Filmfestival

Filmfest von Venedig: Viele Stars und reichlich Wirbel

Am 28. August startet das älteste Filmfestival der Welt zum 76. Mal. Und nicht nur Roman Polanski sorgt schon vorab für Kontroversen.

Im Zeichen des Löwen: Am Lido werden noch die letzten Schrauben für das Filmfest von Venedig gedreht.

Im Zeichen des Löwen: Am Lido werden noch die letzten Schrauben für das Filmfest von Venedig gedreht.

Foto: dpa

Vor ein paar Jahren wäre es noch anders gewesen. Jetzt aber war der Aufreger vorprogrammiert. Kann man in den stark sensibilisierten Zeiten der ##MeToo-Bewegung und nach mehreren Vergewaltigungsvorwürfen Roman Polanski noch ins internationale Rampenlicht eines
A-Festivals einladen? Den Regisseur, der in den 70er-Jahren während eines Verfahrens wegen Sex mit einer 13-Jährigen aus den USA in die Schweiz floh, wo er bis heute lebt?

Polanski, keine Persona non grata

In Venedig ist der Altmeister mit seinem historischen Drama „J’accuse“ auf jeden Fall nach wie vor willkommen – was schon nach der Ankündigung eine heftige Diskussion auslöste. Festival-Chef Alberto Barbera erklärte dazu dem Branchenblatt „Hollywood Reporter“ allerdings, dass man zwischen dem Künstler und dem Mann unterscheiden müsse.

„Wenn jemand ein Verbrechen begeht, sollte er ins Gefängnis“, so Barbera. „Das heißt aber nicht, dass man vergessen soll, dass es sich um einen Künstler handelt, der Arbeiten geschaffen hat, die Teil unserer Filmgeschichte und unseres kulturellen Erbes sind.“

Polanskis Drama konkurriert auf der 76. Ausgabe des ältesten Filmfestivals der Welt mit 20 anderen Wettbewerbsbeiträgen um den Goldenen Löwen, der von einer Jury unter dem Vorsitz der argentinischen Autorenfilmerin Lucrecia Martel vergeben wird. Ob Roman Polanski wirklich persönlich in Venedig auftauchen und sich der Presse stellen wird, ist noch unklar.

Reichlich Glamour ist angesagt

Dafür haben sich aber auch wieder zahlreiche andere Stars angekündigt, die auf dem Lido für Wirbel sorgen werden – wenn auch nicht ganz so kontrovers.

Der erste Glamourauftritt auf dem roten Teppich dürfte dabei am heutigen Mittwoch zwei großen Französinnen gehören. Catherine Deneuve und Juliette Binoche standen zusammen mit Ethan Hawke für den Eröffnungsfilm „The Truth“ vor der Kamera. Das Drama ist das neue Werk des Japaners Hirokazu Kore-eda, der im vergangenen Jahr für seine feine Tragikomödie „Shoplifters“ die Goldene Palme in Cannes gewonnen und nun erstmals in Frankreich gedreht hat.

Hier laufen auch Netflix-Produktionen im Wettbewerb

Während Jungstar Timothy Chalamet und Robert Pattinson nur außer Konkurrenz in „The King“ zu sehen sein werden, tritt James Grays Weltraum-Drama „Ad Astra“ mit Brad Pitt, Liv
Tyler und Tommy Lee Jones im Löwen-Rennen an. Letzterer ist einer von vier US-Beiträgen im Wettbewerb.

Steven Soderberg zeigt seinen Panama-Papers-Film „The Laundromat“ mit Meryl Streep und Gary Oldman, Noah Baumbach hingegen das Scheidungsdrama „Marriage Stoy“ mit Scarlett Johansson und Adam Driver. Dass es sich bei beiden Werken um Netflix-Produktionen handelt, manövrierte Festival-Chef Barbera ebenfalls in vermintes Terrain.

Startrampe für Hollywood

Anders als beim Festival in Cannes zeigt man sich im Umgang mit Filmen des Streamingdienstes im Wettbewerb pragmatischer – was vorab unter anderem für Kritik von der Kinovereinigung „The International Union of Cinemas“ sorgte.

Eine ungewöhnliche, aber damit zugleich sehr vielversprechende Wahl für den Wettbewerb ist Todd Phillips’ „The Joker“. Joaquin Phoenix verkörpert darin den schillernden Comic-Bösewicht und Batman-Widersacher – und schon im nur wenige Minuten langen Trailer hat man den Eindruck, dass es sich um einen ähnlich ikonischen Auftritt handeln könnte wie damals bei Heath Ledger in der Rolle.

Ob das Filmfestival von Venedig, das unter Barberas Leitung zuletzt viel Aufmerksamkeit als Startrampe für spätere Oscar-Kandidaten bekam, mit dieser Auswahl aber weiter diesen Ruf pflegen kann? Das scheint diesmal etwas unwahrscheinlicher.

Dafür ist die Bandbreite des Wettbewerbs aber sehr groß: Von einem Blockbuster wie „The Joker“ über potenzielle Neuentdeckungen bis hin zu den Werken bekannter Autorenfilmer wie Olivier Assayas, Atom Egoyan oder dem norwegischen Löwen-Gewinner Roy Andersson. Ein deutscher Beitrag ist darunter allerdings nicht zu finden.

Wieder kaum Regisseurinnen im Wettbewerb

Immerhin: Katrin Gebbe, die mit „Tore tanzt“ von sich reden gemacht hat, eröffnet mit ihrem neuen Film „Pelikanblut“ die Nebenreihe „Orizzonti“. In der stammen dieses Jahr die Hälfte der Beiträge von Frauen. Im Wettbewerb jedoch sieht es schon wieder anders aus – da wird einmal mehr die ewige Kontroverse um die schwache Beteiligung von Regisseurinnen weitergeführt. Denn dass sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr gleich verdoppelt hat, heißt in diesem Fall nicht viel: Lediglich zwei Frauen zeigen ihre neuen Werke in der Löwen-Konkurrenz.

Die australische Regiedebütantin Shannon Murphy zeigt „Babyteeth“. Und die saudi-arabische Filmemacherin Haifaa Al-Mansour kehrt nach ihrem hoch gelobten Debüt „Das Mädchen Wadjda“ nun mit „The Perfect Candidate“, einer deutschen Co-Produktion, nach Venedig zurück. Ob die beiden Frauen am Ende trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit in Venedig triumphieren werden? Das entscheidet sich am 7. September, wenn alle Diskussionen geführt, alle Kontroversen ausgetragen worden sind – und der Goldene Löwe verliehen wird.