Filmfestival

Eine Schlafhilfe kann nicht schaden beim Filmfest Venedig

Roy Andersson und Atom Egoyan stellen am Lido ihre neuen Filme vor, können aber nicht überzeugen. Und Netflix sorgt weiter für Unmut.

Etwas bubihaft sieht er schon aus: Timothée Chalamet (M.) als Henry V. in der Netflix-Produktion “The King“.

Etwas bubihaft sieht er schon aus: Timothée Chalamet (M.) als Henry V. in der Netflix-Produktion “The King“.

Foto: dpa

Ein flüchtiger Blick verrät, dass die ältere Dame gut vorbereitet ist. In ihrer Tasche befindet sich eine aufgeblasene Nackenstütze, als Schlafhilfe für alle Fälle. Ob sie die in den 169 Minuten von Václav Marhouls Romanadaption „The Painted Bird“, die auf dem Filmfestival von Venedig Premiere feierte, aber wirklich zum Einsatz kam, ist nicht überliefert. Womöglich gehörte sie zu denjenigen, die nach wiederholten Gewaltszenen den Saal verließen.

Die Welt, die der Junge in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg ganz allein durchläuft, lässt nur kurze Lichtblicke der Menschlichkeit zu. Beherrscht wird die episodische Odyssee, bei der u.a. Udo Kier, Stellan Skarsgård und Harvey Keitel auftauchen, von Gewalt, Aggression und Sadismus, von Holocaust, Krieg und all den Schattenseiten der menschlichen Natur. Der Tscheche Marhoul illustriert sie in teils eindrucksvollen Schwarzweiß-Kompositionen, aber nicht ohne Klischees, Absehbarkeiten und oft in harten Szenenn.

Deprimierend war im Kern auch das irdische Jammertal, auf das Roy Andersson in seinem Beitrag „About Endlessness“ blickt. Aber nicht nur. Vor fünf Jahren hat der schwedische Regisseur für „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Der lakonische Humor, mit dem er die Absurdität der menschlichen Existenz beschrieb, bricht aber nur selten durch.

Abgründe und Verzweiflungen

Andersson ist diesmal nachdenklicher im Hinblick auf das Leben, den Tod und die Unendlichkeit. Die Kompositionen in überwiegend statischen Einstellungen mit sorgsam bestimmten Bildausschnitten allerdings sind geblieben. Durch sie entwirft der Regisseur ein Kaleidoskop der Banalitäten und Verzweiflungen, Abgründe und kurzen Glücksmomente, die das Leben in seiner Widersprüchlichkeit ausmachen, während er gleichsam die großen Fragen aufwirft.

Einmal mehr nicht wirklich in Hochform zeigte sich derweil Atom Egoyan mit seinem Wettbewerbsbeitrag „Guest of Honour“ mit David Thewlis. Der kanadische Regisseur von Filmen wie „Exotica“ oder „Das süße Jenseits“ hat häufiger clevere Vexierspiele und mysteriöse Leinwandrätsel entworfen.

Trauma, Schuld und Rache

Auch diesmal legt er erst Schicht für Schicht seiner Handlung frei. In dieser Konstruktion streift er eine Vielzahl von Themen: Es geht um Trauma, Schuld und Rache, um Restaurantinspektionen und ein Riesenkaninchen namens Benjamin. Allerdings ist das nicht immer stimmige Drama nach der unbefriedigenden Auflösung letztlich deutlich weniger als die Summe seiner Einzelteile.

Eigentlich sieht Timothée Chalamet fürs Mittelalter irgendwie noch ein bisschen zu hübsch aus. Zumindest am Anfang von „The King“, der bereits am Montag Premiere hatte, wenn dem gefeierten Jungstar immer ein paar Strähnen fotogen ins Gesicht hängen.

Schon der dritte Netflix-Film am Lido

Aber dann wird sein vergnügungsfreudiger Prinz gegen seinen Willen zu König Henry V. gekrönt. Die Haare kommen ab. Inspiriert von Shakespeares Stücken „Henry IV.“ und „Henry V“, zeichnet David Michôds Historiendrama nach, wie er am englischen Hof im 15. Jahrhundert in seine Rolle findet und in den Krieg mit Frankreich zieht.

Begleitet von anhaltender Kritik ist „The King“ die dritte Netflix-Produktion in der offiziellen Auswahl von Venedig – und die schwächste. Der Film entpuppt sich schnell als ziemlich leblose Angelegenheit, bei der viel, salbungsvoll und bleiern geredet wird. Ein Nackenkissen für ein Nickerchen wäre manchmal doch ganz brauchbar.