solch einer pathetischen Beethoven-Ouvertüre einzuleiten – es sei denn, im Musizieren selbst, zum Beispiel bei der Wiedergabe auf historischem Instrumentarium, klingt eben jenes Pathos weniger wilhelminisch dumpf-dröhnend denn nach Sturm und Drang und französischer Revolution. Das ist hier allerdings nicht der Fall, also wohin denn nun mit der abgestandenen Geste des scheiternden Helden?

Schlauer ist da schon die Wahl von Berlioz‘ frühem Monodrama „Der Tod der Kleopatra“, ein Jugendwerk, das er im zarten Alter von 26 Jahren schrieb. Die bekannte US-Mezzosopranistin Susan Graham darf hier zeigen, wie man auch ohne Augenrollen und hochdramatischen Knalleffekt in einer musikdramatischen Todesszene einen Saal zum Gefrieren bringen kann. Hier findet auch das Orchester bestens in den indirekten, aber um so eindringlicheren Ton der französischen Oper hinein.

Susan Grahams musikalische Rundung des Abends

In Auszügen aus Berlioz‘ „Trojanern“ nach der Pause wird diese Stimmung noch meisterlich vertieft. Klaus Florian Vogt übertreibt es mit der ausdruckshaften Distanz allerdings ein wenig. Man hat nicht das Gefühl, dass der Wagnertenor in der Berlioz-Partie des Aeneas so recht zu Hause ist.

Susan Graham dagegen sorgt für die musikalische Rundung des Abends: Ihr Sterbemonolog der Dido ist ähnlich weich und anschmiegsam im Ton wie zuvor die Kleopatra – und das liebeskranke Herz der Dido hört in wundervollem Einklang mit der Solistin auf, im Orchester zu schlagen.