Deutsches Theater

Michel Houellebecqs „Kampfzone“ als irritierende Witzparade

Regisseur Ivan Panteleev hat sich das Debüt des französischen Romanciers vorgenommen. Bemerkenswerte Funken schlägt er leider nicht daraus

Sind so große Hände: Samuel Finzi in der Rolle des Tisserand.

Sind so große Hände: Samuel Finzi in der Rolle des Tisserand.

Foto: ARNO DECLAIR

Es gibt gute Gründe, Michel Houellebecq und seine Bücher nicht zu mögen. Da wären zum Beispiel sein merkwürdiges Frauenbild, die Anhäufung von sexistischen Vulgaritäten und der misanthropisch-deprimierende Dauerton. Es gibt auch ein paar ganz gute Gründe, ihn zu mögen. Für die Klarheit seiner Sprache, seine scharfe Polemik und die bissigen Gesellschaftsanalysen, die er entwirft. Der Mann polarisiert seit seinem allerersten Roman. „Ausweitung der Kampfzone“ hieß sein Debüt, das 1994 zunächst in Frankreich und 1999 dann in deutscher Übersetzung erschien. Eine Theaterfassung davon ist jetzt unter der Regie von Ivan Panteleev in den Kammerspielen des Deutschen Theaters zu sehen. Man hätte sich veritabel reiben können an diesem skandalumwitterten Autor. Leser und Kritiker tun das regelmäßig bei jedem seiner Interviews, Auftritte und Bücher. Dieser Inszenierung aber gelingt es erstaunlicherweise nicht, daraus echte Funken zu schlagen. Weil jeder denkbare Ansatzpunkt hier luftdicht mit Ironie verkleistert wird.

Ein Pappkopf des Schriftstellers

Auf inhaltlicher Ebene folgt der Abend im Wesentlichen Houellebecqs Grunderzählung, also der Geschichte des erotisch frustrierten und emotional schwer versehrten, namenlosen Ich-Erzählers (überwiegend verkörpert von Marcel Kohler), einem 30-jährigen IT-Spezialisten. Der gehört nicht gerade zum finanziellen, aber eindeutig zum sexuellen Prekariat. Der sexuelle Marktwert nämlich ist bei Houellebecq die erweiterte Kampfzone des Wirtschaftsliberalismus. Wir erleben den Erzähler zunächst in seiner durchökonomisierten Arbeitswelt und schließlich auf Dienstreise mit seinem Kollegen Tisserand (Samuel Finzi), der nicht nur ebenfalls sexuell extrem unterversorgt, sondern zudem noch bemerkenswert hässlich ist. So weit, so deprimierend.

Auf der Bühne zu sehen ist währenddessen eine quietschbunte, irritierend trashige Sause. Man kocht, man kichert hysterisch, man duscht, man turnt auf Gerüsten herum, und nebenbei wechselt das fünfköpfige Ensemble auch noch rasend schnell die Kostüme. Von der Decke baumelt eine gigantische weibliche Gummipuppe, es kommt ein überdimensionierter Houellebecq-Pappkopf zum Einsatz und ein paar große Plastikfrösche in Signalfarben werden in diversen Sexposen arrangiert. Das mag grundsätzlich als distanzierende Ironie durchgehen. Aber hier ist sie deutlich zu überdreht und zu nummernhaft. Die Schärfe und Eisigkeit der Vorlage wird oberflächlich weggejuxt, wenn den emotional Erkalteten ein auf die Bühne gestellter Eisschrank als Durchgangstür dient.

Viele Ansätze verlieren sich

Ein paar wenige, den Autor entlarvende Momente gibt es über einmontierte Fremdtexte wie etwa ein nachgestelltes Interview mit Houellebecq, der Ansatz verliert sich aber schnell wieder zwischen allgemeiner Bühnenbetriebsamkeit und allerlei philosophischen Schlenkern, so dass über weite Strecken des gut zweistündigen Abends gilt: Regisseur Panteleev nimmt in seiner Inszenierung den Autor Houellebecq leider weder wirklich ernst noch ernsthaft hoch.

Deutsches Theater (Kammerspiele), Schumannstr. 13a, Kartentel.: 28 441 225. Nächste Termine: 13.09., 26.09., 2.10., jeweils 20 Uhr.