Musikfest Berlin

Ein gelungener Auftakt des Musikfestes in der Philharmonie

Der Dirigent John Eliot Gardiner tourt mit Berlioz‘ erster Oper „Benvenuto Cellini“ durch Europa. Jetzt machte er in Berlin Station.

John Eliot Gardiner in der Philharmonie.

John Eliot Gardiner in der Philharmonie.

Foto: Adam Janisch

Stell dir vor, es ist Berlioz-Jubiläum, und niemand in Berlin feiert es. Nein, das wäre natürlich undenkbar. Undenkbar, weil es ja das Musikfest Berlin und seinen Leiter Winrich Hopp gibt – zwei langjährige Institutionen, für die Hector Berlioz‘ Tod vor 150 Jahren wie gerufen kommt. Denn gerade der Franzose Berlioz steht für drei Dinge, die dem Musikfest Berlin bislang besonders wichtig gewesen sind: große Orchester, große Ideen, große Wiederentdeckungen.

Und insofern passt auch Dirigent Sir John Eliot Gardiner sehr gut zum Musikfest-Auftakt im Großen Saal der Philharmonie. In diesen Tagen tourt Gardiner nämlich mit Berlioz‘ erster Oper „Benvenuto Cellini“ durch Europa – ein typisches Gardiner-Großprojekt mit eigenem Orchester und eigenem Chor, eigens zusammengestellter Opern-Fassung und halbszenischer Einrichtung. Doch warum ist diese aufwändige Berlioz-Europa-Tour nur so kurz? Warum wird Gardiner nach Berlin nur noch je einmal in London und Versailles Station machen? Es muss wohl an Berlioz‘ „Benvenuto Cellini“ selbst liegen: ein Opern-Erstling von 1838, an dem sich noch heute die Geister scheiden. Für Gardiner ist es ein Meisterwerk, viele andere halten es für misslungen. Es ist eine Oper voller visionärer Orchestereffekte, innovativer Harmonik und banaler Melodik. Eine Oper, die vor genialem musikalischem Witz und hanebüchenen dramaturgischen Einfällen nur so sprudelt.

Lebendig, unterhaltsam und überzeugend

Umso dankbarer muss man jetzt sein, dass Musikfest-Leiter Winrich Hopp dieses „Benvenuto Cellini“-Wagnis eingegangen ist. Denn schließlich sind musikalische Vorurteile dazu da, um überprüft und hinterfragt zu werden. Und am besten wohl unter den Voraussetzungen, die Gardiner dafür geschaffen hat. Freilich, die Erwartungen sind hoch: Bereits vor zwei Jahren hat Gardiner dem Musikfest Berlin seinen spektakulären Stempel aufgesetzt – mit einer Monteverdi-Opern-Trilogie, die damals alle folgenden Veranstaltungen überstrahlte.

Und ähnlich wie bei Monteverdi geht es jetzt bei Berlioz‘ „Benvenuto Cellini“ zu. Sehr lebendig, sehr unterhaltsam, sehr überzeugend. Mit historischen Instrumenten und knackiger Rhetorik, mit flüssigen Tempi und geräuschhaft intensiver Artikulation. Doch es gibt einen bedeutsamen Unterschied: Bei Monteverdi war noch der Gesang das wichtigste, bei Berlioz ist das Orchester der unumschränkte Star. Sogar die Hauptpersonen Benvenuto Cellini und Teresa, die beiden Liebenden, das sich nach vielen Irrungen und Wirrungen am Ende in den Armen liegen – sie verblassen angesichts der Farbexplosionen und Effektorgien, die Berlioz und Gardiner dem Orchester verordnen. Dazu kommt noch, dass Gardiner alle Opernfiguren direkt aus dieser Musik heraus entwickelt hat: den zwischen leidenschaftlichem Schmelz und wuchtigem Metall angesiedelten Goldschmied Cellini (Michael Spyres), die intimere, schlanke Teresa mit Mozart-Flair (Sophia Burgos). Und natürlich auch den komischen, lethargischen Papst (Tareq Nazmi), der über das Schicksal der beiden Liebenden entscheidet – aber dabei immer wieder vom Schlaf übermannt wird.