Jubiläum

Der Zoo Palast feiert 100 Jahre Filmgeschichte am Zoo

Nein, der Zoo Palast wird nicht 100. Aber er stellt sich seiner Vorgeschichte. Und zeigt noch einmal den Stummfilm „Madame Dubarry“.

Höhepunkt mit Massenstatisterie: Die Hinrichtung der königlichen Kokotte (Pola Negri) in Ernst Lubitsch „Madame Dubarry“

Höhepunkt mit Massenstatisterie: Die Hinrichtung der königlichen Kokotte (Pola Negri) in Ernst Lubitsch „Madame Dubarry“

Foto: picture alliance / united archives

Ein Gerücht geht um in der Stadt. Und wie das Gerüchten so eigen ist, hält es sich hartnäckig: Der Zoo Palast wird 100 Jahre alt. Dabei ist der Zoo Palast nachweislich 1957 eingeweiht worden. Zugegeben am selben Platz und auch im Namen darauf anspielend, dass hier 1919 der Ufa Palast am Zoo eröffnet wurde.

Ein Kino, das allerdings nach anfänglichen Glanzjahren in den 20er-Jahren bald die Propagandafilme des Nationalsozialismus zeigte. Und von dessen Geschichte sich die Betreiber des heutigen Zoo Palastes entschieden distanzieren.

Lange Geschichte voller Licht- und Schattenseiten

„Der langen Geschichte mit allen Licht- und Schattenseiten sind wir uns bewusst. Doch obwohl wir uns in einer Reihe mit den bedeutenden Filmtheatern am Zoo sehen, betrachten wir uns nicht als direkter Nachfolger des alten Ufa Palastes an gleicher Stelle“, sagt Sascha Rybnicki, der das Haus leitet, seit es vor sechs Jahren unter Hans-Joachim Flebbe aufwendig renoviert und als Premiumkino der Spitzenklasse modernisiert wurde.

„Der 1957 eröffnete Zoo Palst, so wie wir ihn heute kennen, wurde von den damaligen Eigentümern, Betreibern und Architekten bewusst in einem neuen freiheitlichen Geist und mit weltoffener Ausrichtung gebaut und später genutzt“, so Rybnicki.

Kommt hinzu, dass auch der alte Ufa Palast am Zoo nicht aus dem Nichts erstand. In der Hardenbergstraße 29 standen ursprünglich die Ausstellungshallen am Zoo, in denen 1909 das erste Berliner Sechstagerennen ausgetragen wurde. 1912 wurden sie im Auftrag der Cines-Filmgesellschaft zu einem Kino umgewandelt, in dem die Cines bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs eigene Filme wie den Monumentalfilm „Quo vadis?“ zeigte. Deshalb hieß das Lichtspielhaus auch Cines-Palast.

Inszeniert, zerstört und wieder aufgebaut

Die während des Kriegs gegründete Universum Film AG, kurz Ufa, ließ das Haus dann nach Kriegsende zu einem Kinopalast ausbauen, das zum bedeutendsten Uraufführungs-Filmtheater der Ufa werden sollte. Hier wurden Stummfilmklassiker wie „Der letzte Mann“ und „Faust“ von F.W. Murnau oder „Die Nibelungen“ und „Metropolis“ von Fritz Lang uraufgeführt. Und das Kino, das 1925 noch mal erheblich erweitert wurde und bis 1929 das größte Lichtspielhaus Deutschlands war, wurde für derlei Premieren selbst in beeindruckte Lichtinstallationen gesetzt.

Während der NS-Zeiten erlebten dann aber auch Propaganda- und Hetzfilme wie „Triumph des Willens“, „Der ewige Jude“ oder „Jud Süß“ ihre Premieren. Als letztes feierte hier, zum 20-jährigen Bestehen der Ufa, im März 1943 „Münchhausen“ Premiere. Bei Luftangriffen der Alliierten auf Berlin wurde das Gebäude am 23. November 1943 vollständig zerstört.

Ein Kinoerlebnis wie vor einem Jahrhundert

An selber Stelle, aber mit inhaltlich komplett anderer Ausrichtung wurde 1957 mit zunächst zwei über einander gebauten Kinosälen der neue Zoo Palast eingeweiht. Er sollte in Zeiten des geteilten Berlins als Schaufenster der Welt dienen und wurde deshalb auch die Hauptspielstätte der Berliner Filmfestspiele wurde, bis diese im Jahr 2000 an den Potsdamer Platz umzog. Nach diversen Umbauten und Betreiberwechseln musste der Zoo Palast 2010 schließen und wurde dann nach aufwendigem Umbau 2013 wieder eröffnet.

Je nachdem, was man alles zu seiner Historie zählt, hätte der Kino-Ort also entweder schon 106 oder erst 83 Jahre auf dem Buckel. 100 aber nicht. Dennoch feiert der Zoo Palast am 18. September nun ein Hundertjähriges. Zwar nicht das des eigenen Hauses. Aber doch „100 Jahre Filmgeschichte am Zoo“.

Sanssouci wird zu Versailles

Genau ein Jahrhundert, nachdem mit diesem Film der Ufa-Palast am Zoo eingeweiht wurde, wird hier noch einmal der Stummfilmklassiker „Madame Dubarry“ von Ernst Lubitsch gezeigt. Im großen Saal. Mit Livemusik. Und einem Zusatzprogramm wie einer Original-Wochenschau jener Zeit.

In der Frühzeit des Stummfilms war der Monumentalfilm zu einer ersten Blüte gewachsen. Und Ernst Lubitsch war ihr unbestrittener Meister im deutschen Film. Die Geschichte über die skandalöse Liebe des Königs Ludwig XV. mit der Kokotte Dubarry hat Lubitsch mit aufwendigen Massenstatisterie und den großen Stars Emil Jannings und Pola Negri verfilmt.

Für den Hof von Versailles musste das Neue Palais in Potsdam als Kulisse dienen. Höhepunkte des Films sind die Erstürmung der Pariser Bastille durch das Volk und die Hinrichtung der Dubarry auf dem Schafott. Auch wenn Lubitsch dabei höchst bedenkenlos mit historischen Fakten umging – und sein Revolutionsdrama in bizarrem Kontrast zu den realen revolutionären Unruhen im Deutschen Reich des Jahres 1919 standen.

Entsetzt über die „Herren vom Sauerkraut“

Die Kritik feierte den Film damals euphorisch. „Lubitsch hat sich hier selbst übertroffen und alles bisher Geleistete vergessen gemacht“, schrieb etwa die „Licht-Bühne“ und schwärmte: „Ob Freund, ob Feind, wer ‚Graf Dubarry‘ sieht, muss das zugeben.“

Tatsächlich war Frankreich zunächst entsetzt, dass seine Historie so kurz nach dem Großen Krieg ausgerechnet von den Deutschen verfilmt wurde, den „Herren vom Sauerkraut mit ihren kleinen runden Augen und ihren schweren Bäuchen“, wie „La Cinématographie Française“ lästerte. Das fertige Produkt fand das Magazin dann aber doch, „abgesehen von einigen Irrtümern, für bewundernswert“.

Extra-Gänsehaut beim Genius loci

Der Zufall will es, dass Lubitschs „Madame Dubarry“ gerade erst im August bei den Ufa-Filmnächten auf der Museumsinsel unter freiem Himmel gezeigt wurde. Dort allerdings mit dezidiert neutönenden Klängen von Ekkehard Wölk.

Für den Zoo Palast hat der bekannte Stummfilmkomponist und -begleiter Stephan Graf von Bothmer eine Eigenkomposition geschafft, die wohl mehr den Ohren schmeichelt und vom Metropolis Orchester Berlin gespielt wird. Selbst wer „Madame Dubarry“ gerade erst gesehen hat, wird sie so noch mal ganz anders erleben. Und am Genius loci streicht da sicher noch mal eine extra Gänsehaut über den Rücken.

Zoo Palast, 18. September, 19.30 Uhr.