Maxim Gorki Theater

Der Regisseur, der mit Schiller nichts anfangen kann

Was tun mit Klassikern? Das Gorki zeigt „Die Verlobung in St. Domingo - ein Widerspruch“. Ein Treffen mit Regisseur Sebastian Nübling

Hausregisseur am Gorki: Sebastian Nübling.

Hausregisseur am Gorki: Sebastian Nübling.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Da hatte man wirklich gedacht, man habe am Maxim Gorki Theater schon fast jede Sprache gehört. Doch dann kommt Hausregisseur Sebastian Nübling und ruft dem Schauspieler Dominic Hartmann am Nachbartisch im Garten des Theaters ein paar Sätze zu, die für das ans Hochdeutsche gewöhnte Ohr ähnlich exotisch klingen wie das Türkisch, Arabisch oder Hebräisch, das man hier oft auf der Bühne hört. Was war das denn? „Alemannisch“, sagt Nübling. Der Dialekt seiner Heimat. Nübling, Jahrgang 1960, kommt aus einem kleinen Ort in der Nähe von Lörrach im Südwesten von Baden-Württemberg, mittlerweile wohnt er in Hausen im Wiesental, was ganz in der Nähe ist. „Dominic Hartmann ist aus der Schweiz, für ihn klingt mein Dialekt wie Baseldeutsch.“

Sebastian Nübling hat ihm Bescheid gegeben, dass wir kurz den Garten verlassen und auf den Vorplatz des Theaters gehen, wo seit kurzem ein großer hellgrauer Container steht, als zusätzliche Bühne und Ausweichspielstätte. Vor knapp zwei Wochen hatte der Regisseur den Container mit seiner Inszenierung von Heiner Müllers „Herzstück“ eingeweiht. Jetzt kommt schon die nächste Premiere: „Die Verlobung in St. Domingo – ein Widerspruch“, eine Kleist-Umdeutung von Necati Öziri, in der es um die Ursprünge der Revolution auf Haiti geht.

Es geht um die Rechtfertigung von Gewalt

Welcher Art ist der Widerspruch, den wir da zu erwarten haben? „Necati baut den historischen Kontext wieder ein und widerspricht der völligen Negierung einer politischen Agenda, vor allem der schwarzen Figuren.“ Außerdem verschiebe er den Schwerpunkt. „Das zentrale Thema“, sagt Nübling, ist die Frage nach der Rechtfertigung von Gewalt.“

Wir sind inzwischen zurück im Garten des Gorki. Vor Sebastian Nübling steht eine Flasche Club-Mate, er raucht selbstgedrehte Zigaretten, springt gedanklich immer wieder von der vor ihm liegenden Premiere zu der hinter ihm liegenden. Und zurück. Der Text von Necati Öziri, sagt er, sei einer, der „nicht sehr süffig“ daherkomme, „man muss sich ganz schön darin orientieren“. Wenn das einer kann, dann Nübling. Der wird mit den unterschiedlichsten Texten fertig, er saugt Kernthemen aus ihnen, die er konsequent auf der Bühne verdichtet. Bei „Herzstück“ etwa, einem nur 14 Zeilen langen Mini-Drama, hat er sich auf eine einzige Zeile daraus konzentriert. Dabei, auch das ist ein wiederkehrendes Merkmal seiner Arbeiten, ermuntert er sein Ensemble zu einem extrem körperlichen Spiel. Privat schaut er am liebsten Tanzstücke. „Mich interessiert“, sagt er, „was Texte mit Körpern machen. Und umgekehrt.“ Er mag Texte, die Freiräume bieten. Das sind meist Texte der Moderne. „Schiller interessiert mich nicht. Da ist die Story so ausgeklügelt und man muss immer den Kontext mitdenken, wer das schon wie inszeniert hat.“

Aber eine wie Sibylle Berg, die passt: üppige Textflächen, keine konkreten Figurenzuschreibungen. Mit Bergs Stück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ hat er direkt zu Beginn eine Publikums-Hit gelandet am Gorki. Das war im Jahr 2013, Shermin Langhoff und Jens Hillje hatten das Haus gerade frisch übernommen und ihn, Nübling, als Hausregisseur geholt. Was erstmal gar nicht so nahe lag. Nübling nickt: „Mittelalt, weiß, hetero…und damit nicht gerade im Zentrum des Gorki-Interesses.“ War dann aber doch ein Volltreffer. Gepasst hat es auch deshalb, weil er vorher viel mit jungen und mit gemischten Gruppen gearbeitet hat, am Jungen Theater Basel zum Beispiel. Und weil er ursprünglich aus der freien Szene kommt. Viele Jahre hat er in Hildesheim, wo er erst Kulturwissenschaften studierte und später auch unterrichtete, in der freien Theatergruppe Mahagoni mitgewirkt. Genregrenzen von Tanz zu Theater zu Musik haben da keine Rolle gespielt.

Sebastian Nüblings Erfolg als Regisseur kam spät, aber mit Wumms. Irgendwann hat er sich doch Richtung Stadttheater orientiert. Im Jahr 2002 wurde er zum ersten Mal zum Theatertreffen eingeladen. Im selben Jahr wurde er zum „Nachwuchsregisseur des Jahres“ gekürt. Da war er 42 und hatte schon drei Kinder. Fünf weitere Theatertreffeneinladungen folgten. Die Familie hat ihn geerdet: „Erfolg ist relativ, wenn man drei kleine Kinder hat. Da ist es wurscht, wenn die Salzburger Festspiele anrufen, du musst trotzdem um 6.30 Uhr aufstehen, Frühstück machen, die Kinder in die Schule bringen. Das ändert sich nicht.“

Der Sohn eines Landtierarztes

Dass er überhaupt einmal am Theater landen würde, war nicht vorhersehbar. Sein Vater war Landtierarzt. „Es war keine Kulturschaffenden-Familie“, sagt Nübling. Allenfalls habe es daheim mal etwas Musik gegeben. Nübling selbst hat Blockflöte gespielt. Und bemerkenswert lange nicht damit aufgehört. Er hat an der Uni sogar ein Nebendiplom auf der Blockflöte gemacht. „Ich hab nie in einer Band gespielt“, sagt er, „immer nur im Blockflötenensemble. Das war die nächste Nähe zur Kunst. Mit Theater hatte ich überhaupt nichts zu tun.“ Nach Hildesheim kam er zufällig. Sonderschullehrer wäre sein Traum gewesen, aber mit seinem „sauschlechten Abi“ hatte er keine Chance auf einen Studienplatz. Nur in Hildesheim, der Studiengang war gerade neu ins Leben gerufen worden. „Die haben am Anfang alles genommen, was laufen konnte. So bin ich da gelandet.“

Und von dort schließlich an den großen Theaterhäusern des deutschsprachigen Raums. Vier Inszenierungen macht er pro Jahr. Zwei davon am Gorki. Demnächst auch wieder mit Sibylle Berg. Nüblings Anfangserfolg mit „Es sagt mit nichts, das sogenannte Draußen“ haben die beiden in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Zwei weitere Teile gibt es bereits von dieser Serie über das niederschmetternd komische Scheitern von Lebensentwürfen. „Der nächste“, sagt Nübling, „ist schon in der Mache. Der kommt.“