Musikfest Berlin

Dirigent Daniel Harding nimmt Hector Berlioz unter die Lupe

Der britische Gastdirigent versucht sich beim Musikfest Berlin an einem analytischen Zugriff. Dabei geht viel verloren

Dirigierte die Berliner Philharmoniker: Daniel Harding.

Dirigierte die Berliner Philharmoniker: Daniel Harding.

Foto: Mattias Ahlm

„Wer hat eigentlich Berlioz‘ ‚Symphonie fantastique‘ geschrieben?“ lautet eine beliebte Scherzfrage, die auch unter den Berliner Philharmonikern kursiert. Die mitschwingende Antwort: Berlioz selbst wohl kaum, denn der hat ja sonst nur schwächere Werke geschrieben.

Nun ja – gerade diese vermeintlich schwächeren Werke stehen jetzt beim Musikfest Berlin im Rampenlicht. Weil Hector Berlioz vor 150 Jahren gestorben ist. Und weil Festival-Chef Winrich Hopp den deutschen Zuhörern gern etwas schenken möchte von der Berlioz-Begeisterung, die in Frankreich und Großbritannien herrscht. Doch das funktioniert natürlich am besten mit englischen oder französischen Ensembles. Und mit einem Berlioz-Dirigenten wie Sir John Eliot Gardiner, dem bei der Musikfest-Eröffnung tatsächlich der große Wurf gelungen war: Leidenschaftlich-magisch sein Plädoyer für Berlioz‘ umstrittenen Opern-Erstling „Benvenuto Cellini“. Es war ein Berlioz, dem man gebannt folgen musste – weil Gardiner Dinge aus der Partitur zauberte, die wohl niemand zuvor für möglich gehalten hätte.

Die Streicher klingen rau und trocken

Sehr viel nüchterner und alltäglicher wirkt dagegen nun der nächste Berlioz in der Philharmonie: die „Roméo et Juliette“-Musik op. 17 von 1839. Und das liegt weniger an den Berliner Philharmonikern, die sich an diesem Abend durchaus ins Zeug legen. Nein, es liegt vor allem am englischen Gastdirigenten Daniel Harding. Denn Harding ist ein Analytiker, dem das Verführen fern liegt. Ein Analytiker, der feste musikalische Rahmenbedingungen schafft, um sich Berlioz‘ Musik labormäßig zu nähern. Und diese Labor-Rahmenbedingungen gleichen einer erzwungenen Diät: Gertenschlank lässt Harding die Philharmoniker klingen. Rau und trocken die Streicher, hell und transparent die Bläser.

Das Problem dabei ist, dass sich die berühmteste Liebesgeschichte der Welt kaum bildlich nachvollziehen lässt. Harding erforscht zwar die Strukturen der Balkon-Szene im 3. Satz. Das Liebespaar Roméo und Julia erweckt er aber nicht zum Leben. Oder der Feen-Tanz gleich danach: Die Mechanik dieser Musik interessiert ihn sehr. Nicht so sehr allerdings die Begeisterung, die diese Musik beim Hörer auslösen könnte. Dazu kommt, dass Hardings Transparenz-Forderung den Philharmoniker nicht immer schmeichelt. Denn Ungenauigkeiten im Zusammenspiel hört man auf diese Weise wie unter einem Vergrößerungsglas. Aber auch dafür können die Philharmoniker nichts: Die Partitur ist äußerst kompliziert und eigentlich sogar utopisch in ihren Anforderungen. Und ebenso utopisch scheint an diesem Abend auch Berlioz‘ Vorhaben, Sinfonie und Oratorium zu mischen. Immerhin: Der Rundfunkchor Berlin und die drei Gesangssolisten bringen Farbe ins Spiel. Farbe, die den Philharmonikern und Harding guttun – und den Zuhörern erst recht.