Hauptrolle Berlin

Die Liebe in den Zeiten der Gentrifizierung

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Kann das echte Liebe sein? Sabine Bach (Anna Bach) weint im Kino, Martin (Hanns Zischler) schläft.

Kann das echte Liebe sein? Sabine Bach (Anna Bach) weint im Kino, Martin (Hanns Zischler) schläft.

Foto: Moana Film

Baupolitik damals und heute: Im Zoo Palast wird noch einmal „Berlin Chamissoplatz“ gezeigt. Und Rudolf Thome erinnert sich an den Dreh.

Das klingt sehr vertraut. Wenn eine Wohnung im Haus frei wird, wird sie nicht neu vermietet. Immer mehr Parteien stehen leer. Man ahnt: Da soll wieder ein Haus luxussaniert werden. Und wird dann für einfache Mieter unbezahlbar.

Wir beschreiben hier indes keine aktuelle Szene, sondern eine aus dem Film „Berlin Chamissoplatz“ aus dem Jahr 1980. Damals war Wohnungsmangel, anders als heute, in Berlin wahrlich kein Thema. Im Gegenteil: Man rechnete mit einem Rückgang der Stadtbevölkerung um eine viertel Million – und mit 200.000 leerstehenden Wohnungen.

Ein echtes Zeitdokument – und wieder hochaktuell

Dennoch wurden Altbauten entmietet, Hinterhäuser mit einfachen Wohnungen, für die man kaum Miete verlangen konnte, abgerissen und Vorderhäuser luxussaniert. Eine Art, den Marktpreis zu erhöhen und Wenigverdiener zu verdrängen. Weshalb sich schon kurz nach Dreh des Films die Hausbesetzerszene in Berlin radikalisieren sollte.

„Berlin Chamissoplatz“ ist damit ein echtes Zeitdokument. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat veranstaltet, wird dieser Film nun am 1. Oktober noch mal gezeigt. In der Rückschau wirkt er an vielen Stellen hochaktuell. Auch wenn das Wort Gentrifizierung damals noch gänzlich unbekannt war.

Zwei Generationen, zwei Welten prallen aufeinander

Die Herausforderung, die Provokation des Films war dabei, dass Regisseur Rudolf Thome eigentlich eine Liebesgeschichte erzählen wollte. Zwar eine „in einer ganz präzisen Umgebung, in einer ganz präzisen Situation“, wie er es selbst definiert, „wo aber letzten Endes nichts anderes wichtig ist als die Liebesgeschichte“. Die präzise Situation fand er buchstäblich vor seiner eigenen Haustür: am Chamissoplatz, der schon damals der letzte vollständig erhaltene Berlin-Kiez mit Altbaubestand war.

Zwei Welten treffen dort aufeinander: Hier Anna Bach (Sabine Bach in ihrem ersten Film), eine Soziologiestudentin Anfang 20, die in einer der billigen Wohnungen am Chamissoplatz wohnt und in einer Bürgerinitiative für eine mieterfreundliche Sanierung kämpft. Da der arrivierte Architekt Martin Berger (Hanns Zischler), Anfang 40, der vom Senat für das Sanierungsprogramm eben dieses Wohnviertels betraut wurde.

Die Jung-Linke und der Alt-Linke

Sie begegnen sich auf einem Stadtfest, wo die Bewohner mit Senatssprechern über die Sanierung diskutieren sollen. Mit einer monströsen Videokamera interviewt die Studentin den Architekten. Um informelle Informationen über mögliche Abrisse zu erhalten, besucht sie ihn später in seinem repräsentativen Architekturbüro. Aber da ist auch schon mehr. Die beiden kommen sich immer näher. Das Mädchen, das doch eigentlich mit einem Mitstreiter befreundet ist und doch nicht mehr so recht. Und der Mann, der zum zweiten Mal verheiratet ist und doch nicht mehr so ganz. Die Jung-Linke und der Alt-Linke, der als 68er-Student auch rebellierte, sich inzwischen aber schön eingerichtet hat in seinem Wohlstand.

Zwei Generationen. Zwei Welten. Sie gehen gemeinsam ins Kino, auch wenn sie beim Film weint und er dabei schläft. Sie fahren an den Wannsee, auch wenn sie gleich ins Wasser springt und er vorsichtig hinterher watet. Aber dafür singt der Architekt Lieder für sie. Oder klettert nachts aufs Dach und sprüht ihr eine Liebeserklärung auf die Brandmauer vor ihrer Wohnung. Eine unmögliche Beziehung.

Gefühle als Sanierungsfall

Und statt dass ihre Lebensentwürfe und diametral entgegengesetzten Positionen aufeinanderprallen und zu Konflikten führen, werden die immer unbedeutender. Vernachlässigen beide die Projekte, die sie verfolgen. Bis die Beziehung von Sabines Mitstreitern schamlos ausgenutzt wird. Die Liebe in den Zeiten der Gentrifizierung. Gefühle als Sanierungsfall.

Rudolf Thome hat gleich mit seinem Spielfilmdebüt „Detektive“ 1968 über die ‘68er-Jugend reüssiert, sein zweiter Film „Rote Sonne“ beschrieb das Lebensgefühl und den Aufruhr der 68er-Bewegung. Aber als der Neue Deutsche Film erste internationale Erfolge feierte, hatte er sich kurzzeitig zurückgezogen und als Kreditsachbearbeiter in einer Bausparkasse gearbeitet.

1973 zog er dann nach Berlin und drehte wieder, fernab von der damaligen Filmhauptstadt München. „Berlin Chamissoplatz“ wurde 1980 auf den Hofer Filmtagen uraufgeführt – und ausgebuht. Auch die meisten Kritiken waren nicht eben wohlwollend. Wohl weil die Zuschauer darauf warteten, dass die gegenläufigen Interessen sich einmal entzünden müssen. Die Romantik, der sanfte Ton und die feine Ironie haben eher irritiert.

Romantik statt Krawall, Liebe statt Hiebe

„Sind denn die Leute blind?“, schrieb dagegen Hans Christian Blumenberg, ein Filmkritiker, der bald selbst Filmemacher werden sollte: „,Berlin Chamissoplatz‘ ist ein Liebesfilm. Man zögert schon, diesen Begriff zu benutzen, denn ‚Liebesfilme‘ darf es eigentlich nicht geben.“ Blumenberg wagte den radikalen Satz, „Berlin Chamissoplatz“ sei das erste Meisterwerk des deutschen Films der achtziger Jahre“: „Thome wagt das Unmögliche, eine Geschichte zu erzählen, die ohne eine falsche Spur von falscher Süßlichkeit sich einlässt auf das ungewöhnlichste (und das größte) aller Abenteuer.“

Thome erlaubte sich, was sich heute auch kein Filmemacher mehr trauen würde, ein offenes Ende. Die Fragen bleiben offen. Sie weisen aber bis ins Heute hinein, in dem die Baupolitik so ganz andere Probleme hat. Und die Mieter doch ganz gleiche Ängste.

Zoo Palast, 1. Oktober, 20 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs Rudolf Thome. Ein Wertgutschein über 2 Euro finden Sie in der Sonntagsausgabe der Morgenpost. Er wird beim Kauf einer Eintrittskarte verrechnet.