Philharmonie

Zubin Mehta dirigiert beim Musikfest

Beim Musikfest ist der 83-jährige Dirigent mit dem Israel Philharmonic Orchestra zu Gast in der Berliner Philharmonie.

Zubin Mehta im Habima Theater in Tel Aviv. Nun führt ihn seine Abschiedstournee nach Berlin.

Zubin Mehta im Habima Theater in Tel Aviv. Nun führt ihn seine Abschiedstournee nach Berlin.

Foto: Atef Safadi / dpa

Berlin . Es war eine sehr fröhliche Sache“, sagt Zubin Mehta, und er meint sein Abschiedskonzert als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra im Juli unter freiem Himmel in Tel Aviv. Ein Geschenk der Stadt an jenen Mann, der über vier Jahrzehnte dem repräsentativen sinfonischen Klangkörper des Landes vorstand. Mehta ist kein Israeli, sondern indischer Staatsbürger. Jude ist er auch nicht. Den Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu bezeichnet er als verkappten Diktator in einer Demokratie. Zubin Mehta muss mit solchen Aussagen in Israel keine Anfeindungen fürchten. Er ist, mit 83 Jahren immer noch, der vielleicht prominenteste und am meisten bekannte klassische Künstler im Land.

Nun führt die Abschiedstournee mit dem Israel Philharmonic Zubin Mehta auch in die Berliner Philharmonie, wo er am Montag beim diesjährigen Musikfest den Jubilar Hector Berlioz mit dessen „Symphonie phantastique“ feiert. Dazu gibt es Mendelssohns Violinkonzert sowie ein Concertino für Streicher von einem der Pioniere des Israel Philharmonic in den 30er-Jahren, dem Bratscher Ödön Pártos. Es ist eines von drei Programmen auf Mehtas Abschiedstournee mit seinem Orchester. In München haben sie am Wochenende Beethovens Drittes Klavierkonzert gespielt, davor in Neapel die Dritte Sinfonie von Gustav Mahler.

Unvorstellbar wäre so ein schwieriges Stück 1969 bei dem Orchester gewesen, als Zubin Mehta das Israel Philharmonic erstmals als 33-Jähriger dirigierte. Die Streichergruppe, so Mehta, habe damals als einzige ein sehr hohes Niveau gehabt. „Damals war das Orchester noch voll von österreichischen k.-u.-k.-Musikern. Das waren Wiener, Tschechen, Ungarn.“ In den Bläsern haperte es noch. Mehta jedoch arbeitet mittlerweile mit der dritten Generation von Musikern. Auch die „russische Welle“, wie er es nennt – Musiker, die in den siebziger und achtziger Jahren zum Israel Philharmonic stießen – ist mittlerweile fast komplett in Pension gegangen. Jetzt hat ein alt gewordener, scheidender Chefdirigent wiederum ein sehr junges Orchester: In der dritten Generation sitzen vor Mehta zu neunzig Prozent Israelis, die zum Beispiel auch die extrem anspruchsvollen Trompeten- oder Posaunen-Passagen einer Mahler-Sinfonie bewältigen. „Ich habe auf dieser Tournee Erfolge gehabt wie nie zuvor. Sie haben wirklich unglaublich gespielt in Neapel“, staunt Mehta. Vorstellbar auch in seinen Anfangsjahren? „Da wäre das eher schwierig gewesen“, schiebt er schmunzelnd nach.

Ambitionierte Pläne

Mehtas Pläne nach seinem Abgang in Tel Aviv sind ambitioniert. An der Staatsoper in Berlin wird er Anfang nächsten Jahres eine Neuinszenierung von Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“ dirigieren. Tatsächlich knüpft Mehta da an faszinierende Klangergebnisse an, die der erfahrene Operndirigent schon früher bei Strauss-Abenden in der Staatsoper erzielt hat. Mehta scheint Daniel Barenboims prominenter Feuerwehrmann für Richard Strauss‘ intensives Musiktheater zu sein.

Doch auf Zubin Mehta kann Barenboim vertrauen, und zwar genau seit 63 Jahren. Der 19-jährige Zubin lernte den 13-jährigen Daniel samt dessen mitreisender Eltern bei einem Dirigierkurs im toskanischen Siena kennen. „Wir waren wie Brüder. Er und seine Eltern haben mich fast adoptiert.“ Bekannt ist die Geschichte, dass sich die beiden jungen, aufstrebenden Dirigenten über Kontinente hinweg am Telefon Furtwängler- und Toscanini-Aufnahmen vorspielten und darüber leidenschaftlich diskutierten. Es waren die beiden antipodischen musikalischen Ansätze der frühen Nachkriegszeit. Das emphatisch subjektive Musizieren, das Zwischen-den-Noten-Lesen von Furtwängler gegen Toscaninis Urtext-Pedanterie und Werktreue.

„Wir sind danach immer sehr eng gewesen“, erinnert sich Mehta an seine lebenslange Freundschaft mit Barenboim.“ Kürzlich hat man sich in Buenos Aires getroffen. „Ich habe sein Konzert besucht und er meins. Es war mal wieder wunderbar. Und in Israel sind wir in unserer Kritik gegen die Regierung vereint.“

Politischer Furor

Tatsächlich treibt Zubin Mehta auf seine alten Tage ein politischer Furor um, der von der Haltung her nicht so weit von Barenboims Versuchen der Völkerverständigung mit dem West-Eastern Divan Orchestra entfernt ist. Immer noch ist Mehta Staatsbürger Indiens: In Bombay wurde er 1936 in eine vermögende zoroastrische Musikerfamilie hineingeboren. Denkt Mehta heute an Indien, dann vor allem an den Kaschmirkonflikt, der im vergangenen Monat aufgeflammt ist wie lange nicht mehr. Mehta war vor einigen Jahren in Kaschmir mit dem Münchner Staatsopernorchester, „um die Hindus und Moslems zusammenzubringen. Und das haben wir, wenigstens für zweieinhalb Stunden haben sie dort in Frieden gesessen.“ Zubin Mehta ist bescheiden. Man merkt, dass er anders als Barenboim nicht uneingeschränkt an das Grenzenüberwindende der klassischen Musik glaubt – zumal in Indien. „Indien hat so viel eigene Musik – die Musikerziehung in dieser Richtung auszubauen wäre wichtiger als das europäische System.“

Ebenso wie die meisten Musikerinnen und Musiker des Israel Philharmonic wird Zubin Mehtas Nachfolger als Chefdirigent ein Israeli sein: Lahav Shani hat an der „Hanns-Eisler“-Musikhochschule in Berlin Dirigieren studiert, es gelingt ihm, äußerlich gesehen, mit seinen 29 Jahren und dem erklommenen Chefposten in Tel Aviv, ein steiler Aufstieg. Äußerlich, denn Mehta und das Orchester kennen Shani schon lange. „Das Orchester hat ihn sehr gern, er wiederum kennt das Orchester in- und auswendig.“ Das ist wohl auch nötig, wenn man als junger Musiker Zubin Mehta beerbt. Schließlich ist Mehta vermutlich der dienstälteste Chefdirigent eines Spitzenorchesters auf der Welt.

Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten, 16.9., 20 Uhr. Tickets über die Berliner Festspiele, Tel.: 254 89 100.