Filmfestival

Jüdisches Filmfestival: 101 Gesichter gegen das Klischee

Das Jüdische Filmfestival wird 25. Zum Jubiläum wünscht sich Festivalleiterin Nicola Galliner vor allem eines: Planungssicherheit.

Wird das Festival eröffnen: Dror Zahavis Musikfilm „Crescendo #Makemusicnotwar“ mit Peter Simonischek.

Wird das Festival eröffnen: Dror Zahavis Musikfilm „Crescendo #Makemusicnotwar“ mit Peter Simonischek.

Foto: JFBB

Ihr Kopf ist von bunten Blüten bedeckt, die violett geschminkten Augen sind weit aufgerissen, der schwarz gemalte Mund steht offen. Auf den zur Zeit überall aushängenden Plakaten des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg sieht Shani Leidermann so aus, als könnte sie selbst kaum glauben, wofür sie da Werbung macht.

Die Betreiberin des jüdischen Restaurants im Gropius Bau ist Patin und Gesicht der 25. Ausgabe der kurz JFBB genannte Filmschau. „Celebration!“ lautet passender Weise das aktuelle Festivalmotto und dieses Vierteljahrhundert ist ohne Zweifel ein Grund zum Feiern.

Das Festival ist Jahr für Jahr chronisch unterfinanziert

„Angefangen hat es mit acht Filmen, damals im alten Kino Arsenal, zusammen mit den Betreibern Ulrich und Erika Gregor,“ blickt Nicola Galliner zurück. „Der Andrang war so riesig, da haben die Gregors gesagt: Kommen sie in eineinhalb Stunden wieder. Dann zeigen wir den Film nochmal.“

Die resolute Festivalgründerin leitet bis heute das chronisch unterfinanzierte JFBB und hat das Jubiläumsprogramm aus 50 Filmen zusammengestellt, die vom 8. bis 17. September an neun Berliner und fünf Brandenburger Spielorten gezeigt werden.

Die Palette reicht vom Kurzfilm „Donkeys“, einer surrealen Steven-Spieleberg-Hommage des israelischen Regisseurs David Vollach, über den Dokumentarfilm „M“ der Französin Yolande Zauberman, der sexuellem Missbrauch in einer orthodoxen Gemeinde auf den Grund geht, bis hin zu dem in Äthiopien im Jahr 1989 angesiedelten poetischen Drama „Fig Tree“. Aäläm-Wärque Davidian erzählt darin von der jungen Jüdin Mina, die mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg nach Israel fliehen soll. Die 16-Jähirge versucht, ihren Freund Eli, den sie ungestört nur unter einem Feigenbaum außerhalb von Addis Abeba treffen kann, ebenfalls zur Flucht zu bewegen.

Ärger über eine „Spiegel“-Story

Aus aktuellem Anlass besonders am Herzen liegt Galliner der Kurzfilm „100 Faces“, zu dem der Filmemacher Benjamin Till 100 Interviews mit britischen Jüdinnen und Juden montierte, von Rabbinern bis zu Atheisten. „Wir haben uns alle so über das Titelbild in der aktuellen Ausgabe von ,Spiegel-Geschichte’ geärgert,“ erklärt Galliner, „dieser Film ist die Antwort darauf.“ Ihr Ärger ist auch Anfang September, einen Monat nach dem Erscheinen des Heftes, noch nicht verflogen.

Besagtes Titelbild zeigte eine historische Aufnahme zweier alter Männer mit schwarzen Hüten und langen, ergrauten Bärten im Scheunenviertel. „Jüdisches Leben in Deutschland. Die unbekannte Welt nebenan“, lautete die Titelzeile. Dass hier einmal mehr Klischees bedient würden, stößt auch Wochen nach Erscheinen des Heftes auf Kritik.

„Ich hatte heute ein Treffen mit einer israelischen Filmproduzentin,“ erzählt Nicola Galliner. „Die hat sich ebenso aufgeregt. Ihre Familie kam aus Deutschland, die sahen alle nicht so aus. Und sie konnte nicht verstehen, dass ihre deutsche Freunde zum Teil gar nicht verstehen, wo das Problem ist.“

Politik und Vergangenheit sind immer anwesend

Zu Eröffnung ist das Festival im Potsdamer Hans Otto Theater zu Gast. Gezeigt wird „Crescendo #Makemusicnotwar“, über ein Orchesterprojekt, das junge palästinensische und israelische Musiker zusammenbringt. Dem pathetischen Titel zum Trotz gelingt dem Berliner Regisseur Dror Zahavi ein unsentimentaler Blick hinter die Kulissen politisch motivierter Kulturvermittlung und macht bewusst, dass auch ein Vivaldi-Konzert kein Wunder bewirkender Selbstläufer sein kann. Schon vor der ersten Probe wird hier die Ansprache einer Initiatorin von einem Kontrabassisten unterbrochen: „Reden Sie nicht über Politik. Hier geht es um Musik.“

Möchte auch die Leiterin eines Jüdischen Filmfestivals manchmal die Politik beiseite schieben, nach dem Motto „Hier geht es nur um die Filmkunst“? Nicola Galliner verneint: „Die Politik ist immer anwesend. Die Vergangenheit ist immer anwesend. Aber bei uns ist das nicht das Hauptthema.“

Die Finanzierung bleibt schwierig

Die in London geborene Tochter jüdischer, aus Deutschland nach England geflohenen Eltern wohnt seit 1969 in Berlin. „Ich mache kein Werbefestival für Israel,“ betont sie, empfiehlt aber, sich das Land genau anzusehen und bestenfalls selbst zu besuchen. „Wer das nicht kann, dem zeigen wir ganz unterschiedliche, teilweise sich auch widersprechende Ansichten und Filme.“

Gerne hätte sie den kontrovers diskutierten Berlinale-Gewinner, Nadav Lapids „Synonymes“ gezeigt. Doch der läuft bereits in den deutschen Kinos, weshalb er für Galliner nicht mehr in Frage kam. Stattdessen begeistert sie sich für „In Between“. Den Film der palästinensische Regisseurin Maysaloun Hamoud über das turbulente Leben einer Frauen-WG in Tel Aviv hatte Galliner vor drei Jahren auf einem Festival entdeckt und seitdem hartnäckig immer wieder angefragt.

Entgegen der Logik der üblichen Filmauswertung ist die drei Jahre alte Produktion nun ein Höhepunkt des Programms. Doch nicht nur das Kuratieren der Filme, auch die Finanzierung des Festivals ist jedes Jahr eine neue Herausforderung. Bisher steht Galliner von öffentlicher Hand nur eine Projektförderung zur Verfügung, die jedes Jahr neu beantragt werden muss. Zum Jubiläum wünscht sie sich eine Dauerförderung, für die nächste 25 Jahre. „Ich kann nicht verstehen, warum das nicht realistisch sein sollte,“ meint Galliner. Und lacht ihr markantes, hoffnungsvolles Lachen.

25. Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg. 8.-17. September. Programm und Spielorte
unter www.jfbb.de.