Musikfest Berlin

Das Musikfest wirft Fragen nach dem Gendersternchen auf

Das Programmheft hat sich verändert – und Dirigent Sakari Oramo führt in der Philharmonie souverän durch Mussorgskys Hexenbesen-Ritt

Sakari Markus Oramo dirigierte das Londoner BBC Orchestra.

Sakari Markus Oramo dirigierte das Londoner BBC Orchestra.

Foto: © Adam Janisch

Ein Gespenst geht um beim diesjährigen Musikfest Berlin – das Gespenst des Gender-Sternchens. In alle Programmhefte hat es sich eingeschlichen, in allen Texten lädt es zum Stolpern ein: über „Interpret*innen“ und „Komponist*innen“, über „Musiker*innen“ und „Dirigent*innen“. Und dann tauchen da plötzlich auch noch diese Fragen auf. Fragen wie diese: Hat der Dirigent John Eliot Gardiner im Berlioz-Interview tatsächlich das Wort „Solist*innen“ benutzt? Oder am heutigen Abend, bei Mussorgskys „Nacht auf dem kahlen Berge“ zu Beginn: Wollte Martin Wilkening in seinem sonst sehr gelungenen Einführungs-Essay wirklich den Begriff „Orgienteilnehmer*innen“ verwenden?

Die Antwort erübrigt sich, denn das Londoner BBC Symphony Orchestra unter Chefdirigent Sakari Oramo ist bereits mitten drin im Mussorgsky. Mitten im reißerischen Hexenbesen-Ritt zum Mitpfeifen – allerdings in der stark geglätteten Bearbeitung von Rimsky-Korsakov. Und schon stellen sich die nächsten, viel sinnvolleren Fragen: Warum spielt das BBC Symphony Orchestra in der Philharmonie nicht die unbequemere, viel seltener zu hörende Urfassung? Wäre das nicht eher im Sinne des Musikfest-Leiters Winrich Hopp gewesen? Anderseits bietet gerade Rimsky-Korsakovs Fassung einen guten Anknüpfungspunkt an das Berlioz-Jubiläum in diesem Jahr. Denn sowohl Berlioz als auch Rimsky-Korsakov haben wichtige Instrumentationslehren verfasst. Beide gelten noch heute als Meister der magischen Orchesterfarben.

Auf die E-Gitarre hätte man gut verzichten können

Umso interessanter nun, dass danach ausgerechnet der zeitgenössische Komponist Louis Andriessen auf dem Plan steht – eine Art Anti-Berlioz und Anti-Rimsky-Korsakov. Jahrzehntelang hat Andriessen einen großen Bogen ums Orchester gemacht. Und auch seinem neuesten Werk „The only one“ für Gesangsstimme und großes Ensemble hört man durchaus an, dass die orchestralen Klangfarben gar nicht sein Metier sind. Andriessen ist nämlich ein Komponist, der vor allem in Strukturen denkt. Welche Instrumente diese Strukturen dann zum Klingen bringen, das scheint ihm ziemlich egal zu sein. Auf die Streicher hätte Andriessen beispielsweise gut verzichten können, ebenso auf E-Gitarre, E-Bass und die beiden Saxophone. Unverzichtbar dagegen die verführerisch-faszinierende Sängerin Nora Fischer, als Gegenpol zur schwerfälligen Instrumentalbegleitung. Das Resultat: eine aparte Mischung aus Musical, Pop und minimalistischen Kriechklängen.

Virtuose Geläufigkeit dagegen bietet Olga Neuwirths Trompetenkonzert von 2006. Kühl und brillant hier der Solist Håkan Hardenberger, nüchtern sachlich das BBC Symphony Orchestra. Konsequent schlägt Sakari Oramo den Takt durch. Erst in Jean Sibelius‘ Sinfonie Nr. 5 erlaubt er sich mehr gestalterische Freiheiten, lässt die Zügel etwas lockerer. Und trotzdem: Das Gefühl von Bodenständigkeit bleibt. Es ist ein Sibelius, der vor allem nach gediegenem Handwerk klingt – und nur selten nach Leidenschaft und Risiko.