Ausstellung

Das Bauhaus ohne Mythos

„original bauhaus“ in der Berlinischen Galerie stellt die Gestaltungsschule in den Vordergrund und regt zur Interaktion an.

Eine Besucherin steht vor dem Gemälde „Bauhaustreppe“ (links), das Carl (Casca) Schlemmer 1958 als Kopie des berühmten, gleichnamigen Gemäldes seines Bruders Oskar Schlemmer aus dem Jahr 1932 anfertigte. Rechts eine nachfotografierte Version der Berliner Künstlerin Delia Keller (2000).

Eine Besucherin steht vor dem Gemälde „Bauhaustreppe“ (links), das Carl (Casca) Schlemmer 1958 als Kopie des berühmten, gleichnamigen Gemäldes seines Bruders Oskar Schlemmer aus dem Jahr 1932 anfertigte. Rechts eine nachfotografierte Version der Berliner Künstlerin Delia Keller (2000).

Foto: DAVIDS/Frank Lehmann

Eintausend Exponate auf 1200 Quadratmetern der Berlinischen Galerie, Bestände des Bauhaus-Archivs und weltweite Leihgaben. Und dennoch hat man nicht den Eindruck, von der Fülle erschlagen zu werden. Denn die Kuratorin der Jubiläumsausstellung „original bauhaus“, Nina Wiedemeyer, geht von einer simplen Frage aus: Was genau war denn nun das Bauhaus – das wirkliche, das originale?

Eine Frage, bei der man sich schnell verzetteln könnte, auch weil sie in der Vergangenheit oft anders gestellt wurde: Wer war das Bauhaus? Der Gründer Walter Gropius hatte da eine klare Antwort. Sein Sendungsbewusstsein bezeugen die 1200 Glasdias, die er hinterlassen hat.

Erstmals werden sie in ihrer Fülle gezeigt. Außerdem hat er Vorträge gehalten, Bücher geschrieben und die Gründung des Archivs angeregt. Sein Nachfolger Hannes Meyer ging mit mobilen Wanderausstellungen auf Tour, nicht minder getragen von dem Bewusstsein, der Welt eine neue Art des Bauens und des Lebens geschenkt zu haben. Aber war das auch „original bauhaus“ oder nur die Deutung der beiden Direktoren?

Aus Blechen getrieben: Teeextraktkännchen aus der Bauhauswerkstatt

Fotos und Dias sind Mittel der Reproduktion. Der Bauhauslehrer László Moholy-Nagy hat zusammen mit seiner Frau Lucia damit experimentiert. Die Ausstellung zeigt ihre Fotogramme, bei denen Gegenstände direkt belichtet werden. Lucia Moholy-Nagy war zudem sehr erfolgreich mit Postkarten, die Bauhaus-Motive zeigen und die unzählige Male reproduziert wurden, auch lange nach der Schließung des Bauhauses.

Die Suche nach dem „original Bauhaus“ geht im folgenden Ausstellungsraum unter dem Titel „Einheit in der Vielheit“ weiter. Erstmals sind sieben der acht bekannten Teeextraktkännchen von Marianne Brandt in einer Vitrine versammelt. Glänzend glatt, perfekt - original?

Doch wohl eher die handwerklich anmutenden Wasserkessel von Peter Behrens an der Wand gegenüber. Der Eindruck täuscht, die Wasserkessel sind industriell gefertigt, während Marianne Brandts Kännchen Manufakte aus der Bauhauswerkstatt sind. Mit einem Hammer aus Blechen getrieben.

Kopie von Oscar Schlemmers „Bauhaustreppe“

Davon kann man sich überzeugen, die verschiedenen Stufen der Arbeit vom Blech bis zum Gefäß sind ausgestellt, man darf sie sogar anfassen und erfühlen. Dennoch, auch wenn es nie in Produktion ging, war das Teekännchen wohl für die industrielle Massenfertigung bestimmt, bei der die Frage nach dem Original nachrangig ist.

Wer jetzt denkt, dass wenigstens Oskar Schlemmers berühmtes Bild „Bauhaustreppe“ im Original zu sehen ist, wird enttäuscht. Es ist eine originalgetreue Kopie seines Bruders Carl (Casca) Schlemmer von 1958.

Das Original hängt im „Museum of Modern Art“ in New York. Carl Schlemmers Kopie ist eingerahmt vom Original-Karton seines Bruders Oskar, also der Vorzeichnung, die dazu diente, die Umrisse auf die Leinwand zu übertragen und die wohl auch Carl verwendet hat, um das Bild zu kopieren.

Und von Hommagen späterer Künstler wie Brian O’Lear oder Delia Keller, die sich von Schlemmers Bauhaustreppe inspirieren ließen.

Spätestens jetzt wird klar, dass „original bauhaus“ etwas anderes meint: Nicht das originale Kunstwerk, sondern das ideelle, immaterielle Erbe. Denn das Bauhaus war primär eine Schule, die 14 Jahre lang Studenten und Studentinnen unterrichtet hat, die letzten knapp acht Monate davon in Berlin.

Der Rest sind 100 Jahre Rezeption. Deshalb steht die Schule auch im Mittelpunkt der Ausstellung und ganz besonders der berühmte „Vorkurs“, den alle Studierenden ein oder zwei Jahre lang zu durchlaufen hatten. Und deshalb ist das Konzept der Ausstellung ein durch und durch museumspädagogisches.

Mitarbeiter haben Projekte für Schüler erarbeitet, aber auch Erwachsene werden Spaß daran haben, den Vorkurs nachzuspielen. Eine interaktive Medienstation macht es möglich. Live-Sprecher werden während der gesamten Ausstellungszeit Auskunft geben.

Fotogramme können nachgestellt werden oder virtuelle Collagen. Außerdem gibt es inklusive Angebote für Blinde und sogar Führungen in Gebärdensprache. Eine Ausstellung zum Sehen, zum Fühlen und Begreifen. Ohne Pathos und Mythos. Dafür kann man ein Selfie mit Maske auf Marcel Breuers „Wassily-Chair“ machen.

Die Zusammenarbeit von Berlinischer Galerie und Bauhaus-Archiv hat das alles möglich gemacht – ursprünglich aus der Not geboren, das Bauhaus-Archiv ist derzeit wegen Erweiterung geschlossen und werde voraussichtlich erst Ende 2022 wiedereröffnet, erklärte die Direktorin des Bauhaus-Archivs, Annemarie Jaeggi.