Tatort

Der „Tatort“: Wie schießt man am besten in den Oberschenkel?

Was passiert, wenn Kriminelle nicht besonders hell im Kopf sind: die herrlich lustige Folge „Falscher Hase“

Lukas "Sahni" Sander (Ronald Kukulies, l-r), Uwe Ohlberger (Godehard Giese) und Rick (Friedrich Mücke) in „Falscher Hase".

Lukas "Sahni" Sander (Ronald Kukulies, l-r), Uwe Ohlberger (Godehard Giese) und Rick (Friedrich Mücke) in „Falscher Hase".

Foto: Bettina Müller / dpa

Wir hören den Wind wehen, als der „Tatort“-Vorspann vorbei ist, elegische Musik schleicht sich ein. Eine Tankstelle in der Nacht, ein Hund an einer Lagerhalle und irgendwelche Solarkollektoren, Straßenlampen verbreiten Dunkelheit. Innen sehen wir Biggi (Katharina Marie Schubert), die mit einen Revolver auf ihren gefesselten Mann Hajo (Peter Trabner) zielt. Liebevoll sagt sie: „Du musst mal stillhalten, Hajo.“

Es geht den beiden um Versicherungsbetrug, weil sie sich in einer verzweifelten Lage befinden. Die Lohmann Solar Technology GmbH steht kurz vor der Insolvenz, nun soll ein vorgetäuschter Raubüberfall das Problem lösen. Ein Schuss in den Oberschenkel wird da ja wohl nicht so schlimm sein. Aber verlaufen da nicht lebenswichtige Arterien? Der nervöse Hajo bittet Biggi, doch noch einmal kurz im Internet nachzusehen. Sie sagt: „Ich kann doch jetzt nicht hier den Computer anmachen und ‘Einschusswunden’ googeln.“ Dann schießt sie doch. Ein Wachmann (Thorsten Merten) betritt unerwartet den Raum, Biggi erschrickt und schießt ihm direkt zwischen die Augen.

Eine Hommage an die Coen-Brüder

Das ist die Ausgangslage dieses wunderbaren „Tatorts“, und wer bei der Kombination Provinz plus elegische Musik plus kognitiv herausgeforderte Kriminelle an Ethan und Joel Coens Film „Fargo“ (1996) und die gleichnamige Serie (ab 2014) denkt, liegt ganz richtig: „Falscher Hase“ ist eine große Liebeserklärung an diese Saga und zeigt, dass sie sich problemlos aus dem eiskalten Minnesota in die hessische Einöde verlegen lässt. Emily Atef, deren Romy-Schneider-Film „3 Tage in Quiberon“ im vergangenen Jahr von sich reden machte, hat Regie geführt und das Buch zusammen mit Lars Hubrich geschrieben. Hubrich wiederum, der 2015 die Drehbuchversion für Fatih Akins Wolfgang-Herrndorf-Adaption „Tschick“ schrieb, hat (mit Stefan Schaller) auch die Vorlage für die „Tatort“-Folge „Damian“ verfasst, die vergangenes Jahr kurz vor Weihnachten ausgestrahlt und von der Kritik begeistert aufgenommen wurde.

Die Kommissare Brix (Wolfram Koch) und Janneke (Margerita Broich) müssen nun unter anderem das Rätsel lösen, wer den Wachmann mit einem solchen Kunstschuss erledigt hat. Biggi und Hajo wiederum versuchen ihre Tat zu vertuschen, werden daran aber von Hobbykriminellen gehindert, bis sich wirklich harte Gangster in die Sache einschalten. Der Bauplan ist aus „Fargo“ vertraut, die Übertragung auf deutsche Verhältnisse aber vollkommen neu und vor allem wegen der todkomischen Dialoge sehenswert. Nach 17 Jahren Boerne und Thiel aus Münster glaubte man den Humor im „Tatort“ schon ein wenig im Niedergang begriffen. Dazu gibt es, das beweist diese Folge, überhaupt keinen Grund.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr