Hamburger Bahnhof

Wenn eine Ausstellung zum Tanzerlebnis wird

Mit der Schau „Retrospective“ gastiert der in Berlin lebende französische Konzepttanz-Protagonist Xavier Le Roy im Hamburger Bahnhof

Ungewöhnliche Ansichten. Xavier Le Roy auf der Taipeh Biennale 2016.

Ungewöhnliche Ansichten. Xavier Le Roy auf der Taipeh Biennale 2016.

Foto: © the artist and Taipei Biennale

„Wwwwwwww!“ Alarmartig klingt der Sound, der hinter der weißen Wand ertönt. Zwei Performer sprinten an deren Ecken hervor, um sogleich auf allen Vieren zurückzukriechen in den quadratischen Bereich, der sich beim Betreten als Schauplatz eröffnet für die performative Ausstellung „Retrospective“. Zwei Wochen lang macht die Performance des in Berlin ansässigen, französischen Konzepttanz-Protagonisten Xavier Le Roy Station in der lichten Historischen Halle des Hamburger Bahnhof. Dort ist „Retrospective“ ein Außenposten der großen Tanzausstellung an der Akademie der Künste „Was der Körper erinnert. Zur Aktualität des Tanzerbes“. Zu sehen war Le Roys 2012 entwickelte Schau bereits auch in den prestigeträchtigen Museen der westlichen Welt: am New Yorker MoMA, dem Centre Pompidou in Paris, in den Hamburger Deichtorhallen, aber auch in Beirut, Rio de Janeiro oder Singapur.

„Die Freiheit der Besucher“

Weltweit unterwegs war Xavier Le Roy nicht nur, weil die Produktionsmöglichkeiten in Berlin für einen Künstler seines Standings zu wenig Kontinuität ermöglichen. Seine Tour verdankt sich auch einer signifikanten Entwicklung der letzten Jahre: Museen öffnen sich den darstellenden Künsten. Bei der Biennale in Venedig wurden mit Anne Imhofs „Faust“ 2017 und der (frei)zeitkritischen Opern-Installation „Sun Sea (Marina)“ der litauischen Künstlerinnen Rugile Barzdziukaite, Vaiva Grainyte und Lina Lapelyte 2019 performative Formate mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Von der Black Box des Theaters in den White Cube des Museums – was kennzeichnet diese Bewegung jenseits der Gewinnung neuen Publikums seitens der Museen, oder einer besseren Finanzsituation für die Künstler? Die Freiheit der Besucher, benennt Xavier Le Roy beim Gespräch sein Interesse an der Arbeit im Museum. Er kommt von der Probe, zwei Stunden hat er mit den zwölf Berliner Performerinnen und Performern den Ablauf der auf komplexen Aufgaben beruhenden „Retrospective“ getestet. Nun nimmt er sich noch eine halbe Stunde Zeit, zieht sich einen Hocker neben den etwas abgetrennten Bereich der Ausstellung, an dem die Computer mit seinem Video- und Textarchiv zugänglich sind. „Im Museum ist die Distanz zwischen Aufführendem und Besucher nicht vorgegeben, sie ist flexibel, und damit kann man spielen“, sagt der Mittfünfziger, der seit 2018 im Gießener Studiengang für Angewandte Theaterwissenschaften sein Wissen weitergibt. Anders als im Theater kann im Museum jeder sein Kunsterlebnis selbst gestalten, sind Ankunftszeit und Verweildauer nicht festgelegt.

Persönliche Verknüpfung mit den Arbeiten

In „Retrospective“ suchen die Besucherinnen ihren eigenen Standpunkt: „Wwwwwwww!“ Mit dem Alarmsound begrüßen die jeweils vier aktiven Performer Neuankömmlinge. Kriechen auf eine ausgewählte Person zu und ziehen sich dann wieder zurück auf ihre Position, wo sie Ausschnitte aus Le Roys Solo-Arbeiten zeigen: „Self Unfinished“ aus dem Jahr 1998, in dem der spätberufene Tänzer seinen langgliedrigen Körper in skurril-skulpturale Posen verknotete; „Product of Circumstances“ von 1999, eine Lecture-Performance über seine künstlerischen Anfänge und choreografischen Ideen. Oder „Le Sacre du Printemps“ von 2007, in dem Le Roy über die Bewegungen des Dirigierens in Dialog mit Strawinskys Komposition trat. Flanierend kann man ausgewählte Posen und Abfolgen begutachten, oder sich in ein Gespräch verwickeln lassen, in dem ein Performer seine eigene Vergangenheit in Beziehung setzt zu Le Roys Schaffen.

Saša Asentić etwa führt mit erhobener Stimme einen Auszug aus „Product of Circumstances“ vor – er spricht im Bühnen-Modus, laut und deutlich hörbar für alle im Raum. Dann erzählt er, der Konvention musealer Stille genügend, einer Handvoll Zuschauer leise von seinem Jahr 1987. Le Roy übte damals Tanz-Exercises des Choreografen Merce Cunningham, die Asentić kurz zeigt, um dann in seiner Geschichte fortzufahren: Damals trat er als Zehnjähriger zum ersten Mal öffentlich auf, bei einer Feier zum Gründungstag der Republik Jugoslawien. Wie die von ihm bewunderte Gymnastin Šeila wollte er ab dann im Rampenlicht stehen. 1992, bei Kriegsbeginn in Bosnien, flüchtete er mit seinen Eltern nach Deutschland. Und wurde, wie in seinem Kindheitstraum, Performer. Für Caitlin Fisher befeuerte im Jahr 1999 – als Xavier Le Roy als Artist in Residence „Product of Circumstances“ am Berliner Podewil uraufführte – die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen ihren Wunsch nach einer Profikarriere. Und Ming Poon zeigt sich fasziniert, dass der autodidaktisch veranlagte Le Roy ohne formales Training ein Solo des Butoh-Meisters Kazuo Ohno formvollendet adaptierte.

Was ist eigentlich ein Rückblick?

Persönliche Geschichten verknüpft mit Le Roys Arbeiten – statt eines Best-of aus dessen Schaffen? Auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch zum Titel der Ausstellung, auf den zweiten Blick der Kern des Konzepts. Was ist eine Retrospektive? – fragt Le Roy. Im Deutschen denkt man an ein Œuvre, an Überblick und gesichertes Wissen. Offener ist der Begriff im Französischen: Zurückblicken kann man auch auf einen Moment, der Vorgang kann persönlich, fragmentarisch und flüchtig sein. „Retrospective“ ist ein Experiment, das die Positionen des Autors, der Aufführenden und der Ansehenden zur Verhandlung stellt. Ein Experiment unter kontrollierten Bedingungen – hier kommt vermutlich Le Roys erste Karriere zum Tragen: Als promovierter Mikrobiologe erforschte er im Labor Krebs-Gene, wie im wiederholt zitierten „Product of Circumstances“ zu erfahren ist. Ein Selbstporträt in Bruchstücken, wie „Retrospective“, wo sich die Ahnung eines Werks zusammensetzt – bevor das nächste „Wwwwwwww!“ ertönt und das Spiel von vorn beginnt.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, Mitte. Geöffnet Di. und Mi. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr, Fr. 10-18 Uhr, Sa. und So. 11-18 Uhr. Montags geschlossen.