Tag des offenen Denkmals

Voller Entdeckungen: das Landhaus Schade van Westrum

Familie Flüh lässt Besucher beim Tag des offenen Denkmals erstmals das Landhaus Schade van Westrum in Neubabelsberg besichtigen.

Die Villa Schade van Westrum am Griebnitzsee beherbergt zahlreiche Spuren der Vergangenheit.

Die Villa Schade van Westrum am Griebnitzsee beherbergt zahlreiche Spuren der Vergangenheit.

Foto: Katrin Starke

Potsdam.  Als sie unter einem Stapel alter Autoreifen auf das Grammophon stießen, zögerten Caroline Flüh und ihr Mann John keine Sekunde und ließen das Kurbelgerät aus den 20er-Jahren restaurieren. Nicht die einzige Entdeckung, die das Paar bei der ein Jahr währenden Sanierung seines Hauses, der Villa Schade van Westrum in der Villenkolonie Neubabelsberg machte.

Die Wahl-Potsdamer legten auch Reste des Vorgängerbaus frei, den der Geheime Regierungsrat Anton Heyroth 1890 neben einem weiteren kleinen schiefergedeckten Holzbau auf dem Grundstück am Griebnitzsee errichten ließ. „Als wir 1999 die Villa kauften, war mir nicht bewusst, wie viel Geschichte das Haus zu erzählen hat“, sagt Caroline Flüh. Die will sie nun teilen.

Zum Tag des offenen Denkmals am 8. September lädt die Familie erstmals Interessierte zwischen 12 und 17 Uhr in ihr Landhaus in der Virchowstraße 19/21 ein. Die beiden Häuser, die ursprünglich auf dem Grundstück standen, gehörten zu den ersten Gebäuden, die der Berliner Architekt Johannes Lange und die Wolgaster Aktien-Gesellschaft für Holzbearbeitung realisierten. Mit der Seebrücke in Heringsdorf, dem inzwischen abgerissenen Kaiserlichen Pavillon in Spandau oder den Rennbahnanlagen in Karlshorst machten sich Lange und das einst auf den Schiffsbau spezialisierte Wolgaster Unternehmen einen Namen.

Sohn von Sigmund Freund entwarf Architektur

An das Haupthaus nach schwedischem Vorbild erinnert heute nichts mehr. 1921 verkaufte Regierungsrat Heyroth die größere der beiden Holzvillen an die Kaufmannsfrau Hermine Schade van Westrum aus Hamburg, die sie 1927 umfassend umbauen ließ – vom Sohn Sigmund Freuds, dem Architekten Ernst Ludwig Freud. Dessen Ideen prägen bis jetzt das Erscheinungsbild des Gebäudes, ein Mix aus Landhaus und Villa.

Caroline Flüh deutet auf ein Foto von Erich Kästner, das sie auch bei den kurzen Hausführungen am Denkmaltag zeigen will: Unverkennbar hat der Schriftsteller auf der Terrasse des Hauses mit Blick aufs Wasser Platz genommen. Vier, vielleicht sogar fünf Mal sei Kästner in der Villa zu Gast gewesen, hat Flüh recherchiert.

Erich Kästner schrieb hier am „Blauen Buch“

Hier hat er Teile des Drehbuchs zum Film „Münchhausen“ verfasst und an seinem Kriegstagebuch, dem „Blauen Buch“, geschrieben. Flüh hat sich intensiv mit Schriften aus dem Marbacher Literaturarchiv beschäftigt, stieß dabei auf einen Eintrag Kästners vom 24. August 1943: „Er erwähnt, wie zwischen halb eins und drei Uhr Wellen von Bombern am Himmel gen Berlin zogen.“

Vermutlich habe er die Flieger vom Kellerfenster der Villa aus beobachtet, ist für Flüh an diesem Ort Zeitgeschichte greifbar. 1939 hatte nach mehreren Besitzerwechseln der Spandauer Verleger Erich Stückrath das Anwesen erhalten. „Als Entschädigung für sein Berliner Grundstück an der Heerstraße, das den Planungen Albert Speers für eine Hochschulstadt weichen sollte“, erläutert Jörg Limberg von der Unteren Denkmalschutzbehörde.

Die Tochter der Stückraths hat Caroline Flüh noch persönlich kennengelernt, lud sie 2004 nach Potsdam ein. „Sie konnte sich gut daran erinnern, wie ihr Erich Kästner als Kind vor dem Kamin aus seinen Werken und Manuskripten vorgelesen hat“, berichtet Flüh. Die studierte Volkswirtin ist mittlerweile selbst Autorin, schreibt und verlegt Kinder- und Jugendbücher, die sich mit Preußen zur Zeit Friedrichs II. beschäftigen. Dass der geschichtsträchtige Ort, sie dazu inspiriert habe, will sie nicht ausschließen. Auch die „hohe Politik“ ist mit der Historie des Hauses verbunden.

Britischer Außenminister war 1945 einquartiert

„Der britische Außenminister Anthony Eden wurde während der Potsdamer Konferenz 1945 mit seiner Entourage hier einquartiert“, sagt Denkmalpfleger Limberg. Dass die damaligen Eigentümer zuvor innerhalb von zwei Stunden das Haus für immer verlassen mussten, sei ein typisches Schicksal in der Villenkolonie gewesen.

„Am 19. Juli bat Eden den russischen Außenminister Molotow zum Mittagessen“, zeigt Flüh auf ein Foto mit den Anzugträgern im Garten. Flüh hat einen Tagebucheintrag des Briten parat. Der mokierte sich nicht nur über das herrische Gebaren des Amtskollegen, sondern auch darüber, dass Molotows Soldaten das Grundstück mit Maschinenpistolen gesichert hätten. Auch Spuren des jüngsten Zeitgeschehens sind zu finden: Lenin, Marx, Engels und Thälmann samt Panzerkreuzer grüßen von den Resten eines Wandgemäldes. „Im Keller zogen wir diverse Kabelleitungen aus den Wänden, stolperten über einen Faradayschen Käfig“, erzählt Caroline Flüh. „In Wandschächten lagerten zudem Spritzpatronen und Auto-Kennzeichen.“ Womöglich Hinweise auf Abhörtätigkeiten und geheimdienstliche Aktionen der früheren Nutzer, vermutet sie.