Filmfestspiele Venedig

Joaquin Phoenix’ „Joker“ kann es mit Heath Ledger aufnehmen

Wie wurde der „Batman“-Bösewicht zu dem, was er ist? Regisseur Todd Phillips betreibt Ursachenforschung

Joaquin Phoenix auf den Filmfestspielen in Venedig.

Joaquin Phoenix auf den Filmfestspielen in Venedig.

Foto: Joel C Ryan / dpa

Ginge man nach dem Applaus, als sein Name im Abspann auftauchte, hätte Joaquin Phoenix den Preis als bester Darsteller in Venedig schon sicher. Donnernder Jubel hallte durch den Premierensaal Sala Grande, nachdem sich der US-Schauspieler zuvor für zwei Stunden in der Titelrolle von Todd Phillips‘ „Joker“ verausgabt hatte: Auf ganz eigene Weise brilliert er dabei als die tragische Gestalt, die später zu Batmans schillerndstem Widersacher wird und zeigt, dass er Heath Ledgers ikonischem Auftritt in „The Dark Knight“ in nichts nachsteht.

Der Film selbst ist dabei eine Batman-freie Ursprungsgeschichte des clownesken Bösen in Gotham City und betreibt Ursachenforschung in der malträtierten Seele eines Mannes namens Arthur Fleck. „Wir hatten große Freiheit, weil der Joker nie eine Herkunftsgeschichte hatte”, erklärte Regisseur Phillips („Hangover“) in Venedig. „Das war sehr befreiend, denn es gab keine Regeln und keine Grenzen.” Phoenix verkörpert den späteren Joker unheimlich, tieftraurig, psychisch in Trümmern und später mit kranker Coolness als dürren Schmerzensclown. Das Produkt einer rücksichtslosen Gesellschaft, hinter dessen gequältem Lachen sich aufgestaute Wut und Verzweiflung einer in wirklich jeder Hinsicht tragischen Existenz verstecken. „Als erstes habe ich abgenommen, und wie sich herausstellte, hat das einen Effekt auf deine Psyche – du wirst verrückt”, erinnerte sich Phoenix in der Pressekonferenz, wie er sich der Rolle annäherte.

Ein bisschen wundern konnte man sich anfangs schon über einen Platz für „Joker“ im Venedig-Wettbewerb unter all den Autorenfilmen. Doch die Platzierung ergibt Sinn: Schließlich nähert sich der Film nach all den mutlosen Superheldenblockbustern dem Genre endlich einmal auf neue Weise, unübersehbar geschult an Martin Scorseses Werken und anderen Hollywood-Klassikern der späten 70er- und frühen 80er-Jahre. Die Charakterstudie mag letztlich psychologisch wenig nuanciert sein und es dauert daher etwas zu lang, bis diese getretene Kreatur mit rücksichtsloser, destruktiver Energie ihr Ventil findet. Doch „Joker“ entwickelt in der Kombination von Phoenix‘ beängstigender Intensität und den düsteren Bildern von den „Mean Streets“ des urbanen Molochs mitunter eine dräuende Wucht und drängt sich mit Vergleichen zu Trumps USA förmlich auf.