Nationalgalerie

Udo Kittelmann: Abschied eines großen Kunstvermittlers

Udo Kittelmann will seinen Vertrag als Direktor der Nationalgalerie nicht verlängern – ein Verlust für Berlin.

Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie

Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie

Foto: Britta Pedersen / dpa

Berlin. Es ist eine überraschende Entscheidung: Der Direktor der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, Udo Kittelmann, wird seinen bis zum 31. Oktober 2020 laufenden Vertrag nicht ver­längern. Dies geschehe „auf eigenen Wunsch“, teilte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz am Mittwoch mit. Die kommissarische Leitung der Nationalgalerie soll nach seinem Ausscheiden und bis zur Neubesetzung des Postens sein Stellvertreter Joachim Jäger übernehmen.

Die Tür zur Gegenwart stand immer offen

Nachdem er sein Amt am 1. November 2008 als Nachfolger von Klaus-Peter Schuster angetreten hatte, wird Kittelmann zwölf Jahre lang an der Spitze der Sammlung gestanden haben. Sie umfasst fünf Häuser: die Alte und die Neue Nationalgalerie, das Museum Berggruen, die Sammlung Scharf-Gerstenberg und den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart. Zuvor hatte er nach verschiedenen beruflichen Stationen – zunächst als Augenoptiker, bald darauf als Ausstellungsorganisator und -kurator – als Direktor das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main geleitet.

Zu Kittelmanns vielfältigen Verdiensten gehört, die Nationalgalerie für die Positionen der Gegenwartskunst noch weiter geöffnet zu haben. Ein Beispiel dafür ist die kurz nach seinem Amtsantritt eingerichtete Ausstellung „Die Kunst ist super!“ im Hamburger Bahnhof, an der nicht nur der Titel erfrischend und unkonventionell war. Mit großer Lust am Experiment kombinierte die Schau die ikonischen Klassiker der modernen Kunst – wie etwa das „Fahrrad-Rad“ von Marcel Duchamp – mit zeitgenössischen Arbeiten wie der Installation „It Will All Turn Out Right in the End“ des damals erst 32-jährigen slowakischen Künstlers Roman Ondák. Gegenüberstellungen wie diese erlaubten es, auch sattsam bekannt Geglaubtes plötzlich in neuem Licht zu sehen.

Um den umfangreichen Sammlungsbestand und seine Präsentation machte sich Kittelmann mit seinem Team auch in den folgenden Jahren verdient, etwa als er in den Jahren 2010 bis 2016 in der Alten und der Neuen Nationalgalerie die Geschichte der Sammlung von 1900 bis 1968 Revue passieren ließ. Für die Zeit des Nationalsozialismus – „Die Schwarzen Jahre“, wie die Ausstellung hieß – wurde im November 2015 im Hamburger Bahnhof ein extra dafür eingerichteter Ausstellungsraum eröffnet, in dem bedeutende Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, Pablo Picasso oder Käthe Kollwitz präsentiert wurden. Die Schau vermittelte einen guten Eindruck davon, wie unterschiedlich – von Entrechtung bis zur Indienstnahme durch das Regime – die Lebenswege von Künstlern in dieser Zeit verlaufen konnten. Sie wies damit erzählerisch in die Richtung der überaus erfolgreichen, ihre Ambivalenzen ebenfalls offen präsentierenden Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“, die noch bis 15. September im Hamburger Bahnhof zu sehen ist.

Die Berliner Museumslandschaft hat schon seit dem Kaiserreich ein enges Verhältnis zu privaten Sammlern. Zu Udo Kittelmanns Bilanz gehört auch, diese Tradition fortgeführt und solche bedeutenden Kollektionen – etwa die von Ulla und Heiner Pietzsch, von Erich Marx, Egidio Marzona oder die umstrittene „Flick-Collection“ – im öffentlichen Bewusstsein präsent gehalten zu haben. Aber auch einige spektakuläre Neuerwerbungen fallen in seine Amtszeit.

Das 1930 entstandene Werk „Abend über Potsdam“ der deutsch-schwedischen Malerin Lotte Laserstein (die erst kürzlich mit einer sehr gelungenen Schau in der Berlinischen Galerie vielen wieder in Erinnerung kam) sicherte Kittelmann bereits 2010 zusammen mit Philipp Demandt bei einer Sotheby’s-Auktion für die Nationalgalerie – ein echter Coup, wie jeder weiß, der vor diesem Bild einmal gestanden und seine Kraft gespürt hat. Weitere Werke wie Max Beckmanns „Selbstbildnis in Bar“ (1942) oder auch das Werk „The Pro­bable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3“ (2013-2015) der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin Adrian Piper, das Besuchern des Hamburger Bahnhofs vielleicht noch aus jüngerer Zeit in Erinnerung ist: Die auf der Biennale in Venedig 2015 mit dem Goldenen Löwen prämierte Installation ruft die Besucher dazu auf, sich einem Netzwerk von Menschen anzuschließen, die sich zu ethischen Grundsätzen wie Ehrlichkeit bekennen. Nur wenige Wochen nach der Ernennung Donald Trumps zum 47. Präsidenten der USA wirkte das im Frühjahr 2017 wie ein dringender Weckruf – und wie ein Beweis dafür, wie viel Relevantes ein Museum zum Gegenwartsdiskurs beitragen kann.

Kittelmann hinterlässt ein vielfältiges Erbe

Wenn im Oktober oder Anfang November der Spatenstich für den Neubau der Nationalgalerie erfolgt, wird dies noch in Kittelmanns Verantwortung geschehen – die Eröffnung wird schon seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin vorbehalten sein. Die Entscheidung über die Neubesetzung dürfte angesichts der vergangenen zwölf Jahre sicher nicht leicht zu fällen sein, die Fußstapfen sind groß. Dass für ihn allerdings noch nicht der Ruhestand angebrochen ist, deutet die Würdigung Hermann Parzingers an, des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: „Udo Kittelmann hat die Nationalgalerie im nationalen wie internationalen Rahmen zum global player gemacht, wofür ich ihm auch persönlich zu großem Dank verpflichtet bin. Seine außergewöhnlichen kuratorischen Fähigkeiten, seine Lust an der Kunst sowie sein untrügliches Gespür für interes­sante Positionen werden uns an anderen Orten sicher auch weiterhin noch in Staunen versetzen.“