Deutsche Oper

Paul-Georg Dittrich: „Ich bin nicht müde, zu tingeln“

Zurzeit wird Regisseur Paul-Georg Dittrich gefeiert – nach seinem Erfolg mit „Wozzeck“ auch als Opernregisseur.

Sieben Vorstellungen gibt Paul-Georg Dittrich an der Deutschen Oper Tischlerei – und dem Publikum neue Perspektiven.

Sieben Vorstellungen gibt Paul-Georg Dittrich an der Deutschen Oper Tischlerei – und dem Publikum neue Perspektiven.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Paul-Georg Dittrich weiß um die künstlerischen Probleme der Theaterkunst in Deutschland. Zumindest glaubt man ihm die Behauptung, dass er um sie weiß – der 36-jährige Regisseur kann darüber eloquent und differenziert Rechenschaft ablegen. Die Rede ist von der ­Gefährdung vieler Theaterschaffender, selbstreferenziell zu werden – in ihren Inszenierungen auf andere Inszenierungen zu verweisen, die kein Mensch im Publikum vor Ort kennt. Bekannte Ästhetiken, die gerade modern sind, zu ­kopieren. Nicht mehr aus dem eigenen Erlebnis- und Erfahrungsschatz zu schöpfen. Gefangen in der Arbeit auf Probebühnen – da vergisst man schon mal die Welt draußen.

„Die Gefahr besteht bei allen von uns irgendwie. Dass man sich die Anregungen nur aus seinem eigenen Kosmos holt. Man muss aber über seinen eigenen Tellerrand hinausschauen. Und das permanent.“ Immer die gleichen Künstlerinnen und Künstler, die sich ihre Inspiration dazu nur noch untereinander holen, werden von Stadttheater zu Stadttheater gereicht. So entsteht das, was Dittrich einen „Transfermarkt“ nennt. Er habe früher viel Fußball gespielt, sagt Dittrich, die Vergleiche drängen sich ihm auf. Vom Fußball habe er den Teamgeist, der auch im Theater nötig sei, sagt der hochgewachsene, sportlich erscheinende Regisseur. Von seiner Mutter, einer gebürtigen Bulgarin, indes hat er sein gepflegt rollendes „R“, obwohl er 1983 in Königs Wusterhausen geboren wurde. Analogien zwischen Fußball und deutschem Stadttheater sieht er allerorten. Die Hierarchien. Das Ranking. Die Sucht nach Tabellen, die Erfolg suggerieren sollen – in jenem harten Wettbewerb, in welchem nicht nur die Vereine der Bundesliga, sondern auch die deutschen Stadttheater zueinander stehen.

Paul-Georg Dittrich redet nicht abfällig darüber, er ist so ehrlich wie höflich. Denn schließlich, das muss man sagen, ist Dittrich ein Profiteur dieses Systems. Die Liste seiner Stadttheater-Inszenierungen ist lang: Heiner Müllers „Auftrag“ am Theater Aachen, „Wut“ am Theater Erlangen, „Gegen die Wand“ in Bremerhaven. Viel Sprechtheater, und dann großformatige Oper: Berlioz’ „Damnation de Faust“, „Fidelio“ oder „Lucia di Lammermoor“, um nur einige zu nennen. Es gibt in Deutschland zig ­Inszenierungen von Paul-Georg Dittrich, die meisten aus den vergangenen Jahren. Sesshaftigkeit oder gar ein ausgedehntes Privatleben sind da nicht drin. „Vieles bleibt auf der Strecke, keine Frage. Wobei ich es gar nicht als Job, sondern als Leidenschaft ansehe, als Privileg, Geschichten zu erzählen und Fragen stellen zu dürfen. Das, was ich als Mensch nicht sein kann und sein darf, auch mit Theaterteams erträumen zu dürfen. Es ist ein Fluch und Segen zugleich. Ich bin aber auch sehr dankbar, dass so eine vielfäl­tige Theaterlandschaft in Deutschland existiert, und ich bin auch in keinster Weise müde, von Haus zu Haus zu tingeln. Dabei geht es immer wieder um neue Begegnungen und Perspektiven auf unser Leben.“ Paul-Georg Dittrich sagt das alles sanft, als müsse er in jedem Wort auf die abstrakte Masse von Theatermachern und Theatergängern Rücksicht nehmen.

Dittrich ist niemand, der sich auf seinen Erfolgen ausruht. Die Menge der Stücke deutet auf ein erhebliches Arbeitspensum hin. Doch Dittrich wird zurzeit auch herumgereicht. Nach einem ersten großen Erfolg mit dem „Wozzeck“ von Alban Berg am Theater Bremen 2016 auch als Opernregisseur. „Ich hatte die Sehnsucht, wieder berührt zu werden von Theater.“ Der „Transmitter Musik“ sei ihm eine neue Heimat geworden nach der ersten Chance mit „Wozzeck“.

In Beethovens „Fidelio“ bat er das Publikum auf die Bühne

Dittrich tastet die Musik selbst in der Oper nie an, sie wird nicht zur Verhandlungsmasse, zum Steinbruch, sondern ist teil des strengen „Korsetts“ der Gattung Oper, das der Regisseur gegenüber dem Sprechtheater so schätzen gelernt hat. Dennoch setzt er auf eine Wahrnehmung des Musikalischen durch die Zuschauer: In seiner letzten Arbeit am Theater Bremen, Beethovens „Fidelio“, hat Paul-Georg Dittrich die sprichwörtliche „vierte Wand“ herausgebrochen aus dem Opernhaus, hat das Publikum teilweise auf die Bühne gebeten, um etwas über den bei Beethoven hymnisch verhandelte Freiheitsbegriff zu erfahren. „Wo der Zuschauer näher an die Solisten heranrückt, also auch der Akt des Singens, des Spielens ganz anders erlebbar wird. 70 Zuschauer befanden sich im zweiten Akt auf der Bühne. Zum Schluss haben wir das Ende, die Freiheitsode auf Leonore, szenisch verweigert, und die Zuschauer durften auf der Bühne agieren. Daraus entwickelte sich ein Möglichkeitsraum einer zeitgenössischen Freiheitsgeste, zugleich aber auch eine Art Denkraum für jeden einzelnen Zuschauer im Theatersaal.“

Spätestens bei dieser Bremer Aufführung wurde die Deutsche Oper Berlin auf Dittrich aufmerksam, denn auch auf der dortigen Experimentierbühne der Tischlerei kann die „vierte Wand“, das alte theatrale Guckkastenprinzip, bestens aufgehoben werden. Um die berühmte Gruselszene aus Webers „Freischütz“ soll es in dem szenischen Stück „Wolfsschlucht“ des Komponisten Malte Giesen gehen, doch Regisseur Dittrich glaubt nicht an den äußeren Horror des dunklen Waldes. Der Wald und das Böse in ihm werden in der Aufführung nur als Fantasie eines jeden Zuschauers entstehen. „Der erste Eindruck wird sehr unerwartet sein. Weil das Publikum eine leere Halle betreten und eine ungewohnte Perspektive einnehmen wird.“

„Wolfsschlucht“. Deutsche Oper Tischlerei, Richard-Wagner-Str. Uraufführung Sbd. 20 Uhr. Weitere Vorstellungen 16., 18., 20., 21., 22., 24.9.