Ausstellung

Warum László Moholy-Nagy ein Vorreiter des Internets war

Beginn der modernen Typographie: Die Kunstbibliothek rekonstruiert eine historische Berliner Ausstellung

László Moholy-Nagy, Selbstporträt, 1926.

László Moholy-Nagy, Selbstporträt, 1926.

Foto: picture alliance / Heritage-Images

Der Maler, Fotograf und Bühnenbildner László Moholy-Nagy stellte 1929 eine spröde klingende Frage: „Wohin geht die typografische Entwicklung?“ Ihrer Beantwortung widmete der Berliner Martin-Gropius-Bau seinerzeit einen ganzen Raum. Anlässlich des diesjährigen Bauhaus-Jubiläums hat die Berliner Kunstbibliothek diesen historischen Raum aus der Frühzeit des modernen Gestaltens rekonstruiert: mit 78 gut erhaltenen Schautafeln, die bereits 1930 als Geschenk des Künstlers in die Kunstbibliothek gelangten.

Damit wurden im Jubiläumsjahr in Berlin gleich zwei historische Moholy-Nagy-Räume rekonstruiert. Erst vor wenigen Tagen endete eine Ausstellung zum Bauhaus im Museum für Fotografie, wo man einen historischen Raum in 3D erleben konnte.

Die Kabinettsausstellung in der Kunstbibliothek macht deutlich, dass der Medienumbruch des frühen 20. Jahrhunderts kaum weniger einschneidend und aufregend war als der Wandel von der analogen zur digitalen Technologie. Die Massenmedien Film und Fotografie wälzten Sehgewohnheiten um, illustrierte Blätter kamen auf – und die Werbe- und Propagandaindustrie war im Laufe der 20er-Jahre zu einem eigenen Wirtschaftszweig geworden. Das Aussehen von Büchern und Werbeanzeigen veränderte sich binnen kurzer Zeit radikal. Typografische Monteure emanzipierten sich von der Zunft der Bleisetzer.

Die Typografin Isabel Naegele (Hochschule Mainz) sieht in dem Multitalent aus einem kleinen südungarischen Dorf einen „großen Utopisten“ und „Zampano“, der in allen Medien zu Hause war und eine Schwäche für Simultanität, Großstädte, Maschinen und Telefone hatte. Der Direktor der Kunstbibliothek, Moritz Wullen, betont, dass seine Institution in den 1920er- und 1930er Jahren Mediengeschichte zum Bauhaus aktiv mitgeschrieben habe. Von 1923 bis 1928 lehrte Moholy-Nagy am Bauhaus. 1929 machte er in Berlin ein eigenes Werbe- und Grafikbüro auf. In der NS-Zeit erhielt er Berufsverbot und emigrierte in die USA, wo er in Chicago das New Bauhaus gründete.

Sein rekonstruierter Raum zur Typografie enthält eine kleine Geschichte der modernen Gestaltung. Vorreiter waren für Moholy-Nagy die italienischen Futuristen sowie Guillaume Apollinaire. Diese hätten sämtliche Konventionen gesprengt. Erst dadurch sei der nötige Freiraum geschaffen worden, um Möglichkeiten der neuen Medien zu erkennen. Als Illustration wählte Moholy-Nagy ein Kalligramm des französischen Dichters mit wild durcheinander purzelnden Buchstaben: „SCRABrrRrraaNNG“.

Mit dem russischen Konstruktivismus kamen schwarze und rote Balken als gliedernde Elemente in Mode. Sogenannte „Blickfänger“ – orange, grüne und blaue Pfeile, Bögen oder Rauten – nahmen bald schon Überhand. Auch Bauhaus-Publikationen sahen so aus. Moholy-Nagy zeigt, wie sich Schriftbilder danach wieder beruhigten. In unterschiedlichen Bereichen setzte sich die DIN-Norm (Deutscher Industrie-Normausschuss) durch.

Die Schriftgestaltung wurde elementar

Und danach? Eine doppelseitige Anzeige eines bekannten Füllhalterherstellers in einer amerikanischen Zeitschrift von 1926 zeigt einen Piloten, der aus 3000 Fuß Höhe eine bruchsichere Füllfeder abwirft. Wie ein Wurfgeschoss saust das Schreibgerät zur Erde. „Das illustrierte Blatt“ überblendete eine Textseite frontal mit einem Foto von Boxern.

Teil der Ausstellung waren auch Entwürfe bekannter Künstler: etwa Herbert Bayers Einladung zum „Bart-, Nasen-, Herzensfest“ am Bauhaus oder die „Biersteuer-Erklärung“ des Magistrats Hannover, bierernst gestaltet von Kurt Schwitters. In eigenen Arbeiten strebte Moholy-Nagy kreative Verbindungen von grafischen, visuellen und akustischen Medien an. Das lässt ihn als Vorreiter des Internets erscheinen.

Moholy-Nagy hat die Ausdrücke „Elementare Typografie“, „Funktionale Typografie“ oder auch „Neue Typografie“ geprägt. Für Breitenwirkung des Ansatzes aber sorgte der Gestalter Jan Tschichold. Auf dem Kinoplakat zu „Die Frau ohne Namen“ (1927) erzeugte er aus Fotografien und grafischen Elementen visuelle Sogwirkung. Später rückte Tschichold von der Strenge und Normierung funktionaler Typografie ab und verglich diese mit totalitärer Gesinnung faschistischer Regime und Goebbels’ „Gleichschaltung“.

Modernes Gestalten war kompatibel mit dem Kapitalismus und dem Sozialismus, mit Demokratie und Totalitarismus. In Russland wollte die funktionalistische Avantgarde auf Linie mit der Kommunistischen Partei die Gesellschaft umgestalten, doch schon Anfang der 20er-Jahre, mit der Einführung der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NÖP), schwand ihr Einfluss. Konstruktivisten wurden als „Mystiker“ und „Narren“ belächelt. Später bildete sich der Mythos der „Unschuld der Avantgarde“ heraus.

Die Kunstbibliothek verzichtet (außerhalb des Katalogs) auf historische Einordnung. Sie präsentiert die Ausstellung von 1929 gewissermaßen pur – und bietet Besuchern Gelegenheit für eine Zeitreise in die frühe Moderne.

Kunstbibliothek am Kulturforum, Matthäikirchplatz 6, Tiergarten. Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa.-So. 11-18 Uhr. Bis 15. September.