Schaubühne

„The Human Condition“ verwitzelt eine große Denkerin

Enttäuschung in der Schaubühne: Patrick Wengenroths Abend über Hannah Arendts Buch kommt über eine Sketchparade kaum hinaus

Gestalten auf Spiegelplatten: Ruth Rosenfeld, Iris Becher und Florian Anderer (von links).

Gestalten auf Spiegelplatten: Ruth Rosenfeld, Iris Becher und Florian Anderer (von links).

Foto: Gianmarco Bresadola

Am Anfang ist das Nichts: Leer gähnt der Bühnenraum. Bis fünf Performer mit Klappstühlen kommen, sich setzen, das Publikum betrachten. Dann wenden sie sich um, gucken auf die Bühne. Irgendwann verheddert sich Florian Anderer mit dem Fuß im Stuhl, klemmt sich die Hand, kämpft mit der Sitzgelegenheit, als wär’s eine Python.

„Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen“ – nach all der Eingangsblödelei, dieser grinsenden Welterschaffungs-Verhampelung, gibt’s endlich einen Satz von Hannah Arendt. Die steht in „The Human Condition“ eigentlich im Mittelpunkt. Arendt war eine der wichtigsten und einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie hat den Begriff von der Banalität des Bösen geprägt und über Macht und Möglichkeiten des Menschen nachgedacht – so klar, dass sie auch von Menschen jenseits akademischer Kreise verstanden werden konnte.

Die Lacher bleiben meistens aus

1958 erschien ihr Buch „The Human Condition“ auf Englisch, 1960 auf Deutsch unter dem Titel „Vita activa oder Vom tätigen Leben“. Darin entwickelt sie eine Theorie des politischen Handelns, schreibt äußerst klug über die Arbeitswelt, das Denken, auch über Herausforderungen, die uns heute umtreiben: Was machen wir, wenn die meisten Jobs automatisiert sind? Können wir den technischen Fortschritt überhaupt begreifen? Fällt uns für die gewonnene Freizeit noch was anderes ein als Hobbys und Konsum?

Das alles scheint Patrick Wengenroth nicht zu interessieren. Wenn aber, dann hat er das gut versteckt. Denn was sich im kleinen Schaubühnen-Studio eindreiviertel Stunden lang zäh über die Bühne schleppt, ist eine Sketchparade mit eher mühsamem Philosophiekabarett. Anderer rollt mit den Augen, versenkt sich in Denkerposen, schreckt vor keinem Kalauer zurück. Einmal ergründet er in einem faden Witz den Unterschied zwischen jeder, jemand, irgendjemand und niemand. Dann lässt er sich in einem aus der Sesamstraße entlehnten Dialog den Unterschied von Hier und Da(sein) erklären. Selten zündet ein Lacher.

Wenn aber mal wirklich der Arendt-Text gesprochen wird, von Wengenroth selbst, der mit dem Buch wedelt, von Anderer, aber auch von Iris Becher und Ruth Rosenfeld, schmuggeln sie garantiert irgendwann aufgerissene Augen, eine falsche Betonung, ein Wortspiel ein. Vermutlich, damit sich niemand langweilt. Mit der Nebenwirkung, das ein Mitdenken unmöglich wird.

Der Musiker bleibt unterbeschäftigt

Später karren die Performer Spiegelplatten herbei und verteilen sie im Raum, Becher, Rosenfeld und Anderer kommen als Gestalten aus der Zukunft oder aus dem All auf die Bühne, sprechen Worte aus Friedrich Nietzsches „Zarathustra“. Gegen Ende spielen sie Auszüge aus dem legendären Arendt-Interview von Günther Gaus nach.

Das ist schon deshalb zum Haareraufen, weil hier so viel Talent verschwendet wird, das der tollen Schauspielerinnen Becher und Rosenfeld, auch das von Musiker Matze Kloppe, der kaum etwas zu tun kriegt, aber für ein paar schöne Song-Arrangements sorgt. Noch dramatischer ist, dass „Vita Activa“ ein derart wichtiges Buch ist mit so vielen Denkanstößen für die Gegenwart und ihre Herausforderungen von Pränataldiagnostik bis Klimakatastrophe, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung uns wirklich weiterbringen könnte. Wenn man es denn wollte.

Schaubühne, Lehniner Platz, Charlottenburg, Kartentelefon: 890 023. Nächste Vorstellungen: 2.-4., 23., 24. September, 29., 30. Oktober.