Bar jeder Vernunft

Christine Bovill beschwört die Goldenen Zwanziger

Als der Alkohol verboten war: In der Bar jeder Vernunft feierte Christine Bovill mit ihrem neuen Programm „Tonight You Belong To Me“ Premiere

Mit Jazz-Klassikern auf der Berliner Bühne: Christine Bovill.

Mit Jazz-Klassikern auf der Berliner Bühne: Christine Bovill.

Foto: Barbara Braun / MuTphoto

Nein, Christine Bovill möchte kein Ginger Ale, sondern den richtigen Stoff. Liebevoll tätschelt sie die Whiskeyflasche, als sei sie ihr kostbarster Besitz, während sie den „Alcoholic Blues“ singt. Man spürt die Verzweiflung regelrecht, die ja bekanntlich zu einem echten Blues gehört. Es ist jedoch mitnichten eine Überdosis an Hochprozentigem, sondern der Mangel daran, der die Schottin so exzessiv jammern lässt. Denn wir befinden uns mitten in der Dekade der Prohibition. Also zwischen 1919 und 1930, als in den USA ein landesweites Alkoholverbot galt und die Kriminalität Hochkonjunktur hatte.

Es ist aber auch die Zeit, in der der Jazz die Musik revolutionierte. Jene Ära beschwört Christine Bovill mit ihrem neuen Programm herauf, das nun in der Bar jeder Vernunft Premiere feierte. Den Titel „Tonight You Belong To Me“ hat sie dem gleichnamigen Billy-Rose-Song entlehnt, den sie natürlich auch singt.

Duke Ellington und Dorothy Parker

Im Twenties-Look mit Schmuckhaarband, schwarzem Kleid und roter Samtjacke, später als Stummfilm-Ikone Charlie Chaplin, erzählt Christine Boville unterhaltsam und klug die Geschichten hinter den Songs. Damals, zwischen den Weltkriegen, inmitten einer wirtschaftlichen Depression. Von den Flapper Girls, den unabhängigen, selbstbewussten Frauen, die man zuhauf antraf in den Dance Halls und Speakeasys, den Flüsterkneipen mit illegalem Alkoholausschank. Von F. Scott Fitzgerald, der mit seinem „Großen Gatsby“ ein Romanporträt der Roaring Twenties schuf. Von der Schriftstellerin Dorothy Parker, die für das Frauenwahlrecht kämpfte. Es geht nach Harlem in den Cotton Club, zu den afroamerikanischen Jazz-Stars wie Duke Ellington, Blues-Legende Bessie Smith und Josephine Baker.

Christine Bovill hat vor allem bekannte Klassiker ausgewählt. Wie „Puttin’ On The Ritz“ von Irving Berlin oder „Let’s Do It, Let’s Fall In Love“ von Cole Porter. Am Flügel von Michael Bradey begleitet, huldigt sie mit Standards wie „Crazy Rhythm“ dem Rhythmus des Jazz. Und doch hat das Blue-Note-Genre bei ihr eine ganz eigene Färbung. Darin liegt aber auch die Crux des Abends. Gefeiert für ihre Piaf-Interpretationen, lässt die Sängerin den Jazz immer etwas nach Chanson klingen. Eher zur dramatischen Geste neigend als der Kunst der leisen Phrasierung frönend, die nun mal zum Jazz gehört und stilprägend ist.

Im letzten Song wechselt sie die Sprache

Bei eingefleischten Jazzfans springt der berühmte Funke daher oft genug nur schaumgebremst über. Dennoch versteht es Christine Bovill mit einem wohl einzigartigen Timbre in der Stimme mit rauchigem Touch immer wieder zu begeistern. So ist ihre Interpretation von „Ol’ Man River“, dem bekanntesten Song aus dem Musical „Show Boat“, großes Kino. Und nachdem sich die Glasgowerin schon dafür entschuldigt hatte, dass sie Englisch spricht, singt sie eine Strophe von „Just a Gigolo“ auf Deutsch. Damit fliegen ihr die Herzen der Zuschauer endgültig zu.

Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Tel. 883 15 82, 9. 10.9. um 20 Uhr, Tickets ab 19,30 Euro