Antrittskonzert

Kirill Petrenko fordert, die Philharmoniker liefern

Der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko, ist bei seinem ersten Konzert begeistert gefeiert worden.

Kirill Petrenko, der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, nimmt am Schluss seines Antrittskonzerts in der Berliner Philharmonie den Applaus des Publikums entgegen.

Kirill Petrenko, der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, nimmt am Schluss seines Antrittskonzerts in der Berliner Philharmonie den Applaus des Publikums entgegen.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin. Roter Teppich, Blitzgewitter, ganz viel Prominenz: Feierlich wie immer laden die Philharmoniker zur Saisoneröffnung. Doch diesmal kommen auch Neugier und Spannung dazu. Und das nicht nur, weil Kirill Petrenkos Antritt als neuer Chefdirigent der Philharmoniker bevorsteht. Nein, es liegt auch daran, was Petrenko gleich zu Beginn seiner Amtszeit vorhat: einen riesigen Beethoven-Doppelschlag, erst in der Philharmonie, dann am Brandenburger Tor.

Beethovens Sinfonie Nr. 9 op. 125 mit dem berühmt-berüchtigten Götterfunken-Finale. Ein Werk, das Grenzen sprengt. Ein Mount-Everest-Werk, mit dem man sich sein Leben lang beschäftigen kann, aber trotzdem nie ganz verstehen und beherrschen wird. Das Scheitern müssen Dirigent und Orchester hier gleichsam einplanen – ähnlich wie Pianisten, wenn sie Beethovens Hammerklavier-Sonate op. 106 im Konzert spielen.

Die Philharmoniker kennen Beethovens Neunte

Anderseits: Die Philharmoniker kennen Beethovens Neunte tatsächlich in- und auswendig. Und Petrenko kann natürlich an seinen Vorgänger Rattle anknüpfen, der im Herbst 2015 einen kompletten Beethoven-Zyklus mit den Philharmonikern gemacht hat. Noch wichtiger allerdings: Die Musiker sind ganz heiß auf diesen Abend. Sie wollen aller Welt beweisen, dass Petrenko bestens zu ihnen passt.

Und das hört man diesem Beethoven auch an. Hohe Konzentration, bedingungslose Hingabe und eine Menge Herzenswärme – Petrenko fordert, die Philharmoniker liefern. Fast müßig zu erwähnen, dass die Musiker dabei in besonderer Festtagbestbesetzung auflaufen: mit den beiden Ersten Konzertmeistern Daishin Kashimoto und Daniel Stabrawa und weiteren Doppelspitzen in den Streichergruppen. Und natürlich mit den Bläser-Stars Albrecht Mayer und Emmanuel Pahud, Andreas Ottensamer und Stefan Dohr.

Doch wie ist sie nun, die Beethoven-Neunte unter Kirill Petrenko? Sehr flott in den Tempi, extrem kontrastreich in Dynamik und Artikulation. Und kein bisschen feierlich. Denn Petrenko lässt Freude und Schrecken schonungslos aufeinanderprallen. Er führt vor Ohren, wie untrennbar Schönheit und Hässlichkeit in dieser Musik miteinander verbunden sind. Und dass Freiheit und Brüderlichkeit zwangsläufig einhergehen mit Gewalt und Unterdrückung.

Petrenkos Neunte spricht die Sprache des Krieges

So zumindest der Eindruck, den Petrenko im Finale hinterlässt: Neben aller strahlenden Freiheitsbekundungen von Rundfunkchor und Solisten-Ensemble sprechen die Philharmoniker hier nämlich eine ganz andere Sprache – die Sprache des Krieges. Es wird zwar bestimmt nicht jedem schmecken, wie Petrenko das Freuden-Finale auf Krawall trimmt. Doch eines muss man ihm lassen: Es ist eine faszinierend durchchoreographierte Hetzjagd, mit den Philharmonikern in Hochform. Und vor allem scheint es das Ende eines schlüssigen Konzepts zu sein. Denn insgesamt wirkt Petrenkos Neunte, als habe hier Gustav Mahler Pate gestanden.

Weil Petrenko schon von Beginn an so stark das Triviale der Musik betont. Das Triviale, das jederzeit in hohe Kunstfertigkeit umschlagen kann. Oder umgekehrt. Und weil Petrenko diese Beethoven-Sinfonie als radikal rätselhafte Welt für sich deutet – voller Gefahren und Verführungen, Paradoxien und Widersprüche.

Dass sich das Publikum darin nicht verliert, liegt an Petrenkos zügiger Führung und seinem wachsamen Weitblick. Was anderseits leider etwas zu Lasten des Adagios geht, dem eigentlichen Herzstück der Komposition: Bei Petrenko wirkt das Adagio nun wie ein beschwingtes Andante, das ganz im Hier und Jetzt verwurzelt ist. Sehr gesanglich und klangschön dargeboten, aber ohne Geheimnis und innere Spannung.

Äußere Spannung dagegen bietet Petrenko in den anderen Sätzen im Überfluss. Rundum am überzeugendsten: das Scherzo an zweiter Stelle. Wie blitzschnell die Philharmoniker hier zwischen schelmischem Spaß und brutalem Ernst hin- und herschalten, zwischen Mendelssohnscher Leichtigkeit und wuchtiger Dramatik – das ist ein ganz großer Genuss.

Alban Bergs „Lulu“-Suite ist ein Genuss

Und ebenfalls ein Genuss: Alban Bergs „Lulu“-Suite, die Petrenko allerdings nur in der Philharmonie spielen lässt, nicht am Brandenburger Tor. Vermutlich, weil es sich dabei um ein zwölftöniges Werk handelt, das größere Menschmassen abgeschreckt hätte. Doch nach diesem Freitagabend kann man sich da gar nicht mehr so sicher sein. Denn was Petrenko macht, ist beste Werbung in Sachen Alban Berg und Klassischer Moderne.

Sinnlich bis zum Anschlag lässt er Bergs Ausschnitte aus der Oper „Lulu“ spielen, unverkennbar im Geiste der Spätromantik – und wiederum mit klarem Bezug zu Gustav Mahler. Das Geräuschhafte hebt er sich später für Beethoven auf, hier nimmt er die Zuhörer liebevoll an die Hand. Sopranistin Marlis Petersen singt das „Lied der Lulu“ dabei zwar so nett und gesund, dass die Abgründe der Opernheldin kaum erfahrbar werden. Aber anderseits passt das sehr gut zu Petrenkos Absicht: Alban Berg dem Publikum auf schonende Weise beizubringen. Und sogar Appetit auf mehr zu machen.

Leider steht im nächsten Jahr erstmal ein Beethoven-Jubiläum an, deshalb wird Petrenko zu Ostern Beethovens „Fidelio“ machen. Aber später hoffentlich auch mal Alban Bergs „Lulu“ oder „Wozzeck“. Oder auch Schönbergs „Moses und Aron“. Zeit genug wäre dafür auf jeden Fall, wenn Petrenko möchte: Bei den Philharmonikern hat er einen unbefristeten Vertrag. Mindestlaufzeit sieben Jahre.

Und nach diesem Antrittskonzert sind zwei Dinge ganz bestimmt keineswegs geringer geworden – die Neugier und Spannung, wie es in Berlin mit Petrenko weitergeht. Doch erstmal wird Petrenko mit den Philharmonikern und Beethovens Neunter auf Tour gehen. Danach kehrt er unter anderem mit Gustav Mahlers Sechster Sinfonie zurück. Mit einem Werk, das er den Philharmonikern noch schuldig ist: Wenige Monate vor der Chefdirigenten-Wahl 2015 hatte Petrenko diese Mahler-Sinfonie unter ungeklärten Umstanden abgesagt. Es hat ihm zum Glück nicht geschadet.

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