Deutsche Oper

Anna Netrebko in Berlin: Kommt sie oder kommt sie nicht?

Am Mittwoch singt Anna Netrebko an der Deutschen Oper. Sie hat aber zuletzt oft abgesagt - und für Unmut gesorgt

Starsopranistin Anna Netrebko hat in vergangener Zeit nicht nur durch ihre Stimme von sich reden gemacht.

Starsopranistin Anna Netrebko hat in vergangener Zeit nicht nur durch ihre Stimme von sich reden gemacht.

Foto: dpa Picture-Alliance / HANS PUNZ / picture alliance / HANS PUNZ / A

Berlin. An den Stimmbändern einer Opernsängerin hängt das öffentliche Interesse manchmal ähnlich intensiv wie an den Muskelfasern eines Fußballspielers. Derzeit ist dies bei der Sopranistin Anna Netrebko zu erleben.

Netrebko wird diese Woche in zwei konzertanten Vorstellungen von Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“ an der Deutschen Oper die Titelrolle singen, am heutigen Mittwoch und am Sonnabend. So die Ankündigung.

Häufig war Erschöpfung die Ursache

Für die Stimme der russischen Starsängerin, die in zwei Wochen 48 Jahre alt wird, dürfte die Partie eigentlich erfolgreich zu bewältigen sein. Sie entspricht der derzeitigen grundsätzlichen Disposition der Sängerin: Breit flutende Töne mit dramatischem Einschlag in meist nicht allzu hoher Lage – Netrebkos Stimme ist über die Jahre reifer und schwerer geworden und kann mit dergestaltigen Phrasen eigentlich große Wirkung erzielen. Kann. Und erst Anfang des Jahres hat Netrebko ebendies an der Metropo­litan Opera in New York bewiesen.

In Berlin jedoch kann man berechtigterweise zittern, ob Anna Netrebko wirklich kommt und auch singt. Ihre Vorstellungen vor einem Galapublikum in Salzburg Anfang August mit der „Adriana“ sagte sie ab – Netrebkos Ehemann Yusif Eyvazov, der als Tenor ebenfalls an der Vorstellung beteiligt war, bekam dann den ungebremsten Zorn der Gäste ab, weil er ebenfalls wegen Krankheit aussteigen wollte. Später entschuldigte sich Netrebko auf Instagram bei ihren Fans: Eine Klimaanlage sei schuld gewesen an ihrer Indisposition – bei einer vielreisenden Solistin durchaus eine plausible Erklärung.

Die Maßstäbe, was stimmliche Gesundheit angeht, sind bei Opernsängerinnen und -sängern ohnehin schon andere als bei Berufstätigen in anderen Bereichen. Wenn jetzt als neue offizielle Erklärung für Netrebkos häufige Absagen ein genereller „Erschöpfungszustand“ angeführt wird, so sollte man sich ruhig ausmalen, was zu den kräftezehrenden Gesangspartien, die Perfektion erfordern, an Jetlags, zugigen Flugzeugen und klimatischen Unterschieden noch hinzukommt. Berechtigt ist die grundsätzliche Diskussion über die
Belastbarkeit von Opernstars, die Anna Netrebko durch ihr häufigeres Nichterscheinen bei den Salzburger Festspielen bereits vor über zehn Jahren ausgelöst hat. Gerne sagt nämlich keine internationale Solistin dieses Ranges ab.

Denn eine solche Absage ist mit einem erheblichen Imageverlust verbunden. Das Verständnis des Publikums ist groß, doch der Geduldsfaden der Fans zeigt trotzdem erste Risse. Schon im April schlugen die Wellen hoch, als Anna Netrebko ihren Auftritt für zwei Konzerte mit Verdi-Arien bei Daniel Barenboims Oster-Festtagen an der Berliner Staatsoper stornierte. Gut für Netrebkos PR war das nicht: Damals sprang die junge tatarische Sängerin Aida Garifullina ein, die aufgrund ihrer Stimme und ihres Modebewusstseins schon als neue russische Primadonna gehandelt wird und auch wesentlich geschickter als Anna Netrebko mit ihrer Wirkung in alten und neuen Medien umzugehen weiß.

Fotos zeigen die Sängerin bei Shoppingtouren

Auch nach Netrebkos Absage für ihr Debüt bei den Bayreuther Festspielen als Elsa in „Lohengrin“ war schnell ein stimmlich und fachlich mindestens gleichwertiger Ersatz gefunden: Die Berliner Sängerin Annette Dasch hat zwar international nicht ganz so viele Follower auf Instagram wie Netrebko, muss aber im lyrischen deutschen Sopranfach längst nicht mehr so viel beweisen wie Anna Netrebko, die ungeachtet ihrer österreichischen Staatsbürgerschaft bis heute kein Deutsch spricht.

Es ist ungeschickt, aber es ist nicht grundsätzlich ehrenrührig, wenn Netrebko zeitgleich zu ihren zahlreichen Absagen ihre eigenen Bikinifotos in Umlauf bringt und sich bei Shoppingtouren ablichten lässt: Als Superstar, der nur mit absoluten Höchstleistungen künstlerisch anerkannt wird und unter seiner Bestform verständlicherweise nicht singen will, muss Netrebko schon zwecks Regeneration für ihre eigene artgerechte Haltung sorgen. Sie muss sich nicht unbedingt sechs Wochen mit Fieberthermometer ins Bett legen.

Nur sollte sie in solchen Zeiten die Öffentlichkeit meiden. Natürlich sind die Ticket-Preise für einen Netrebko-Auftritt an der Deutschen Oper Berlin niedriger als bei den Salzburger Festspielen, aber mit 70 bis 240 Euro immer noch so hoch, dass eine schlecht vermittelte Absage für Netrebko ein erhebliches PR-Risiko wäre.

Vor einer Woche präsentierte sich Anna Netrebko entspannt im Pool, mit Cocktail in der Hand, gelb bemalten Fingernägeln und Sonnenbrille. Darunter schrieb sie: „Urlaub ist vorbei … glaubst du, dass ich arbeiten will..???“ Unwahrscheinlich, dass nach dergestaltigen Statements eine Absage für das Berliner Konzert plausibel und sympathisch zu vermitteln wäre.

Deutsche Oper Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Kartentel.: 343 84 343. Termine: 4. und 7. September, 19.30 Uhr. Karten: 70–240 Euro.