„Tumult“-Tour 2019

Herbert Grönemeyer sorgt für Gänsehaut in der Waldbühne

Beim Berlin-Konzert in der Waldbühne wird Herbert Grönemeyer politisch. Er wünscht sich Verbundenheit.

Sänger Herbert Grönemeyer steht auf der Bühne.

Sänger Herbert Grönemeyer steht auf der Bühne.

Foto: Martin Schutt / dpa

Berlin. Schwarzer Look, weiße Sneaker, ganz Understatement. So kennt man Herbert Grönemeyer auf der Bühne. Glitzer braucht er nicht, bringt er doch in lässiger Klamotte schon genügend Charisma mit, um 22000 Zuschauer zu verzücken. Das beschert ihm nach wenigen Minuten einen Teddybären.

Dabei lag ihm die Waldbühne schon vorher zu Füßen. Nicht nur wegen des druckvollen Auftakthits „Sekundenglück“. Grönemeyer ist bekanntlich Wahlberliner. Da ist das Wir-Gefühl besonders groß. Verstärkt noch durch den Ausruf: „Ich wohne hier, ich wohne gerne hier seit über dreißig Jahren.“

Herbert Grönemeyer gibt auf "Tumult"-Tour gleich zwei Konzerte in Berlin

Gleich zwei ausverkaufte Konzerte gibt Grönemeyer in Berlins schönster Freiluft-Arena auf seiner Tour 2019. Die heißt „Tumult“. Benannt nach seinem aktuellem Longplayer. Dem mittlerweile 15. Studioalbum. Das ist in weiten Teilen explizit politisch.

Grönemeyer ist schließlich durch und durch ein politischer Mensch und Künstler. Nicht zufällig veröffentlichte er „Tumult“ am 9. November 2018. Darauf finden sich Lieder, die sich gegen den Rechtsruck wenden. „Keinen Millimeter nach rechts“, lautet sein Motto. Und er fordert eindringlich: „Wir müssen uns positionieren, gegen Populismus und Rassismus.“

Lesen Sie auch: „Wir bleiben mehr“: Stars wie Grönemeyer singen gegen Rechts

Grönemeyer ist ein ungeheur vielseitiger Musiker

Später singt er dann gemeinsam mit dem Berliner Rapper BKRN seinen deutsch-türkischen Song „Doppelherz / Iki Gönlüm“. Orientalische Dancebeats mit coolen Vibes und Symbol-Charakter.

Der Musiker wünscht sich zudem Verbundenheit m Land. Erinnert nachdrücklich mit „Neuland“ an das Zusammenwachsen von Ost und West. Von Anfang zeigt Grönemeyer mit seinen Songs, dass er ein ungeheuer vielseitiger Musiker ist. Balladesk, tanzbar, rockig. Sein unverkennbares Markenzeichen: Der leicht abgehackte Gesang mit den charakteristischen „Ah“- und „Oh“-Rufen, den „Ja“-Kieksern. Dazu weit ausholende Gesten und immer wieder hochgerissene Arme.

Herbert Grönemeyer singt live „Currywurst“

63 Jahre alt ist Grönemeyer mittlerweile. Man merkt es ihm nicht an, so energetisch hüpft, rennt und tanzt er, obwohl er bekanntlich nicht tanzen kann. Er konzertiert leidenschaftlich und hingebungsvoll. Nichts wirkt routiniert an diesem Auftritt. Neben neuen Songs, singt er vor allem viele alte Hits, bei denen der Applaus- und Jubelpegel frenetisch hoch ist.

"Bochum", "Männer" - Grönemeyer versteht sich auf große Gefühle

Hymnen hat er geschrieben. „Bochum“ ist seine populärste. Aus einer Zeit als im Pott noch Steiger in den Schacht führen und der Pulsschlag aus Stahl unüberhörbar war. Begleitet von seiner fabelhaften Band, wird der Song gemeinsam mit dem textsicheren Publikum zelebriert. „Oh, Glückauf“ schallt es gleich tausendfach. Da die Zuschauer zu knapp neunzig Prozent kommen „weil ich so gut aussehe“, wie Grönemeyer augenzwinkernd verrät, gibt es danach umgehend mit „Männer“ den lustigsten Testosteronbolzen-Song aller Zeiten.

Lesen Sie auch: Herbert Grönemeyer in der Waldbühne - Was Fans wissen müssen

Aber Grönemeyer versteht sich auch auf große Gefühle. Seine Balladen vereinen metaphorische und melodiöse Wucht. Wie er mit „Mein Lebensstrahlen“ beweist. Den Song hat er seiner zweiten Frau Josefine Cox gewidmet hat, wie er im letzten Jahr in einem Interview mit einem österreichischen Radiosender verriet. Live in stimmungsvolle Farben und Bilder auf den drei Leinwänden getaucht.

Herbert Grönemeyer wollte eigentlich Fußballprofi werden

Mit über 17 Millionen verkauften Tonträgern ist Herbert Grönemeyer der kommerziell erfolgreichste Musiker Deutschlands. Dabei wollte er als Jugendlicher nie Popstar, auch nicht Schauspieler, sondern Fußballprofi werden. 1956 in Göttingen geboren, ist er in Bochum aufgewachsen. Mit fünf bekam er eine Ukulele, mit acht Jahren lernte er Klavierspielen. Und während seiner gesamten Schulzeit sang er stets in irgendeinem Chor.

Mit 17 wurde er schließlich von Regie-Legende Peter Zadek entdeckt, der ihn mit 19 Jahren zum musikalischen Leiter des Schauspielhauses Bochum machte. Kurz darauf startete er erst als Schauspieler, dann als Musiker durch.

Eigene Trauer in Songs verarbeitet

Anfangs waren Kritiker davon überzeugt, dass Grönemeyer mit seinen komplexen Songs keinen Erfolg haben wurde. Das Gegenteil war der Fall. Denn trotz Vielschichtigkeit sind die Lieder ungemein eingängig. Wie die zahlreichen Hits jetzt wieder beweisen, bei denen die Zuschauer ein ums andere Mal begeistert mitsingen, winken und Lichter schwenken. Gänsehaut-Momente gibt es gleich dutzendhaft.

Die besten Augenblicke gehören Herbert Grönemeyers wohl persönlichsten Songs „Mensch“ und „Der Weg“. Damit verarbeitete er seine private Trauer nach dem Tod seiner ersten Frau Anna und seines Bruders Wilhelm 1998. Längst sind die Songs Herzstück eines jeden Grönemeyer-Konzerts. Dabei stellt sich eine familiäre Atmosphäre inmitten der Massenveranstaltung ein. Ein Konzerterlebnis, das man so schnell nicht vergisst.