Musik

Geigerin Juliane Manyak: Mit Anderen gemeinsam kreativ sein

Juliane Manyak steht als Orchester-Geigerin ihre Frau, hat aber auch ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht.

Die Geigerin Juliane Manyak arbeitet gern mit Kindern zusammen und vermittelt ihnen spielerisch, wie der Organismus eines Orchesters funktioniert.

Die Geigerin Juliane Manyak arbeitet gern mit Kindern zusammen und vermittelt ihnen spielerisch, wie der Organismus eines Orchesters funktioniert.

Foto: Reto Klar

Berlin. Den Strauss hat sie sich in die Ferien mitgenommen. Juliane Manyak wusste, wenn sie aus dem Urlaub wiederkommt, wird es hart. Die Probenarbeit mit Vladimir Jurowski, dem Chefdirigenten des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB), galt für das diesjährige Musikfest in der Philharmonie der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss. Da muss sich ein Sinfonieorchester erst einmal durchfräsen, weil es solche Riesenopern nicht im Repertoire hat. Doch Juliane Manyak war in den vergangenen Tagen nicht nur als Orchestergeigerin gefordert. Fast gleichzeitig erschien ihr erstes Kinderbuch „Mit Rapauke im Land der Musikinstrumente“. Das Interesse der Klassik- und der Bücherwelt ist gleichermaßen groß: Wie wird die Figur aus den preisgekrönten Kinderkonzerten des RSB, die kleine rot-weiße Trommel Rapauke, sich wohl in Buchform bewähren, ergänzt durch die Zeichnungen der Künstlerin Lara Faroqui?

Die Geschichte vom Jungen Jonas, der mit der mitteilsamen Trommel neugierig durch musikalisches Land wandert, hat Lara Faroqui für Juliane Manyak großformatig bebildert. „Ich hatte einfach gehofft, dass sich jemand findet, der mich so gut versteht, dass er oder sie das auch visualisieren kann“, sagt Manyak. „Irgendwann habe ich Lara gefragt. Ich hatte im Hinterkopf, dass sie keine Bücher illustriert. Aber für mich hat sie es getan. Das hat mich wahnsinnig glücklich gemacht.“

Gedanken, die Zeit und Raum verbinden

Mit Lara Faroqui hat sie bereits in einem gemeinsamen Konzertprojekt zusammengearbeitet, in welchem ebenfalls Musik sichtbar wurde: Faroqui gestaltete die kontrapunktischen Linien in Bachs „Kunst der Fuge“ gleichzeitig zum Erklingenden in einer fortlaufenden Zeichnung. Solche Gedanken, die Zeit und Raum verbinden, hat auch Manyak oft: „Wie viele Kilometer Bogen ich zum Beispiel verwendet habe, um eine Bruckner-Sinfonie oder eine Strauss-Oper zu spielen.“ Umgekehrt soll es mit dem Visuellen auch beim Erscheinen des Buchs Ende August nicht getan sein. Parallel schaltet der Verlag zu Rapauke eine Website frei, auf welcher Manyaks Rundfunk-Sinfonieorchester passende Klänge und Musikstücke eingespielt hat.

Juliane Manyaks Bedürfnis, mit Anderen gemeinsam kreativ zu sein, in der Zusammenarbeit künstlerische Erfüllung zu finden: Vielleicht wäre das anders, wenn sie etwa als Trompeterin hoch über den Streichern thronen würde. Doch als Mitglied der zweiten Geigen im RSB liegt nahe, dass sie ein Gruppenmensch ist. Juliane Manyak selbst wirkt schon lange und mit Begeisterung als Musikerin in den Kammermusik-Abordnungen mit, die sich mit vielen Musikstücken und Rapauke im Gepäck in Berliner Schulen präsentieren. Denn die kleine Trommel ist eigentlich eine höchst erfolgreiche Erfindung der Education-Abteilung ihres Orchesters und wurde 2017 mit dem Musikvermittlungspreis des Netzwerks Junge Ohren ausgezeichnet. Das Format der Kinderkonzerte haben Manyak, ihre Orchesterkollegen sowie die Dramaturgen des RSB immer weiterentwickelt.

Das Wesen eines Orchesters als Organismus erkennen

„Natürlich liegt der Fokus auf der Kammermusik, weil es sich in den Schulen, in die wir gehen, nicht anders machen lässt.“ Aber mittlerweile lädt das Orchester Familien auch zum „Rapauke-Finale“ in den Großen Sendesaal des RBB ein. „Die Kinder sollen sehen, wer dahintersteht. Das ist eben nicht nur ein vier- oder fünfköpfiges Ensemble, sondern ein Sinfonieorchester. Das war auch eine Grundidee meines Buch: Ich zeige euch das Wesen, den ganzen Organismus.“ Den Organismus mit allen Wesensunterschieden der Instrumente und ihrer Spielerinnen und Spieler. „Alle haben ihre Persönlichkeit. Ein Trompeter ist kein Geiger. Man erlebt seinen Beruf anders.“

Juliane Manyak erzählt dann auch von den anspruchsvollen Proben zur „Frau ohne Schatten“. Einige schwierige Stellen der Streicher seien kaum perfekt zusammenzubringen gewesen. Es ist offensichtlich: Der Komponist hat solche Stellen eher als diffuse Klangfarbe gedacht. Das müsse man als Orchestermusikerin auch erstmal durchblicken. Auch dieses vielschichtige Arbeiten an einem Musikstück möchte sie Kindern vermitteln. Denn es sei eine Auseinandersetzung, auch mit sich selbst.

Wo die Bläser und die Streicher wohnen

„Ich muss ja Hindernisse überwinden. Ich habe eine musikalische Stelle vor mir, und ich blicke es erstmal nicht.“ Nachdem man so eine Stelle technisch bewältigt habe, müsse man sich als nächstes fragen: „Was ist eigentlich die Idee dahinter, was ist der Ausdruck? Dann setze ich das noch drauf.“ Es gehe also, so Manyak, darum, Dinge zu durchschauen und aufzuschlüsseln nach bestimmten Kriterien. Und auch Geduld zu haben und zu sagen, es gelingt nicht gleich morgen.“

Wer solche Auseinandersetzungen durchlaufen hat, kann auch ziemlich viel und lustig feiern, wie die Blechbläser in Manyaks Rapauke-Buch, die auf einer Hochebene in den Bergen wohnen. Während die Holzbläserin einer Wohngemeinschaft ihre Sensibilitäten pflegen, leben die Streicher ihrerseits als große Familie in einem tiefen bewaldeten Tal, wo es intensiv nach Holz riecht. Juliane Manyaks langes Berufsleben im Orchester ist hier Kinderliteratur geworden.