Art Week

Der Gropius Bau fragt, was Mauern für die Kunst bedeuten

Von Menschen und Grenzen: Im Rahmen der Art Week hat im Gropius Bau die Ausstellung „Durch Mauern gehen“ eröffnet

Fußabdrücke an der Wand: Die brasilianische Malerin Regina Silveira hat ein Treppehaus im Gropius Bau gestaltet.

Fußabdrücke an der Wand: Die brasilianische Malerin Regina Silveira hat ein Treppehaus im Gropius Bau gestaltet.

Foto: Regina Silveira, Foto: Mathias Voelzke

Als die Mauer noch stand, musste man den Gropiusbau von Süden her betreten. Nun sieht man dort im ersten Stock des Treppenhauses eine Intervention der brasilianischen Malerin Regina Silveira, Jahrgang 1939: Schwarze, übergroße Fußabdrücke laufen dicht gedrängt in alle Richtungen und erobern so Wand und Fenster. Wollen sie die Mauer durchbrechen und nach außen kippen lassen? Oder einfach überdeutlich eine Grenze markieren? Dabei ist die Mauergrenze gleich dahinter vor 30 Jahren erfolgreich beseitigt worden. Unzählige Füße überschreiten sie heute, die letzten Reste mussten als historische Zeugnisse geschützt werden.

Die trennenden Kräfte und die Gegenmittel

Nicht „auf Mauern gehen“ sondern „durch Mauern gehen“ ist das Motto der Ausstellung, der Mauerfall vor 30 Jahren der Anlass. Aber es sei keine historische Ausstellung, betonen die beiden Kuratoren Sam Bardaouil und Till Felrath, und schon gar nicht eine Ausstellung über die Geschichte der Berliner Mauer. Denn dass mit dem Fall der Mauer das Ende der Geschichte gekommen sei, war eine Prognose, die sich nicht bewahrheitet hat, sagt der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender. Die Geschichte habe nicht aufgehört, Menschen zu spalten und zu trennen. Man denke nur an den Neoliberalismus und die Folgen für das soziale Gleichgewicht. Oder die rechtsextremen Tendenzen in Europa. Gibt es ein Mittel gegen diese trennenden Kräfte? Ja, sagen Till Felrath und Sam Bardaouil: die Empathie und das Gehen durch die Mauer – das Auf­einanderzugehen, die Begegnung, das Zuhören – mit dem Ziel, Probleme gemeinsam zu lösen.

Der Blick ist also geweitet und offen für alle Mauern und Machtstrukturen, die Spaltung und Trennung fördern und für Künstler, die ihre Erfahrungen damit verarbeitet haben. Und dennoch wird er immer wieder zurückgeworfen auf den Gropiusbau selbst. Zusammen mit seiner Umgebung ist er historisch so aufge­laden, dass jedes Kunstwerk – auch jene, die nicht eigens für die Ausstellung geschaffen wurden – sich damit ausein­andersetzen muss. Denn bevor die Mauer stand, herrschte die Barbarei des Nationalsozialismus. Nirgends ist das so deutlich zu sehen wie durch die Fenster des Gropiusbaus, wenn der Blick über die „Topographie des Terrors“ und die Reste der Mauer hin zum Muschelkalk des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums schweift.

Vor diesem Hintergrund stehen die Pappschachteln des Aktionskünstlers Gustav Metzger (1926–2017), dessen Familie in Auschwitz ermordet wurde. Sie erinnern an die Stelen des Denkmals für die ermordeten Juden Europas. Man kann zwischen ihnen hindurchgehen, und weil sie aus Pappe sind, könnte man sie leicht umwerfen oder zerstören. Metzger hat lange vor dem Streetart-Künstler Banksy Kunstwerke auf Zeit geschaffen und sie mit Säure behandelt, damit sie sich selbst zerstörten, um so den Kunstbetrieb zu unterwandern und dem Kapitalismus zu entziehen. Noch so eine unsichtbare Mauer, die immer undurchdringlicher scheint: jene zwischen Arm und Reich.

Ein früher Vertreter der Konzeptkunst, der Minimalist Fred Sandberg (1943–2003), ist mit seinen berühmten Fadenskulpturen vertreten. Wie Metzgers Werk günstig im Materialverbrauch, beeindrucken seine Skulpturen durch ihre geometrische Klarheit und poetische Leichtigkeit. Auch hier lädt das Kunstwerk zum Durchgehen ein. Der eigene Körper wird Teil der Skulptur und hebt die Grenze zum Kunstwerk auf.

Verblüffend ist, was die palästinensisch-britische Künstlerin Mona Hatoum (geboren 1953) mit der Mauer macht: Sie formt einen Globus mit Eisen und Betonklumpen, die den Resten jener Berliner Mauer ähneln, die man auf dem Weg zum Museum gesehen hat.

Ein paar Räume weiter zeigt die in Berlin und Kiew lebende und aus Marokko stammende Nadia Kabi Linke, geboren 1978, einen über den gesamten Raum fallenden Schatten eines Wachturms. Aber wo ist der Wachturm, der den Schatten wirft? Draußen an der ehemaligen Mauer sind sie doch längst abgebaut. Eine optische Täuschung? Über einen bloßen Schatten kann man zumindest ohne Angst springen, man muss das sogar manchmal, um auf Menschen zugehen zu können, die einem fremd oder unheimlich sind.

Giacomettis Werk trifft auf Asylbewerber

Bezaubernd auch das Schattenspiel- ­Video des 1969 in Venezuela geborenen Javier Téllez, der einen abgetrennten, vom Krieg gezeichneten Bronzearm von Alberto Giacometti auf Asylbewerber treffen lässt. Der Arm öffnet einen Käfig um ihren Kopf. Befreit erzählen sie ihre Fluchtgeschichten und lassen Vögel über Berge fliegen, die sich im Spinnennetz verfangen. Der Pass wird bei der Kon­trolle zum Negativ eines Schattenrisses.

Nicht immer ist das Spiel mit der Mauer so subtil. Ein großflächiges, auf einem Foto beruhendes Gemälde des dänischen Künstlers Michael Kvium etwa zeigt einen Strand mit Urlaubs­idylle, auf den ein Flüchtlingsboot zusteuert. Und Dara Friedmann drischt in ihrem Video mit einer Peitsche auf eine Wand ein, bis deren Oberfläche aufspringt, während die Performancekünstler Martina Abramović und Ulay sich in einer Endlosschleife gegenseitig auf die Wange schlagen.

Der Anspruch, mit Kunst die Welt zu verbessern, ist hoch. Und dass die echten Mauern nicht aus Stein sind, sondern im Kopf, ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Aber gerade deshalb justiert die Ausstellung den eigenen Blick auf Mauern und Strukturen, die diese fördern.

Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg. Mi.–Mo. 10–19 Uhr, Di. geschlossen. Eintritt 15 Euro, erm. 10 Euro. Bis 19. Januar 2020.