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Berliner Philharmoniker geben Konzert am Brandenburger Tor

Kirill Petrenko hat sich dieses Konzert mit den Philharmonikern gewünscht, um die Klassik hinaus zu den Berlinern zu tragen.

Tausende Zuhörer erlebten Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern am Brandenburger Tor.

Tausende Zuhörer erlebten Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern am Brandenburger Tor.

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Berlin. Kaiserwetter für die Berliner Philharmoniker und ihren neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Bei ihrem ersten Konzert vor dem Brandenburger Tor weht ein laues Sommerlüftchen in der Dämmerung. Viele Zuschauer halten anfangs ihre Handys immer mal wieder hoch, um ein Foto vom Konzert-Ereignis zu machen. Oder es gleich für die Ewigkeit in Gänze aufzuzeichnen, wie zwei Asiatinnen ein paar Meter weiter. Das weltberühmte Orchester vor dem Berliner Wahrzeichen schlechthin. Stimmungsvoll illuminiert in Blautönen. Eine malerische Kulisse. Mehr Hauptstadt geht nicht an diesem Abend.

Seit dem frühen Abend sind 35.000 Zuschauer auf den 17. Juni geströmt. Darunter manch einer, der eigens für das Konzert angereist ist. Da das Mitbringen von Klappstühlen und Hockern untersagt ist, machen viele Zuschauer aus der Not eine Tugend und setzen sich auf den nackten Boden vor der Bühne. Nicht gerade bequem. Aber bei der großen Vorfreude lässt es sich aushalten. Außerdem entsteht so in Windeseile ein Wir-Gefühl. Man lernt seine Sitznachbarn kennen, kommt ins Gespräch über das anstehende Konzert, Beethoven, Petrenko, Berlin. Musik verbindet bekanntlich. Auch die Erwartung darauf.

Publikum feierte Kirill Petrenko bereits beim Antrittskonzert in der Philharmonie

Bereits am Freitag zelebrierte der russische Dirigent mit den Philharmonikern sein Antrittskonzert in der Philharmonie. Zu Ehren von Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag hat Petrenko dessen Sinfonie Nr. 9 in d-Moll op. 125 ausgewählt. Entstanden zwischen 1822 und 1824, uraufgeführt in Wien, ist die Neunte die letzte vollendete Sinfonie Beethovens. Der Höhepunkt im Oeuvre des Komponisten mit dem grandiosen Götterfunken-Chorfinale zu Friedrich Schillers „Ode an die Freude."

In der Philharmonie wurden Petrenko und die Philharmoniker dafür von Publikum und Kritik schon hymnisch gefeiert. Nun, einen Tag später, spürt man dieselbe Begeisterung auch beim Publikum auf dem 17. Juni. Strahlende, zufriedene Gesichter beim konzentrierten Zuhören allenthalben. Es herrscht eine regelrecht schwelgerische Atmosphäre. Man könnte fast die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören.

Dabei ist der Klang nicht überall gut. Was das Auditorium aber nicht sonderlich stört. Man kann Kirill Petrenko nicht nur vorn auf dem Dirigentenpodest wunderbar bei der Arbeit zuschauen, sondern auch auf zwei Leinwänden. Zumeist mit einem feinen Lächeln auf dem Gesicht, scheint er die Sinfonie in Gestik und Mimik zu leben. Erweckt sie mit mal filigranen, mal ausholenden Bewegungen zum Leben. Und die Berliner Philharmoniker antworten mit Beethovens einzigartigem Jahrhundertwerk. Das ist nicht nur die Hymne der Europäischen Union, sondern wurde auch 2001 als erste Komposition überhaupt ins Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen.

Bei Beethovens Neunter liegt ein Zauber über dem Brandenburger Tor

Beethovens Neunte ist ein Werk der Extreme. Technisch enorm anspruchsvoll. Dramatisch und zart, wuchtig und verspielt. Eine Sinfonie der Gegensätze. Dazu kommt das unsterbliche Chorfinale, auf das alle Zuschauer hinfiebern. Als Kwangchul Youn mit seinem tiefen Bass die ersten Verse anstimmt, liegt plötzlich ein ganz besonderer Zauber über dem Platz. Sopran Marlis Petersen, Mezzosopran Elisabeth Kulman und Tenor Benjamin Bruns folgen ihm.

Wie unbändig die Kraft der „Ode an die Freude“ ist, wird deutlich, als der Rundfunkchor Berlin machtvoll, beinahe jubelnd einsetzt. Einstudiert von Gijs Leenaars. Die Zuschauer wippen mit, manche singen leise. Überall glänzende Augen. Ein hundertprozentiger Gänsehautfaktor. In diesem Moment atmet der ganze 17. Juni Beethovens humanistische Botschaft. Schillers Traum „Seid umschlungen, Millionen. Diesen Kuss der ganzen Welt“, das Ideal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Das Konzert ist Teil der Feiern zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Die Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko haben das Brandenburger Tor dafür nicht zufällig als Ort ausgewählt. Ist es doch ein internationales Symbol für das Überwinden von Gegensätzen und Grenzen. Wie geschaffen, um davor Beethovens Hymne an die Freiheit und Verbundenheit aufzuführen. Von einem Orchester, in dem 125 Musiker aus 28 Nationen spielen.

Kirill Petrenko und die Philharmoniker machen Berlin ein einzigartiges Geschenk

Auch das Publikum ist international. Berliner und Touristen feiern diesen Abend gemeinsam. Die Neunte auf der ganz großen Bühne war auch ein Wunsch des als schüchtern geltenden Maestro Petrenko. Damit will der 47-Jährige die Klassik hinaus zu den Berlinern und ihren Gästen aus aller Welt zu tragen. Ein Geschenk an die Stadt, das auf der philharmonischen Fanmeile nur zu gern angenommen wird.

Der Applaus nach den rund siebzig Minuten will gar nicht enden. „Bravo“-Rufe ertönen. Die Begeisterung ist grenzenlos. Und viele hoffen darauf, dass dieses Konzert kein einmaliges Ereignis war. Umsonst und draußen, das kannte man bislang schließlich nur von der Staatskapelle Berlin mit ihren jährlichen Sommerkonzerten unter dem Motto „Staatsoper für alle.“ Aber wer weiß? Vielleicht wird aus der Gratis-Klassik unter freiem Himmel ja auch eine neue Tradition der Philharmoniker. Aber schon jetzt haben das Orchester und sein neue Chefdirigent einen festen Platz im Herzen der Berliner.