ARD-Film

Von Ottilie fürs Leben lernen

Die Berliner Schauspielerin Kristin Suckow verkörpert in einem ARD-Film Ottilie von Faber-Castell und hat von der Bleistift-Erbin viel gelernt.

Schauspielerin Kristin Suckow in ihrem zweiten Wohnzimmer, das „Café Kohlenquelle“ an der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg.

Schauspielerin Kristin Suckow in ihrem zweiten Wohnzimmer, das „Café Kohlenquelle“ an der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. An der Kopenhagener- Ecke Sonnenburger Straße sieht Prenzlauer Berg noch immer ein bisschen aus wie kurz nach der Wende. Schauspielerin Kristin Suckow hat sich als Treffpunkt das „Café Kohlenquelle“ ausgesucht. Ihr zweites Wohnzimmer, wie sie sagt. Das gibt es zwar erst seit dem Jahr 2000, trotzdem regiert drinnen der Gemischtwaren-Retro-Charme mit Fernsehturm-Geschirr, 70er-Jahre-Beleuchtung und Wurlitzer-Musikbox.

Für ihre erste große Fernsehfilmrolle ist die 30-Jährige in eine ganz andere Zeit eingetaucht. In „Ottilie von Faber-Castell – Eine mutige Frau“ (14. September, 20.15 Uhr, ARD) spielt sie die Erbin des gleichnamigen Bleistiftimperiums.

Ottilie von Faber-Castell: 16-Jährige wird zur Alleinerbin von Lothar von Faber

Gerade einmal 16-jährig wird die Freiin Ende des 19. Jahrhunderts aus Mangel an männlichen Nachkommen zur Alleinerbin des fränkischen Fabrikanten Lothar von Faber. Die ungewöhnliche Rolle als Frau an der Spitze eines Unternehmens wird von den Direktoren, aber auch von ihrer Familie kritisch gesehen.

1898 heiratete sie gegen ihre Gefühle, aber standesgemäß, Alexander Graf zu Castell-Rüdenhausen, mit dem sie fünf Kinder bekommt und der die Geschäfte immer mehr an sich reißt. Die Ehe scheitert 20 Jahre später – für die damalige Zeit ein ungeheurer Skandal.

Ottilie von Faber-Castell- „Die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau“

Regisseurin Claudia Garde orientiert sich in ihrem Narrativ an dem Roman „Eine Zierde in ihrem Hause: Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell“ von Asta Scheib. „Die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die gegen alle gesellschaftlichen Zwänge schließlich die Freiheit gewinnt, ihr eigenes Leben zu leben“, heißt es im Klappentext. Die Familie erzählt die Geschichte anders.

Die Biografie auf der Firmenwebsite stellt die Ehe mit Alexander Graf zu Castell-Rüdenhausen und dessen Verdienste für das Unternehmen in den Mittelpunkt. Die Scheidung und Ottilies Rolle in der Firma sind hier nur eine Fußnote.

Hauptdarstellerin Kristin Suckow wurde 1989 in Königs Wusterhausen geboren und lebt seit zehn Jahren in Berlin. Nach einer Ausbildung in klassischem Ballett, Jazz Dance und Modern Dance begann sie 2008 ein Schauspielstudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Babelsberg.

Kristin Suckow zu sehen in „Alarm für Cobra 11“ und „Wilsberg“

Neben Rollen am Maxim Gorki Theater und an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war sie in Serien wie „Alarm für Cobra 11“ und „Wilsberg“ und im Kinofilm „Lux – Krieger des Lichts“ zu sehen. „Ottilie von Faber-Castell“ sei der erste Film, bei dem sie vom ersten bis zum letzten Tag am Set gewesen sei, sagt sie. Entsprechend intensiv habe sie die Zeit erlebt.

Gedreht wurde vom 13. Mai bis 10. August 2018 in Prag und Umgebung. Mit ihren beiden „Filmmännern“ Johannes Zirner und Hannes Wegener habe sie sofort eine besondere Verbindung gehabt. „Wir haben uns als Menschen gefunden. Das war, als drehte man zwar den Film, aber nebenbei entstand noch etwas anderes. Das war magisch. Kreative Energie von allen Ecken“, sagt sie. „Wir sind zusammengetroffen als hätte es so sein sollen. Wir waren sofort eine Familie. Das war ein großes Glück. Wenn es vom Herzen her stimmt, kann man alles schaffen. Es herrschte einfach Liebe.”

Originalbriefe für Annäherung an Ottilie von Faber-Castell

Die Atmosphäre habe sie an die Verdichtung am Theater erinnert, sagt Suckow. Auch ihre Texte habe sie entsprechend vorher alle gesammelt gelernt. Für ihre Annäherung an Ottilie, ihre Gedanken, Verhaltens- und Ausdrucksweise, bediente sie sich in erster Linie der Originalbriefe, die im Buch von Asta Scheib enthalten sind.

„Ich muss in der Vorbereitung das Gefühl haben, dass die Figur wirklich in mir ist. Dann kann ich mit ihr in jede Situation gehen”, sagt Suckow. Die Figur habe dann auch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Im Vergleich zu Ottilie sind wir sehr bequem“, sagt die Schauspielerin. „Dass ich sie gespielt habe, hat mich verändert. Ich versuche auch mutig zu sein, Entscheidungen nicht aus Angst zu treffen und Dinge mehr zu hinterfragen.“ So wie Drehbücher, in denen Rollenbilder zu klischeehaft angelegt sind, Sexismus in den Medien und die eigene Wertschätzung für eine freie Gesellschaft.

Würde es auch heißen: „Alexander von Faber-Castell. Ein mutiger Mann?“

„Ich glaube, dass die Entwicklung der Gleichberechtigung noch jung ist. Es ist noch viel Auseinandersetzung nötig. Klassische Rollenbilder sind noch sehr verwurzelt“, sagt Suckow. Und so geht ihr der Film, obwohl er „ein sehr gleichberechtigter Stoff“ sei, in letzter Konsequenz auch nicht weit genug. „Warum steht da ‚Ottilie von Faber-Castell. Eine mutige Frau‘? Würde es auch heißen ‚Alexander von Faber-Castell. Ein mutiger Mann‘?“, fragt sie sich. „Warum machen wir das? Warum kann man Frauenfiguren nicht genau so behandeln wie Männerfiguren?“

Auch das Ende lasse noch Luft nach oben. Drei Stunden nimmt sich Claudia Garde Zeit, um mehr als 20 Jahre im Leben ihrer Heldin zu erzählen. Am Schluss steht Ottlilies erneute Emanzipation: die Trennung von ihrem Ehemann und der Auszug aus dem Familienschloss.

Die dann 41-Jährige heiratete später ihre Jugendliebe Philipp von Brand, musste die Firma jedoch ihrem Ex-Ehemann überlassen und kämpfte um das Recht, ihre Kinder sehen zu dürfen. Fast sei es schade, diese Geschichte nicht auch zu erzählen, findet Kristin Suckow. Sie jedenfalls stehe für eine Fortsetzung jederzeit zur Verfügung.