Musik

Rainer Bielfeldt beherrscht die Kunst des lässigen Tiefgangs

Der Pianist wurde an der Seite von Gayle Tufts bekannt. An diesem Wochenende stellt er in der „Wabe“ sein neues Programm vor

Muss nicht zwingend im Rampenlicht stehen: Rainer Bielfeldt

Muss nicht zwingend im Rampenlicht stehen: Rainer Bielfeldt

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Service

Es gibt Zeilen, an denen bleibt man einfach hängen und kommt nicht mehr davon los. Wie: „Wir haben zwei Leben. Und das zweite beginnt, wenn dir klar wird: Wir haben nur eins.“ Rainer Bielfeldt hat sie zufällig im Internet entdeckt, verwendet sie im Titelsong seines neuen Albums „Zwei Leben“. „Keine Ahnung, wer das gesagt hat. Im Zweifelsfall Konfuzius“, scherzt er. Die weisen Worte stammen allerdings nicht von der Aphorismus-Allzweckwaffe, sondern vom brasilianischen Schriftsteller und Essayisten Mário Raúl de Morais Andrade.

Keine Zeit mehr verschwenden, sich aufs Wesentliche konzentrieren. Eine Erkenntnis, die sich bei den meisten spätestens Mitte 50 durchsetzt. So war es auch bei Rainer Bielfeldt. „Es ist eine Reise, die vor ein paar Jahren angefangen hat. Ich habe einfach ein bisschen durchgeputzt, bin die Zeit-, Energie- und Gefühlsstaubsauger losgeworden“, erzählt der Musiker, Komponist und Sänger. Jetzt richtet er den Blick nach vorn, schaut nicht reumütig zurück.

Er ist lange Zeit nicht allein aufgetreten

Diese Stimmung hat er auch in seinen neuen Liedern eingefangen, die er am 31. August in der „Wabe“ in Mitte vorstellen will. „Zwei Leben“ ist Record-Release-Konzert und Premiere von Bielfeldts neuem Programm in einem. Vor zwei Jahren erst hatte er das Album „Die Erinnerung von morgen“ veröffentlicht. Davor aber hat er elf Jahre nicht als Solist gearbeitet. Eine lange Abstinenz, nur deshalb nicht so augenfällig, weil Rainer Bielfeldt künstlerisch anderweitig umtriebig war.

Man kennt den 54-Jährigen als kongenialen Bühnenpartner und Pianisten von Tim Fischer und Gayle Tufts. Mit dem Chanson-Star war er Anfang der Neunziger liiert. Die Beziehung zerbrach. „Uns ist es aber gelungen, die unangenehmen Dinge hinter uns zu lassen“, gesteht Bielfeldt. Die beiden haben um ihre Freundschaft gekämpft. Es hat sich gelohnt. Auch künstlerisch. Seit zehn Jahren stehen sie wieder zusammen auf der Bühne. Tim Fischer singt, Rainer Bielfeldt begleitet.

Viele Jahre an der Seite von Gayle Tufts

Mit Gayle Tufts stand er acht Jahre und acht Shows lang auf der Bühne. „Wir haben viel zusammen aufgebaut. Aber manchmal stimmt die Chemie einfach nicht mehr. Und dann ist es gesünder, auch eine Bühnenbeziehung zu beenden“, findet er. Damals hat er darunter gelitten, wie er zugibt. Wenn er und Gayle Tufts sich heute begegnen, ist jedoch alles sehr entspannt.

Rainer Bielfeldt ist keiner, der permanent im Scheinwerferlicht stehen muss. Er fühlt sich auch in der zweiten Reihe wohl. „Ich arbeite gern als Autor und Komponist, habe da in den letzten Jahren auch viel im Bereich Kinderhörspiel und Musical gemacht. Ich brauche es aber auch, meine eigenen Lieder vorne am Bühnenrand zu singen“, verrät er.

Geboren 1964 in Hamburg und seit langem Wahl-Berliner, trat er in den 1980er-Jahren ursprünglich mal als Solist auf, bevor er Kollegen begleitete. „Ich habe etwas gebraucht, um meinen Platz vorne auf der Bühne zu finden“, sagt er. Lange hat ihn eine Mischung aus Überbeschäftigung und Versagensangst davon abgehalten. „Es gab eine Phase, da habe ich geglaubt, alles machen zu müssen. Comedy, Geschichten erzählen und noch eine kleine Stepptanznummer. Trotzdem hatte ich das Gefühl, das reicht nicht“, erklärt er.

„Ich stehe zur Pause wieder auf“

Elf Jahre hat es gebraucht, das zu ändern. „Mittlerweile singe ich meine Lieder und erzähle dazu kleine Geschichten. Alles sehr konzentriert“, sagt er. Inszenatorische Unterstützung hat er sich dafür bei Edda Schnittgart geholt. Die Regisseurin war früher die Bühnenpartnerin von Ina Müller beim Musik-Kabarett-Duo Queen Bee. Rainer Bielfeldt ist seit den Neunzigern mit ihr befreundet. Wie ein Abend mit ihm aussehen soll, war beiden von Anfang an klar: „Ich gehe zum Klavier und stehe zur Pause wieder auf“, skizziert er den Programmablauf lakonisch.

Dass er mit dem Thema „Zwei Leben“ bei den Zuschauern offene Türen einrennt, weiß Rainer Bielfeldt. Er handelt es aber mitnichten messianisch ab. Seine Lieder sind trotz Tiefgang von einer lässigen Leichtigkeit. Verpackt in wunderschöne Melodien, sprechen sie auch gesellschaftliche und politische Fragen an, die den Musiker umtreiben. Dass die Rechte erstarkt und es Rückschritte in Sachen Toleranz gibt etwa. „Ich mache aber kein politisches Kabarett. Es geht um persönliche Empfindungen und Erleben“, sagt er.

Auch seine Liebesballaden sind leichter geworfen, verströmen nicht mehr die Traurigkeit von einst. Was auch an seinem privaten Glück liegen mag. Vor zwei Jahren hat Rainer Bielfeldt seinen Lebensgefährten Tiago geheiratet. Auch dazu gibt es einen Song. „Ein deutsch-brasilianisches Paar bietet viel Stoff für Geschichten“, plaudert Rainer Bielfeldt aus dem privaten Nähkästchen: „Er ist temperamentvoll und hat ein ganz eigenes Zeitgefühl. Das ist manchmal stressig, manchmal lustig. Man kann dabei aber immer viel voneinander lernen.“ Gemäß dem Motto: Die beste Zeit ist jetzt.

Wabe, Danziger Str. 105, Mitte, 31.8. um 20 Uhr, Karten unter www.wabe-Berlin.info, Tickets 10-18 Euro.