Ausdruckstanz

Eine Ausstellung versucht den Tanz ins Museum zu bringen

Johannes Odenthal hat in der Akademie der Künste eine Ausstellung zum Erbe des Ausdruckstanzes kuratiert

Johannes Odenthal, Kurator der Tanzausstellung, mit dem Arbeitsbuch von Johann Kresnik zum choreografischen Theater „Ulrike Meinhof“ (1990).

Johannes Odenthal, Kurator der Tanzausstellung, mit dem Arbeitsbuch von Johann Kresnik zum choreografischen Theater „Ulrike Meinhof“ (1990).

Foto: Reto Klar / Funke Foto Service

Weg mit dem Korsett, alle Hüllen fallen lassen und barfuß auf betauten Wiesen tanzen: So stellt sich der moderne Ausdruckstanz dar. In der Tat war Tanz ein Teil der Emanzipationsbewegungen und Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in der Lebensreformer-Kolonie auf dem Monte Verità, bei den Raumexperimenten am Dresdner Festspielhaus Hellerau oder mit den lustvollen Tänzen einer Anita Berber, die – auf damals skandalöse Weise – weibliche Selbstbestimmung lebte. Erzählt wird diese (Tanz-)Geschichte gesellschaftlicher Emanzipation derzeit an der Akademie der Künste, in der Ausstellung und Programmreihe „Was der Körper erinnert. Zur Aktualität des Tanzerbes“.

Groß gedacht ist die Zusammenschau des 20. Jahrhunderts: Immer wieder habe der Tanz zentrale gesellschaftliche Fragestellungen aufgegriffen oder angeregt, wie Johannes Odenthal erklärt. Der 63-Jährige ist Programmdirektor an der Akademie der Künste und hat den einmonatigen Tanzschwerpunkt mit kuratiert. Sein Anliegen? „Einem größeren Publikum zu zeigen, dass der Tanz einen Stellenwert hat neben Bildender Kunst, Film, Architektur, und dass er eine unglaubliche Triebkraft für Entwicklungen im 20. Jahrhundert gewesen ist.“

Schminkanweisungen von Oskar Schlemmer

Wie aber präsentiert man die flüchtigste aller Kunstformen in einem Museumskontext? Der „Aura des Objekts“ huldigend, so Johannes Odenthal. Zu sehen sind am Hanseatenweg Tanzfilme, Originale und Objekte, vor allem von Beginn des 20. Jahrhunderts, darunter Mary Wigmans ikonische „Hexentanz“-Maske, ein vom japanischen Nô-Theater beeinflusstes Wunderwerk der Holzschnitzkunst; Schminkanweisungen Oskar Schlemmers zum „Triadischen Ballett“; das Arbeitsbuch des kürzlich verstorbenen Johann Kresnik zu „Ulrike Meinhof“, mit Zeitungsausschnitten und Polaroids seiner Bühnenbildentwürfe; oder Charaktermasken des „Roten Tänzers“ Jean Weidt, der in Berlin bei Erwin Piscator engagiert war, von den Nazis verhaftet und misshandelt wurde, bevor er 1933 emigrierte. Sein Maskenbildner Erich Goldstaub wurde nach Auschwitz deportiert.

Bruchlos lässt sich die Geschichte der Emanzipation durch Tanz also keineswegs erzählen. Dafür liebäugelte der von Massenwirkung faszinierte moderne Tanz in Deutschland zu sehr mit der Macht. Bei Hitlers Sommerspielen 1936 standen die Tanzstars Gret Palucca und Harald Kreutzberg auf der Bühne, die Choreographin Mary Wigman eröffnete die Olympiade mit ihrer „Totenklage“ für 80 Tänzerinnen. Bezeugt wird dieses unrühmliche Kapitel in der Ausstellung mit Gret Paluccas Olympia-Zugangsausweis – und hier wird das Konzept der Auratisierung problematisch, das auf Kontextualisierung weitgehend verzichtet. In der Vitrine wirken Paluccas Olympia-Anstecknadel und -Plakette – kommentarlos platziert neben Fotos ihrer von Kandinsky graphisch übersetzten Körperstudien – wie Nazi-Devontionalien, und auch der Text im Heft, das die Ausstellungsstücke listet und teils beschreibt, liest sich verharmlosend. Gewollt war das nicht, wie Johannes Odenthal glaubhaft versichert, sondern ein Lapsus der Kuratoren angesichts einer Überfülle von Materialien aus den Tanzarchiven in Berlin, Leipzig, Bremen und Köln. Unglücklich ist das insofern als die Olympia-Teilnahme eine historisch scharfe Bruchkante markiert: Von der Assoziation mit den Nationalsozialisten hat sich der deutsche Ausdruckstanz nicht erholt.

Kontinuitäten gab es gleichwohl. Vor allem in Berlin war die Nachkriegs- auch eine Tanzzeit: Jean Weidt kehrte 1948 zurück, als Leiter des neu gegründeten Dramatischen Balletts an der Volksbühne; 1966 berief ihn Walter Felsenstein an die Komische Oper. Mary Wigman, die in der frühen NS-Zeit als „judenfreundlich“ galt, sich aber an die Nazis anpasste, gründete 1949 in Berlin ein Studio. Eine Rekonstruktion ihrer „Totentänze“ war dieser Tage im üppigen Rahmenprogramm der Ausstellung zu sehen. Im September läuft im Hanseatenweg, wo die Moderne immer schon einen Platz hatte, beinahe täglich Tanz: Drei Rekonstruktionen von Dore Hoyers Zyklus „Afectos humanos“ sind am Samstag programmiert, Werke von Gerhard Bohner oder Anita Berber folgen, ebenso wie zentrale Choreographien von Zeitgenossen wie Lucinda Childs oder Boris Charmatz. Der in Berlin ansässige Konzepttanzkünstler Xavier Le Roy zeigt am Hamburger Bahnhof seine „Retrospective“.

Klar aus europäischer Perspektive angelegt, hat „Das Jahrhundert des Tanzes“ verdienstvollerweise auch künstlerische Positionen jenseits Europas im Blick. Koffi Kôkô etwa ist zu Gast, mit dem Johannes Odenthal am Haus der Kulturen der Welt das Festival In Transit kuratiert hat. Diskutiert wird über indischen Bharatanatyam und japanischen Butoh. Im Katalog mit Fotos und Originaltexten von 100 prägenden Tanzkünstlerinnen und -künstlern sind mit Chandralekha, Tatsumi Hijikata oder der Gründerin des ersten schwarzen Tanzensembles in den USA, Katherine Dunham, außereuropäische Perspektiven vertreten. Das Motto lautet also: Weg mit den Klischees, die Vorurteile fallen lassen und die befreienden Aspekte der Bewegung aufspüren.

„Was der Körper erinnert. Zur Aktualität des Tanzerbes“. Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten. Bis 21. September.