Deutsche Oper

Buhs und Brüllduelle: Eklat bei Castorfs Verdi-Inszenierung

Frank Castorf inszeniert an der Deutschen Oper Giuseppe Verdis „Die Macht des Schicksals“. Am Ende gibt es einen veritablen Skandal.

Frank Castorf inszeniert an der Deutschen Oper Giuseppe Verdis „Die Macht des Schicksals“. Er verlegt die Handlung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Frank Castorf inszeniert an der Deutschen Oper Giuseppe Verdis „Die Macht des Schicksals“. Er verlegt die Handlung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Foto: Thomas Aurin

Berlin. Was für ein Tumult! Als die Sänger Marko Mimica und Amber Fasquelle sich gegen Ende von Frank Castorfs Verdi-Inszenierung „La forza del destino“ (Die Macht des Schicksals) statt zu singen durch Massen an englischem Text quälen, bricht ein Buh-Sturm los. „Musik!“, ruft einer. „Wir wollen unseren Verdi wiederhaben!“, ein anderer. Darauf offenbar ein Castorf-Fan: „Wir wollen unsern Kaiser Wilhelm wiederhaben!“

Besonders gemein: „Lernt doch singen!“ Denn die Sänger auf der Bühne können nichts dafür, dass der langjährige Volksbühnenintendant es für wichtig befand, zwischen die letzten beiden Bilder der Oper eine Passage aus Curzio Malapartes Roman „Die Haut“ sprechen zu lassen – auf Englisch. Man kann schon nachvollziehen, was Castorf sich dabei gedacht hat. In Verdis Oper geht es um alteuropäische Ehrpusseligkeit, eine rassistische Verblendung, die dem privaten Glück zweier junger Menschen im Weg steht. Bei Malaparte geht es um das alte, sterbende Europa und das neue, lebendige Amerika.

Frank Castorfs Verdi-Inszenierung an der Deutschen Oper - Publikum: „Wir hätten es gerne wie früher“

Ein Verweis, der im Programmheft gut aufgehoben ist. Aber auf der Bühne? Da jedenfalls hören die Sänger zu sprechen auf, während im Publikum weiter Buhs und Bravos erklingen, etliche Minuten lang, und sich die Vorwitzigen im Publikum Brüllduette liefern: „Respekt vor den Künstlern!“ – „Respekt vorm Publikum!“ – „Respekt vor den Sängern!“ Aber auch: „Wir hätten es gerne wie früher!“

Es ist schon die zweite erzwungene Pause. Das erste Mal bricht die Entrüstung los, als Tänzer Ronni Maciel mit einer Spanienflagge wenige Worte aus Heiner Müllers „Der Auftrag“ gesprochen hatte. Aber irgendwann sehen selbst die Störer ein, dass es so nicht weitergehen kann, rufen mehrere „Weitermachen“.

Einige verlassen den Saal, andere warten aufs Finale. Denn da kommt der Regisseur mit seinem Team auf die Bühne. Wieder Buhs, wieder Bravos. Castorf wirft mit Kusshänden, hält sich die Hand ans Ohr: Was, mehr geht nicht? Kein Wunder, dass bei solcher Chuzpe der Protest schnell in sich zusammenfällt. Dabei hat Castorf diesen Skandal gar nicht verdient. Denn gegen seine Inszenierung lässt sich viel einwenden – nur nicht, dass sie besonders skandalös wäre.

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