Gropius-Bau

Insel gestrandeter Hoffnungen

Die Experimentalfilmerin und Performerin Wu Tsang mit einem vielschichtigen Porträt der Flüchtlingsinsel Lesbos im Gropius-Bau.

Szene aus dem Film „One emerging from a point of view“.

Szene aus dem Film „One emerging from a point of view“.

Foto: Courtesy: die Künstlerin; Galerie Isabella Bortolozzi; Cabinet & Antenna Space

Der Boden dampft. Glutnester kommen in Sicht. Ein alter Mann stochert in Erdhaufen herum. Dann schwenkt die Kamera in die Höhe und rückt die dichte mediterrane Bewaldung der Insel Lesbos in berückend schönen Aufnahmen auf die riesige Leinwand im CinemaScope-Format. Die Naturszenen werden überblendet von einem Berg abgeworfener Rettungswesten Tausender Flüchtlinge. Es herrscht Nacht. Ein Transgender-Mann interpretiert auf einer Waldlichtung orientalisch anmutende Tänze und blickt zwischendurch prüfend in die Kamera.

Traum und Wirklichkeit, Bilder und Surround-Sound fließen in Wu Tsangs neuem Experimentalfilm „One emerging from a point of view“ eindrucksvoll in­einander. Neben der auf Arabisch erzählten Geschichte einer aus Marokko geflüchteten Transfrau, die nach monatelanger Reise durch die Türkei im für miserable Hygienestandards berüchtigten Lager Moria auf Lesbos landete, sind Auszüge aus dem Roman des griechischen Autors Stratis Myrvilis „Die Madonna mit dem Fischleib“ zu hören. Dieser beschrieb bereits in den 20er-Jahren Migrationsbewegungen zwischen der Türkei und Lesbos.

Wu Tsang, Experimentalfilmerin, Performerin und Veranstalterin queerer Partys, sagte am Dienstag anlässlich ihrer Einzelpräsentation im Martin-Gropius-Bau, dass die mediale Ausschlachtung des Flüchtlingsdramas auf Lesbos die Insel zu einem fast unmöglichen Motiv gemacht habe – und genau diese Schwierigkeit sie gereizt habe. Für ihren Film, der während eines Artist-in-Residence-Aufenthalts im Gropius-Bau entstanden ist, bereiste die Künstlerin die Insel mehrfach und vernetzte sich mit der LGBT-Community in Athen.

Der 43-minütige Lesbos-Film entstand in Kooperation mit einer Reihe von Mitstreitern, darunter der griechischen Bildjournalistin Eirini Vourloumis, die den griechischen Part spricht. Sie erzählte in Berlin, dass sie seit ihrer Kindheit stottere und durch Wu Tsang den Mut gefunden habe, sich öffentlich zu äußern. Das Stockende ihrer Worte korrespondiert in dem Film in erschütternder Weise mit der vielfachen Gebrochenheit der Insel und der Biografien der dort Gestrandeten.

Insgesamt umfasst die Ausstellung mit dem Titel „There is no nonviolent way to look at somebody“ sieben große Säle im Obergeschoss des Gropius-Baus. Neben einer Reihe älterer Filme, in denen queere Choreografien im Zentrum stehen, sind Fotografien und eine raumgreifende Skulptur („Sustained Glass“, 2019) zu sehen.

Bekannt geworden ist die 1982 in den USA geborene Künstlerin mit der Dokumentation der queeren Latino-Bar Silver Platter in Los Angeles („Wildness“, 2012). 20 Jahre nach dem Independent-Filmerfolg „Paris Burning“ dokumentierte sie die schwule und trans­sexuelle Subkultur und Probleme, die aus Rassismus und Homophobie erwachsen. Noch im selben Jahr fand sich die LGBT-Aktivistin zu ihrer eigenen Überraschung als Teilnehmerin der Whitney-Biennale wieder, Amerikas wichtigster Kunstbiennale.

2018 schuf Wu Tsang mit finanzieller Unterstützung durch die Londoner Kunstmesse Frieze und die Luxusmodemarke Gucci einen weiteren Essayfilm mit antidiskriminierender Stoßrichtung. Er passte in die neue Marketingstrategie des Modeherstellers, der sich ein sozial verantwortliches Image verpassen möchte.

Wer meinte, Wu Tsang habe sich von der Luxusindustrie kaufen lassen, wird im Martin-Gropius-Bau eines anderen belehrt. Die Filmemacherin erweist sich nicht nur als hochbegabt, sondern auch als wandlungsfähig. Es wird spannend, ihre weitere Karriere zu verfolgen. Als Nächstes steht die Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Zürich an, das Wu Tsang als Hausregisseurin engagiert hat.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg. Mi.–Mo. 10–19 Uhr. Bis 12. Januar 2020